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„Ich wollte schon immer mal ausmisten“

Lübesse „Ich wollte schon immer mal ausmisten“

Grünen-Politikerin Silke Gajek greift im Agrarbetrieb Lübesse zur Mistforke / Die Kühe gefallen ihr, die Masthähnchen allerdings nicht

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Silke Gajek mistet aus

Grünen-Politikerin Silke Gajek mistet eine Kälberbox im Agrarbetrieb Lübesse aus.

Quelle: Fotos: Cornelius Kettler

Lübesse. Silke Gajek sucht einen neuen Job. Fünf Jahre lang saß die Sozialökonomin für die Grünen im Schweriner Landtag, doch ihre Partei verpasste den Wieder-Einzug ins Parlament. Die 54-Jährige ist überzeugt, dass sie wieder ein Betätigungsfeld findet. „Ich habe verschiedene Talente und ich mache meine Klappe auf“, beschreibt die Hobby-Seglerin ihre Stärken. „Und ich bin ein Praxiskind.“

 

OZ-Bild

Das wollen auch im Westen die Kinder der Bauern nicht mehr, Höfe müssen heute größer sein.“ Gerd Göldnitz, Chef der Agp Agrarproduktgesellschaft Lübesse, der auch Landwirtschaft mit drei Kühen, fünf Schweinen und ein paar Hühnern kennt

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Dass sie nicht auf den Mund gefallen ist, stellte die quirlige Städterin auch in einem Interview für die OSTSEE-ZEITUNG unter Beweis, bei dem ein Landwirt als Co-Interviewer fungierte. Im Disput mit Gerd Göldnitz, der in Lübesse bei Schwerin einen der größten Milchviehbetriebe in MV leitet, wurde klar: Die Politikerin war noch nie in einem Stall dieser Größenordnung. Wenn Grüne sich Ackerbau und Viehzucht nähern, dann meist auf schnuckeligen Kleinbauern-Höfen, am liebsten natürlich Bio.

Spontan lud Landwirt Göldnitz die Grünen-Frau ein. „Schauen Sie sich an, wogegen Sie so vehement wettern.“ Gajek sagte zu: „Ich wollte schon immer mal ausmisten.“

Beide halten Wort. Als Silke Gajek an einem sonnigen Tag im Büro der Agp Agrarproduktgesellschaft eintrifft, ist gerade Mittagszeit. Betriebsleiter Göldnitz hat noch nicht gegessen. „Wollen Sie auch eine Bockwurst?“, bietet er dem Gast an – und blitzt ab. Silke Gajek ist Vegetarierin.

Also geht’s ab in den Kuhstall. Arbeitsoverall übergestreift, schon hat die Blondine die Mistforke in der Hand. Und erweist sich tatsächlich als „Praxiskind“. Ruckzuck hat sie die Mistkarre voll, schnell ist eine Kälber-Box ausgemistet. Mehr allerdings nicht. Was Landwirt Göldnitz für die Aktion vorbereitete, hat eher Symbolcharakter. Die 1000 Milchkühe des 2000-Hektar-Betriebes stehen ohnehin auf Fußböden mit Spalten, durch die die Gülle abläuft. Den Rest übernimmt die Technik.

Dem 64-Jährigen ist beim Besuch der Politikerin etwas anderes wichtig. Er schleppt sie durch den ganzen Betrieb – mehr als zwei Stunden lang. Göldnitz ist Bauernsohn, kennt vom väterlichen Hof die Landwirtschaft mit drei Kühen, fünf Schweinen und ein paar Hühnern. „Davon kann heute niemand mehr leben“, weiß der Vizepräsident des Landes-Bauernverbandes. „Das wollen auch im Westen die Kinder der Bauern nicht mehr, Höfe müssen heute größer sein.“

Doch sollten es gleich 1000 Kühe sein? Zusammen mit dem Jungvieh hält der Betrieb rund 1800 Rinder. Göldnitz sieht die Sache aus anderem Blickwinkel. Zu DDR-Zeiten standen in der Anlage 15

000 Jungrinder. Das damalige Gut Lewitz gehörte zu den größten Tierzuchtbetrieben der DDR. Schlachtrinder waren ein gefragtes Exportgut.

Trotzdem: Silke Gajek möchte Kühe nicht im Stall, sondern auf der Weide sehen. Landwirt Göldnitz hebt die Hände: Bei 100 Kühen wäre das vielleicht möglich, bei 1000 keinesfalls, meint der 64-Jährige. Zur Koppel müssten die Tiere alle über die Straße laufen. „Und zum Melken wieder zurück, das ist nicht zu schaffen“, wehrt der Bauer ab. Die Kühe hätten’s doch auch gut im Stall. Viel Licht, frische Luft und Liegeboxen. „Alles dient dem Tierwohl“, argumentiert der Diplomagraringenieur. Angebunden, wie auf vielen Höfen in Bayern, sind die Tiere in MV schon längst nicht mehr. Silke Gajek respektiert die andere Meinung, greift am Melkkarussel gar einer Kuh beherzt ans Euter. Manches gefällt ihr in dem Betrieb. Dass er Kartoffeln und Zwiebeln für den regionalen Markt anbaut, zum Beispiel.

Im Hähnchenstall allerdings prallen dann Welten aufeinander. 35500 Tiere in einem Stall. Für Göldnitz geht es den Broilern gut. Futter, Wasser, Wärme – viel mehr brauchen die Tiere aus seiner Sicht nicht. Gajeks Mimik spricht Bände: Nie sehen die Hühnchen Tageslicht. Nach 35, spätestens 40 Tagen wartet der Schlachthof. „Die sitzen da und warten auf den Tod.“ Ihrer Meinung nach hat das Federvieh ein besseres Leben verdient. Doch Landwirt Göldnitz spricht über Markt-Realität: Pro Kilo Fleisch bekommt der Betrieb gerade 86 Cent. 1,70 Euro für einen zwei Kilo schweren Gockel, der im Laden fünf Euro kostet – Silke Gajek vergeht der Appetit. Sie weiß wieder, warum sie kein Fleisch mag.

Anderes allerdings habe sie nachdenklich gemacht, berichtet sie nach dem Besuch. Die Gemeinwesen-Idee, genossenschaftliches Wirtschaften und Mitarbeiterbeteiligung seien in der Landwirtschaft noch stark ausgeprägt. „Das sind gute Modelle, die wir für andere Bereiche entwickeln könnten“, meint sie. Da ist die Mutter eines erwachsenen Sohnes bereits wieder bei ihrer Paradedisziplin, der Sozialpolitik. Nach der Stippvisite im Stall steht für die Schwerinerin fest: Einen neuen Job will sie, aber – bei aller Freude am Ausmisten – in der Landwirtschaft wohl nicht.

Elke Ehlers

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