Volltextsuche über das Angebot:

19 ° / 14 ° Regenschauer

Navigation:
Im Würgegriff des Verbrechens

Güstrow Im Würgegriff des Verbrechens

Paprika oder Schokolade? Vor dieser entscheidenden Frage steht Polizeischüler Tom. Mit welcher Leckerei lässt sich wohl eher das Herz einer elfjährigen Zeugin gewinnen?

Güstrow. Paprika oder Schokolade? Vor dieser entscheidenden Frage steht Polizeischüler Tom. Mit welcher Leckerei lässt sich wohl eher das Herz einer elfjährigen Zeugin gewinnen? Tom entscheidet sich für die roten Paprikastreifen — zum Missfallen seiner Ausbilder an der Polizeifachhochschule in Güstrow. Ein Stückchen Schokolade hätte die Zunge des Mädchens wohl eher gelockert, sind sich die Experten sicher.

Während ihrer Ausbildung müssen die angehenden Polizisten lernen, wie sie auch mit sehr jungen Zeugen umgehen. Dazu wird Schülern ein vorgetäuschter Autoeinbruch vorgespielt. Anschließend dienen sie den Polizeischülern als Zeugen. „Bei Kindern muss man erst das Eis brechen, sie müssen Polizisten als Vertrauensperson sehen“, sagt Bernd Schumacher, Lehrer für Kriminalistik an der Fachhochschule.

Dazu gehöre auch, ihnen offene Fragen zu stellen, also solche, auf die sie nicht mit ja oder nein antworten können. „Dann können auch Kinder gute Zeugen sein“, betont Schumacher.

Die Zeugenbefragung ist nur ein Teil der Kriminaltechniken, die den Schülern vermittelt wird. Auch das Sichern von Spuren wird dort trainiert. Dafür wurden mehrere Räume eingerichtet, die als Tatort herhalten können: ein Wohnzimmer, eine Küche, eine Gaststätte. Wie bei einer Schnitzeljagd verstecken die Ausbilder dort Hinweise, die die Schüler finden müssen, etwa DNA-Spuren auf Besteck in der Spülmaschine, Einbruchspuren am Fenster oder Fingerabdrücke auf Flaschen. Dabei gilt es genau hinzuschauen, sagt Schumacher: „Auf einer Flasche gibt es nicht nur Fingerabdrücke, sondern oft auch DNA.

Auch die Füllhöhe gibt wichtige Informationen, wie viel daraus getrunken wurde.“ Der Teufel (Alkohol) steckt eben im Detail.

Ein weiteres wichtiges Standbein neben der Kriminalistik ist für die Schüler der Sport mit Ausdauer- und Krafttraining, aber auch Festnahme- und Selbstverteidigungstechniken. In der Polizeisprache heißt das ETR — Einsatzbezogenes Training. In der Übungshalle ist der gesamte Boden mit Sportmatten ausgelegt. Paarweise kämpfen die Schüler miteinander: Der Bösewicht nimmt den Polizisten in den Schwitzkasten und der muss sich daraus befreien. An der Decke hängen zahlreiche Sandsäcke fürs Boxtraining. „Boxen haben wir neu ins Übungsprogramm aufgenommen“, sagt Trainer Marco Schlenk. „Die Gewalt gegen Polizisten hat in den letzten Jahren zugenommen und die Angreifer sind skrupelloser geworden.“ Daher müssen die Schüler nun auch lernen, wie sie sich vor Boxschlägen schützen und sich wehren können — freilich ohne zurückzuschlagen. „Der Gegner wird mit Techniken auf Basis des Kampfsports Jiu-Jitsu erst zu Boden und dann unter Kontrolle gebracht“, erklärt Schlenk.

Auch Patrick Thews aus Greifwald trainiert in der Halle. Der 29-Jährige hat im August mit der zweijährigen Ausbildung in Güstrow begonnen, nachdem er ein Jura-Studium abgebrochen hatte. „Das war mir zu theoretisch. Zehn Stunden in der Bibliothek zu sitzen, war nicht mein Ding.“ Aber die Faszination von Recht und Gesetz blieb, und so wechselte er in die Praxis. „Ich hatte schon immer einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn“, sagt Thews. In der Firma, in der er neben dem Studium arbeitete, gründete er einen Betriebsrat mit. Damals wurde ihm klar: „Es gibt einfach viele Menschen, die Angst davor haben, sich zu wehren. Bei der Polizei habe ich die Möglichkeit, ihnen zu helfen“, ist Thews überzeugt.

Im Keller der ETR-Halle lernen die Polizeischüler, dass es nicht immer einfach ist, allen Menschen zu helfen: Dort findet unter anderem das Amok-Training statt. Der Raum kann komplett verdunkelt werden. „Stellen Sie sich vor, es ist dunkel und Menschen schreien durcheinander“, beschreibt Ausbildungsleiter Stefan Qualmann das Szenario, in das die Teilnehmer geschickt werden. „So soll es den Schülern schwer gemacht werden, die Situation sofort zu überblicken. Sie müssen lernen, unter Stress das Gelernte abzurufen.“ Wie stressig dieser Teil der Ausbildung ist, zeigen die zahlreichen grünen Farbkleckse an den Wänden: Sie stammen von der Farbmunition, mit denen die jungen Polizisten während der Amok-Übung schießen.

132 Schüler beginnen in diesem Jahr ihre Ausbildung im mittleren Dienst, weitere 88 nehmen ihr dreijähriges Bachelorstudium zum Kommissar auf. Die meisten schaffen den Abschluss: „Die Ausfallquote ist mit vier oder fünf pro Jahrgang gering“, erklärt Qualmann. „Im Vergleich zu anderen Bundesländern ist unsere Schule relativ klein, sodass wir mehr Zeit haben, uns um den Einzelnen zu kümmern.“

Die Frauenquote in Güstrow liegt derzeit bei 25 Prozent. Anders als bei Spezialeinheiten wie dem SEK haben Frauen bei der Polizeiausbildung einen Bonus, der ihre geringere körperliche Leistungsfähigkeit ausgleichen soll. Auf der Hindernisbahn beim Sporttraining dürfen sie sich zum Bestehen eine Minute mehr Zeit lassen als ihre männlichen Kollegen. Für Qualmann ist das kein Problem: „Im Einsatz arbeitet man in Teams — und da geht es nicht um Bestleistungen, sondern um Geschlossenheit.“

Auf der Hindernisbahn sind die Schüler jedoch auf sich gestellt im Kampf gegen Sprossenwand, Kriechtunnel, Slalomstangen und die Uhr. Zweimal müssen sie den Parcours absolvieren, dafür dürfen die Frauen bei der Prüfung nicht länger als 3:50, die Männer höchstens 2:50 Minuten brauchen. Die erste Runde schaffen die meisten noch ohne Probleme, in der zweiten sieht es bei manchen schon nicht mehr so behende aus, viele quälen sich über die Sprossenwand. Doch bei der Prüfung bestehen dann doch fast alle, sagt Qualmann stolz. „30 Prozent erreichen sogar die maximale Punktzahl.“

OZ

Von Axel Büssem

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Bochum/Wolfsburg

Gericht sieht im VW-Abgas-Skandal keine Pflicht zur Auto-Rücknahme Im Abgas-Skandal bei Volkswagen müssen Hersteller und VW-Händler nach Auffassung des Landgerichts ...

mehr
Mehr aus MV aktuell
Benjamin Barz Ostsee-Zeitung Ostsee-Zeitung Termine, Events, Veranstaltungen Teaser der den User auf die Seite "Termine" führen soll image/svg+xml Image Teaser Termine 2015-09-23 de Veranstaltungen Aktuelle Termine Konzerte, Kino, Ausstellungen, Vorträge, Theater, Workshops, Tanz und noch vieles mehr. Alle Veranstaltungen und Freizeittipps in Ihrer Nähe finden Sie hier.