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„Hier zu stehen, fühlt sich anders an, als es im TV zu sehen“

Rostock/Ravensbrück „Hier zu stehen, fühlt sich anders an, als es im TV zu sehen“

Gegen das Vergessen: Bahn-Azubis aus ganz MV helfen beim Erhalt der Gedenkstätte KZ Ravensbrück / Dort war einst das größte Frauen-Konzentrationslager der Nazis

Rostock/Ravensbrück. Der Putz bröckelt von einer alten Baracke. Daneben liegt schwarz-graue Schlacke, soweit das Auge reicht. Über die knirschenden Steine sind zu Zeiten des NS-Regimes Zehntausende Gefangene gelaufen. Heute wandeln auf ihren Spuren 15 Jugendliche aus Mecklenburg-Vorpommern. Sie sind Azubis der Rostocker Ausbildungswerkstatt der Deutschen Bahn. Die engagiert sich seit mittlerweile elf Jahren für den Erhalt der Gedenkstätte KZ Ravensbrück, des größten Konzentrationslagers für Frauen zur Zeit des Nationalsozialismus.

1938/39 wurde die Anlage rund 100 Kilometer nördlich von Berlin durch die Schutzstaffel (SS) gebaut, die Insassen mussten Zwangsarbeit verrichten, wurden gefoltert und umgebracht. „Wer nicht mehr arbeitsfähig war, wurde ausgesondert, was gleichbedeutend mit einem Todesurteil war“, sagt Matthias Heyl, Leiter der pädagogischen Dienste in Ravensbrück. Unter anderem mussten im sogenannten Siemens-Lager Ende 1944 bis zu 2400 Frauen gleichzeitig in der Feldfernsprecher-Produktion arbeiten. Die Lebensbedingungen waren so schlecht, dass im Mai 1945 Dutzende Frauenleichen vor den Baracken aufgestapelt lagen.

„Es ist ein bewegendes Stück Geschichte, das sich hier abgespielt hat", sagt Jonas Bradtka aus Retschow (Kreis Rostock). Der angehende Elektroniker für Betriebstechnik macht wie seine Kollegen freiwillig beim Arbeitseinsatz mit. Zweimal im Jahr fahren die Bahn-Mitarbeiter nach Ravensbrück im Norden der Provinz Brandenburg. Die jungen Leute packen mit an, bauen Wege, roden Baumstämme, stellen Vitrinen auf. Diesmal müssen Ausstellungsstücke, große Informationstafeln, eingelagert werden — in der ehemaligen Desinfektionskammer. Während des Zweiten Weltkriegs wurden hier Kleidungsstücke gereinigt. Nun lagern verschiedene Erinnerungsstücke in den Räumen: alte Dokumente, Toiletten, Schreibmaschinen und Stoffballen, aus denen Häftlingskleidung genäht wurde.

Begonnen hat die Kooperation zwischen Rostock und Ravensbrück 2004. „Die Gedenkstätte suchte damals Experten für die Restauration eines alten Güterwagens“, berichtet Bahn-Ausbilder Bernd Bergmann.

Schon 2005, zum 60. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers, war der Waggon hergerichtet — als Denkmal für die Deportation. Von 1939 bis 1945 waren hier 133 000 Frauen und Kinder sowie 20

000 Männer eingesperrt. 28 000 wurden ermordet oder starben in der Haft. „Wir stehen da, wo das passiert ist. Das fühlt sich anders an, als es im Fernsehen zu sehen“, sagt Sebastian Kijas (19) aus Bad Kleinen (Nordwestmecklenburg). Der künftige Anlagen-Monteur packt deshalb gern mit an. Das sieht Gedenkstättenmitarbeiter Matthias Heyl gern: „Wir freuen uns über jede Unterstützung.“ Auf dem Gelände gebe es immer etwas zu tun.

Im Gegenzug können die jungen Leute ihr Engagement fürs bundesweite Projekt „Bahn-Azubis gegen Hass und Gewalt“ nutzen. Jährlich werden die besten Beiträge prämiert. Zweimal hat die Ausbildungswerkstatt den ersten Preis gewonnen — mit dem restaurierten Güterwagen und einer Tafel gegen Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit am Rostocker Hauptbahnhof.

Von Kerstin Schröder

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