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Goldene Bücher von Städten mit unangenehmem Erbe

Stralsund/Schwerin Goldene Bücher von Städten mit unangenehmem Erbe

Gästebücher aus Umbruchzeiten wurden zensiert oder in der Toilette versenkt

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Stadtarchivar Dirk Schleinert zeigt prominente Unterschriften in den Goldenen Büchern Stralsunds.

Quelle: Foto: Stefan Sauer/dpa

Stralsund/Schwerin. . Sie sind das komprimierte „Who is Who“ ihrer Zeit. In den Goldenen Büchern der Kommunen von Mecklenburg-Vorpommern stehen die Autografen bekannter Zeitgenossen. Oftmals trennen nur wenige Seiten DDR-Staatschef Erich Honecker von Kosmonaut Sigmund Jähn.

Im Goldenen Buch der Hansestadt Stralsund, das sich „Gästebuch“ nennt, versammelt sich gar die jüngere Weltgeschichte: US-Präsident George W. Bush bedankt sich 2006 für die warmherzige Gastfreundschaft. Der EU-Kommissionspräsident Jean Claude Juncker versieht seinen Eintrag 2012 mit einem selbstgemalten Herzchen.   „Die Goldenen Bücher sind ein Dokument der Geschichte und deshalb besonders bewahrenswert“, sagt Stralsunds Stadtarchivar Dirk Schleinert.

Nach offizieller Lesart beginnt die Geschichte der Goldenen Bücher in MV erst nach 1945. „Wenig glaubhaft“ findet das Archivar Schleinert. Denn die Traditionen der Goldenen Bücher in Norddeutschland reicht bis in die NS-Zeit zurück. Dagegen finden sich in den Stadtarchiven der sechs größten Städte in MV keine Exemplare aus NS-Zeiten.

Zu vermuten sind in den Städten, in denen 1945 die Sowjettruppen einzurücken drohten, nicht nur ideologisch motivierte Säuberungen, sondern gar die Vernichtung der kompletten Gästebücher durch die früheren Machthaber – zumal es in Städten wie Rostock, Greifswald und Stralsund Hinweise auf deren Existenz oder sogar Fotobeweise gibt. In Rostock ist von dem anlässlich des Hitler-Geburtstages 1939 angelegten Ehrenbuch nur noch der Buchdeckel erhalten, wie Stadtsprecher Ulrich Kunze sagte. Alte Fotografien im Stralsunder Stadtarchiv zeigen Hitlers Marinechef Admiral Karl Dönitz und Reichsjugendführer Artur Axmann beim Eintrag in das Buch. Das Buch selbst ist weg. Aus Greifswalds erstem Goldenen Buch wurden offenbar Seiten entfernt, wie eine Stadtsprecherin sagte. Der nun erste Eintrag im Februar 1949 stammt von einer griechischen Delegation, der zweite im Juli 1949 vom dänischen Autor Martin Andersen Nexö. Auch in Schwerin wird ein älteres Goldenes Buch vermutet – das älteste noch vorhandene beginnt 1960.

Am Umgang mit Goldenen Büchern  bewahrheitet sich der alte Archivarspruch, dass die historisch interessantesten Zeiten am schlechtesten dokumentiert sind. Die Unsicherheiten in Zeiten des Umbruchs wurden von den scheidenden Vertretern der  Macht genutzt, Akten ideologisch zu bereinigen, entweder auf Anordnung oder freiwillig zum Selbstschutz, vermutet Schleinert.

In Schwerin betraf dies wohl auch die Zeit von 1989/90. Dort ging man mit diesem „Stück Zeitgeschichte“ in den Wendewirren überhaupt nicht pfleglich um. Zusammen mit Personalakten von tausenden ausreisewilligen Schwerinern wurden zwei Goldene Bücher in der Toilette des Stadtbades gefunden, erinnert sich der Mitarbeiter des Stadtarchivs, Rainer Blumenthal. In den Büchern fehlten Seiten – unter anderem mit Einträgen von Honecker oder auch Wilhelm Pieck. Blumenthal vermutet Autografensammler oder ehemalige Funktionäre der Bezirksstadt als Verursacher.

Bundespräsident Richard von Weizsäcker, der sich im Dezember 1990 in ein jungfräuliches Exemplar eintrug, habe süffisant angemerkt, er hätte keine Probleme damit gehabt, im Goldenen Buch hinter Honecker zu stehen.

Auch in der Hansestadt Wismar wurde 1990 ein neues Ehrenbuch angelegt. Der schwedische König Carl XVI. Gustaf und Königin Silvia von Schweden finden sich darin – auch ein Eintrag von Norbert Blüm, der seine Unterschrift künstlerisch darstellte. In Rostock ragt sicher der Eintrag des Künstlers Christo heraus, dessen Seite künstlerisch gestaltet sei, sagte Stadtsprecher Kunze. In Neubrandenburg gibt es ein Ehrenbuch seit 1987, in das sich unter anderem Michail Gorbatschow eintrug.

Tradition wurde in Italien begründet

Der historische Ursprung der Tradition Goldener Bücher ist nicht ganz klar. Hinweise reichen bis ins Mittelalter, als italienische Städte Adelsverzeichnisse anlegten. Im Norden erkannte Kiel als eine der ersten Städte die Vorteile eines Goldenen Buches. Kein geringerer als Kaiser Wilhelm II. nahm darin am 12. November 1911 zur Eröffnung des neuen Rathauses den ersten Eintrag vor.

Martina Rathke

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