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MV aktuell „Ich habe meine Drillinge verloren“
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00:01 09.12.2017
Auf dem Rostocker Westfriedhof gibt es eine Grabstelle für Sternenkinder. Quelle: Foto: Frank Söllner
Rostock

Katja Blume (Name geändert) sitzt auf ihrem Sofa, beide Hände ruhen auf ihrem runden Bauch. Sie ist schwanger in der 27. Woche. „Es wird ein Mädchen“, betont sie stolz. Ihre Tochter (8) spielt mit dem Hund. Die Frau sieht glücklich aus – für Außenstehende.

Wer die 30-Jährige jedoch kennt, weiß, dass sie und ihre Familie in den letzten Monaten Dramatisches erlebt haben. „Im vierten Monat verlor ich meine Drillinge“, sagt die junge Mutter. Ihrer und aller verwaisten Eltern wird morgen weltweit gedacht (siehe unten).

Nach einer Hormonbehandlung in der Kinderwunschklinik Rostock hatte Familie Blume dreifaches Glück. Doch das war nicht von langer Dauer. Von den Ärzten sei ihr ein Fetozid empfohlen worden, um Risiken für die Mutter und die Kinder zu verringern. Der Fetozid meint das Töten eines oder mehrerer Föten im Mutterleib. In der elften Schwangerschaftswoche ist auf diese Weise einer der Drillinge entfernt worden. „Das Schlimmste war, dass ich kurz zuvor die ersten Tritte gespürt hatte, und dann waren es nur noch zwei“, erinnert sich Katja Blume.

Nach Komplikationen bekam die werdende Mutter zwei Wochen später einen frühzeitigen Blasensprung. Sie verlor auch ihr zweites Kind, einen Sohn, im Bad des Krankenzimmers, wie sie sagt. Gelähmt vor Schmerz, habe sie ihr Kind an sich genommen und eingewickelt. „Er war klein, aber niedlich“, fügt sie gedankenversunken hinzu.

Nur wenige Tage später der nächste Schicksalsschlag: Der letzte verbliebene Drilling „lag auf dem Trockenen. Es war kein Fruchtwasser mehr vorhanden“, erzählt Katja Blume. Mit Hilfe von Tabletten wurde die Geburt eingeleitet. Nach vier Stunden Wehen brachte sie einen zweiten Jungen tot zur Welt. „Er sah aus wie sein Bruder, nur größer und schwerer“, beschreibt sie. Irgendwann am Morgen kam der Moment des Abschieds für die Familie. 

Die Anteilnahme im Bekannten- und Freundeskreis der Familie Blume war enorm. „,Mein Beileid.’ – Das konnte ich aber irgendwann nicht mehr hören und lesen“, berichtet die Rostockerin. Sie entschied sich für einen langen Facebook-Eintrag zu dem Thema, damit sie nicht mehr jedem Einzelnen mit einer SMS antworten musste.

Nach den ersten Tagen zu Hause nahm sie Kontakt mit dem Westfriedhof in Rostock auf, um alle Details zu besprechen. Beide Söhne wurden auf dem Sternenfriedhof in einem Sarg beigesetzt. „Der erste Besuch dort war sehr schwer und ich brach zusammen, weil es so viele Kinder da gibt“, sagt Katja Blume. Mittlerweile besucht sie den Ort zweimal im Monat. „Ein Pflichtprogramm für mich“, betont die Mutter. Immer wenn dort ein neuer Holzpflock im Boden stecke, dann wisse sie, es seien wieder neue Sternenkinder dazugekommen.

Die größte Unterstützung erhielt sie neben ihrer Familie von der Kontaktgruppe „Sternenkinder“ in Rostock, die von Birgit Lamprecht geleitet wird. Die Gruppe trifft sich einmal im Monat und lädt Betroffene ein, andere Eltern kennenzulernen. „Heute hat die Thematik der Tot- und Fehlgeburten einen ganz anderen Stellenwert als früher“, weiß Birgit Lamprecht, die als psychosoziale Begleitung in Rostock tätig ist. In der Vergangenheit sei wenig über das Tabuthema gesprochen worden. Die Gesellschaft habe sich gewandelt und gehe offener damit um, so Lamprecht. Auch Katja Blume sei dankbar, dass sie offen darüber sprechen könne. Die Standardangebote, die Katja Blume im Krankenhaus während des Gespräches mit dem Arzt bekam, „waren mir zu unpersönlich“, resümiert sie.

Auch wenn die junge Mutter jetzt wieder glücklicher erscheint, die erneute Schwangerschaft kann nicht über den Verlust hinweghelfen, „denn die Angst schwingt immer mit, das Kind wieder zu verlieren“, sagt Katja Blume. Daher plane sie auch nicht mehr so weit in die Zukunft, sie lasse alles auf sich zukommen. Erst wenn ihre Tochter auf der Welt sei, werde die Familie nach einer größeren Wohnung schauen. Der Geburtstermin ihrer zweiten Tochter ist derselbe wie der ihrer Erstgeborenen – „ein gutes Zeichen“, hofft Katja Blume.

Beratungsstellen

Psychologische Beratungsstelle Lütten Klein der Rostocker Stadtmission, Stockholmer Str. 1, 18107 Rostock Tel: 038 12 77 57 Profamilia Rostock, Wismarsche Str. 6 - 7 (Eingang Feldstraße), 18057 Rostock Tel: 038 13 13 05 Birgit Lamprecht - Psychosoziale Begleitung bei unerfülltem Kinderwunsch und bei Verlust des Kindes Tel: 01 51 11 09 51 16

mehr Informationen:

www.lamprecht-begleitung.de Diakonisches Werk – Psychologische Beratungsstelle, Frische Grube 2-4, 23966 Wismar Tel: 038 41 21 14 53, Infos: www.diakoniewerk-gvm.de Selbsthilfegruppen Verwaiste Eltern MV e.V., Tel.: 03 85 20 27 96 83, Infos www.verwaiste-eltern-mv.de Profamilia Wismar, Juri-Gagarin-Ring 55, Wismar Tel: 03 84 17 96 32 23 und auf wismar@profamilia.de Caritas-Regionalzentrum Greifswald, Bahnhofstraße 16, 17489 Greifswald, Tel: 03 83 47 98 30 AWO Schwangerschaftsberatungsstelle, Störtebekerstr. 38, 18528 Bergen, Tel: 03 83 82 49 82

mehr Infos unter familienberatung-bergen@awo-ruegen.de Diakonie Güstrow Beratungszentrum, Rühner Landweg 25, Bützow Tel: 038 46 19 11 31 21, beratungszentrum@diakonie-guestrow.de DRK Kreisverband Demmin e.V. Schwangerschaftsberatung, Adolf-Pompe Str. 25, 17109 Demmin Tel: 039 98 20 24 10 oder auf schwangerenberatung@demmin.drk.de AWO Schwangerschafts- und Konfliktberatung, Jarmstorfer Straße

16c, 19205 Gadebusch,

Tel: 03 88 62 12 89 74 und unter www.awo-soziale-dienste.de AWO Schwangerschafts- und Konfliktberatung, Soziale Dienste,

Arsenalstraße 38, Schwerin,

Tel: 03 85 56 57 56,

www.awo-soziale-dienste.de

Jana Hameister

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