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Greifswalder knutschen für Böttinger

Greifswald Greifswalder knutschen für Böttinger

Die TV-Moderatorin aus Köln hatte im ZDF gesagt, sie wolle mit ihrer Frau lieber nicht Hand in Hand durch Greifswald laufen / Ein schwules Paar will ihr nun zeigen, dass Vorpommern weltoffen ist

Greifswald. „Ich mache für Frau Böttinger gern den Stadtführer“, sagt Thomas Jager. „Dann kann ich ihr zeigen, wie die Greifswalder sind.“ Für den 29-jährigen Augenoptiker und seinen Freund Marcel Mengdehl (22) steht fest: Greifswald ist eine weltoffene Stadt. Daran hat auch die strittige Aussage der Kölner TV-Moderatorin Bettina Böttinger nichts geändert. In der ZDF-Sendung „Markus Lanz“ hatte sich die 60-Jährige vor einigen Tagen abschätzig über die Hansestadt geäußert (die OZ berichtete) und zu Toleranz von gleichgeschlechtlichen Beziehungen gesagt:

„Da (in Köln) ist es, glaube ich, einfach liberaler und selbstverständlicher. Ich möchte auch nicht mit meiner Frau Hand in Hand durch Greifswald rennen. Ich glaube, da sind andere Ressentiments.“

Dieser Aussage widerspricht Jager. Er lebt seit 2006 in Greifswald – und flaniert mit seinem männlichen Partner entspannt Hand in Hand durch die Innenstadt. „Wenn uns danach ist, knutschen wir auch“, sagt er. „Eigentlich ist das in Greifswald ganz normal“, sagt Marcel Mengdehl. Der Einzelhandelskaufmann ergänzt: „Wir haben noch nichts Negatives erlebt.“ Die Frauen würden mit dem Knutschen in der Öffentlichkeit jedoch lockerer umgehen. „Unter Hetero-Frauen ist Küssen normal“, sagt Jager. „Die Knutschen ständig“, sagt Mengdehl. „Männer hingegen umarmen sich nur im Stadion.“ Die häufigste Reaktion auf ihr Knutschen in der Fußgängerzone sei Getuschel. „Jeder weiß dann, dass man einen neuen Freund hat“, sagt Jager. „Bei Hetero-Pärchen ist dies in Greifswald aber genauso.“

Die Akzeptanz gleichgeschlechtlicher Paare ist laut dem „Aktionsbündnis Queer in Greifswald“ in der Hansestadt hoch. Der im Jahr 2013 gegründete Verein, dem Thomas Jager als stellvertretender Vorsitzender angehört, geht davon aus, dass im Landkreis Vorpommern-Greifswald sieben Prozent der Bevölkerung homosexuell sind. Für die Hansestadt selbst schätzt man den Wert auf acht Prozent, auch im Land soll der Anteil zwischen 8 und 10 Prozent liegen.

Die gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften, die in den vergangenen Jahren vom Greifswalder Standesamt geschlossen wurden, haben zugenommen. Waren es in den Jahren 2009 und 2010 jeweils nur zwei Paare, so gaben sich 2015 gleich 14 Paare das Jawort. Für Jager und Mengdehl ist dies eine Option für die Zukunft. „Wenn wir die gleichen Vorteile haben wie Hetero-Paare“, sagt Jager. Er ist sich sicher: Bessert sich die gesetzliche Lage, kommt es in MV zu einem massiven Anstieg homosexueller Hochzeiten.

Derzeit beschäftigt die Männer aber das gemeinsame Wohnen. Seit rund einem Monat leben sie offiziell unter einem Dach, mitten in Greifswald, ihrer Stadt ihrer Liebe. Jager kocht, Mengdehl schnippelt Gemüse und macht den Abwasch. In der Freizeit gehen sie gern lange frühstücken – oder shoppen. „Greifswald hat viel zu bieten“, sagt Mengdehl. Beiden gefällt das Flair hier. „Durch die vielen Studenten bleibt Greifswald jung“, sagt Mengdehl. „Und die Leute hier sind direkt“, ergänzt Jager. „Hat ein Norddeutscher ein Problem, sagt er es auch.“

Jager und Mengdehl hoffen, dass Bettina Böttinger die Einladung von Oberbürgermeister Stefan Fassbinder (Grüne) annimmt (siehe Ausriss) – und sich selbst ein Bild von Greifswald macht. „Ich war von ihrer Aussage überrascht“, sagt Jager. „Ihre Darstellung passt nicht. Die Einladung unseres OB finde ich originell.“ „Er verteidigt damit das Image unserer Stadt“, sagt Mengdehl.

Bis dato war die Einladung des Greifswalder OB der Moderatorin unbekannt. „Ich war zuletzt beruflich in Hamburg“, schrieb Böttinger der OZ. „Daher habe ich die Einladung noch nicht erhalten.“ Falls sie kommt, würde Thomas Jager Bettina Böttinger in den Hafen Greifswald-Wieck führen. Es ist einer seiner Lieblingsplätze – und ein guter Ort zum Knutschen. „Dort gibt es tolles Eis, das nach Schwarzwälder-Kirsch schmeckt.“ Vielleicht lockt die Moderatorin ja diese Aussicht nach MV.

Kay Steinke

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