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MV aktuell Kinovorführung unter Polizeischutz wegen „Feine Sahne Fischfilet“-Doku
Nachrichten MV aktuell Kinovorführung unter Polizeischutz wegen „Feine Sahne Fischfilet“-Doku
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17:24 14.01.2019
61 Neunt- und Zehntklässler aus Timmendorfer Strand schauten gestern mit Charly Hübner (2. Reihe v.r.), Sebastian Schultz und Karin Prien den Film „Wildes Herz“ im Koki. Quelle: Lutz Roeßler
Innenstadt

Zwei Polizeibeamte passten vor der Tür des Filmtheaters in der Mengstraße auf. Beamte des Landeskriminalamtes hatten zuvor die Räume begutachtet. Zahlreiche Medien waren zur Vorführung eingeladen, mussten vorher aber absolutes Stillschweigen bewahren. Im Kinosaal hockten 61 Neunt- und Zehntklässler der Grund- und Gemeinschaftsschule Timmendorfer Strand. Mitten im Publikum: die Bildungsministerin, zwei Regisseure, ein Schulrat, ein Schulleiter und mehrere Lehrer.

Der Film „Wildes Herz“, der unter diesen Sicherheitsvorkehrungen gezeigt wurde, zeigt die Geschichte der umstrittenen Punk-Band „Feine Sahne Fischfilet“ aus Mecklenburg-Vorpommern. Ende November wollten die Timmendorfer Schüler den Streifen in einem Bad Schwartauer Kino im Rahmen der Schulkino-Woche ansehen, doch daraus wurde nichts. Die Vorführung wurde wegen einer anonymen Bombendrohung abgesagt.

„Ich war auf der Zinne, als ich von der Absage hörte“, berichtete Bildungsministerin Karin Prien (CDU) den Schülern, „niemand hat das Recht, Aufführungen zu verhindern, weil ihm die Inhalte nicht passen.“ Eine freiheitliche Gesellschaft dürfe nicht vor extremistischen Drohungen in die Knie gehen. Die Ministerin hat Anzeige bei der Staatsanwaltschaft Lübeck gestellt, die Ermittlungen sind noch nicht abgeschlossen.

Wie die Regisseure auf die Bombendrohung reagiert hätten, wollte Neuntklässler Michel wissen. „Das war absolut respektlos gegenüber den Schülern, Lehrern, Eltern und Kinobetreiber“, sagte der prominente Schauspieler und Regisseur Charly Hübner, „der Verfasser soll zu uns nach Hamburg kommen, dann reden wir mit ihm.“ Co-Regisseur Sebastian Schultz: „Als ich die Mails gelesen habe, wurde mir etwas schwummrig.“ Es bestehe immer die Gefahr, dass solchen Ankündigungen auch Taten folgen.

Die Filmvorführung im Koki stand unter Polizeischutz. Ende November hatte es eine Bombendrohung gegen ein Kino in Bad Schwartau gegeben. Quelle: utz Roeßler

Die Angst, dass auch das Koki bedroht werde, war gegenwärtig. Schulleiter Hans-Georg Rath berichtete, dass „am Wochenende noch einige Eltern den Kinobesuch ihrer Kinder abgesagt haben.“ Er sei seit 40 Jahren Lehrer, sagte Rath: „So etwas habe ich noch nicht erlebt.“ Die Umstände hätten aber dazu geführt, dass die Schüler sich intensiver mit dem Film und dem Thema auseinandergesetzt hätten. Sorge bereitet dem Schulleiter, „dass diese Bombendrohung so viel zustimmende Resonanz im Netz gefunden hat.“

Auch im Förderverein des Koki gab es Debatten. „Wir haben im Vorstand einen Beschluss gefasst, den Film hier zu zeigen“, sagen die Vorständler Andres vom Ende, Kar-Heinz Georg und Claus-Peter Lorenzen, „aber der Beschluss war nicht einstimmig.“ Eine Vorführung unter Polizeischutz – das habe das Koki in den vergangenen 25 Jahren auch noch nicht erlebt, sagte vom Ende. „Aber wir sind ein streitbares Kino, wir wollen Filme zeigen, die Diskussionen auslösen“, erklärten die Vorständler.

Die Diskussionen im Anschluss an den Film zeigten, dass die Timmendorfer Schüler keinen Bezug zur „knallharten Realität in Mecklenburg-Vorpommern Anfang der 1990er Jahre“ (Hübner) haben. Die Hälfte der 14- bis 16-Jährigen würde ein Konzert von „Feine Sahne Fischfilet“ in Timmendorfer Strand besuchen, die andere Hälfte kann mit der Musik nichts anfangen.

„Das ist mir zu linksradikal, ich mag das Linke nicht“, erklärte ein Schüler. Maximilian dagegen hält es für richtig, „sich dafür einzusetzen, dass Links- und Rechtsradikalismus keinen Platz in Timmendorfer Strand haben.“ Der Neuntklässler lehnt jede Form von Gewalt ab.

Standort sicher

Das Kommunale Kino (Koki) kann für eine längere Zukunft planen. „Der Standort ist für die nächsten zehn Jahre sicher“, erklärt der Vorstand. Derzeit würden Gespräche mit der Hansestadt zur Ausgestaltung des Untermietvertrages an der Mengstraße laufen. Hauptmieter ist die Stadt, die mit der Grundstücksgesellschaft „Trave“ einen Mietvertrag bis Ende 2028 und einer möglichen Verlängerung um weitere fünf Jahre abgeschlossen hat. Damit ist das Jugendzentrum Röhre an diesem Standort ebenfalls gesichert. Der Bürgerschaftsbeschluss vom November 2012 ist damit aufgehoben. Damals forderten die Politiker die Grundstücksgesellschaft „Trave“ auf, sich von allen Immobilien zu trennen, die nicht zum Wohnen benötigt würden. „Wir werden jetzt auch die vereinbarten Instandsetzungen dem Gebäude in Angriff nehmen“, sagte „Trave“-Chef Matthias Rasch

Das tut „Feine Sahne Fischfilet“ nicht und dafür wird die Band auch kritisiert. Gerade auch für Texte, in denen Gewalt gegen die Polizei angesprochen wird. „Wir sind heute alle froh, dass die Polizei auf uns aufpasst“, sagte die Bildungsministerin im Koki. Dieses Verhältnis zur Polizei sei „der schwierige Punkt an der Band“. Claus-Peter Lorenzen vom Förderverein wollte wissen, ob Monchi, der Sänger und Leader der Band, denn das Polizeiauto, das er vor vielen Jahren abgefackelt habe, später bezahlt habe. Regisseur Hübner: „Das haben seine Eltern bezahlt.“ Bevor die Band kommerziell erfolgreich wurde.

Hübner distanzierte sich auch eindeutig von Gewalt: „Das ist keine Lösung.“ Gewaltandrohungen sind auch keine Lösung. „Wildes Herz“ wurde im Rahmen von Schulkinowochen in allen 16 Bundesländern gezeigt. Nur in Schleswig-Holstein kam es zu einer erzwungenen Absage. Ministerin Prien: „Das war ein Einzelfall.“

Kai Dordowsky