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MV aktuell Komatrinker in MV immer jünger
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00:01 30.11.2016

Endstation Krankenhaus: Im vergangenen Jahr wurden laut Krankenkasse DAK-Gesundheit in Mecklenburg-Vorpommern 347 Kinder und Jugendliche mit einer Alkoholvergiftung in die Notaufnahme eingeliefert. Entgegen dem Bundestrend steigt die Zahl jugendlicher Komasäufer hierzulande wieder. 2014 wurden laut Statistischem Landesamt 317 Fälle von Komasaufen registriert.

Besonders prekär: Die im Vollrausch befindlichen Jungen und Mädchen werden immer jünger. „Die meisten Jugendlichen haben keine Erfahrung im Umgang mit Alkohol. Hinzu kommt, dass sie kaum wissen, wie viel sie von dem Nervengift auf einer Party tatsächlich konsumieren“, sagt Dr. Gernot Rücker, Leitender Notfallmediziner der Uni-Medizin Rostock. Rückers Arbeitsgruppe Notfallmedizinische Forschung der Klinik und Poliklinik für Anästhesiologie und Intensivtherapie startete deshalb das Präventionsprojekt „Kenn Deine Gramm“.

Vor einer Zunahme von Alkoholvergiftungen bei Minderjährigen in Mecklenburg-Vorpommern warnt auch AOK-Pressesprecher Markus Juhls. Während die größte Krankenkasse des Landes 2013 noch 85

stationäre Aufnahmen registrierte, waren es 2015 bereits 101. „Zudem ist die Grauzone riesig. Viele Betroffene werden ambulant versorgt oder gehen gar nicht erst zum Arzt“, stellt Juhls klar.

Der AOK-Sprecher verdeutlicht, dass der Hang zum Vollrausch beileibe kein neues Phänomen darstelle. Vor zehn Jahren landeten hierzulande 433 jugendliche Komatrinker in Kliniken. Toralf Gerdum, Leiter des DAK-Servicezentrums in Bergen auf Rügen, erklärt: „2015 wurden 49 Kinder und Jugendliche auf der Insel wegen einer Alkoholvergiftung stationär betreut. Vor zehn Jahren waren es noch 80.“ Brisant: „Aktuell gehört ein Fünftel der Komasäufer in unserem Land zur Altersgruppe der Unter-15-Jährigen“, betont Juhls. Vor zehn Jahren habe diese Altersgruppe rund ein Siebtel der Betroffenen ausgemacht, analysiert DAK-Sprecher Sönke Krohn.

„Knapp ein Viertel der in den vergangenen zwei Jahren bei uns behandelten Kinder waren jünger als 15 Jahre“, berichtet Prof. Dr. Matthias Heckmann, Chef der Neonatologie und Pädiatrischen Intensivmedizin der Uni-Medizin Greifswald. Der Intensivmediziner warnt eindringlich: „Das kindliche Gehirn ist empfindlicher für direkte alkoholbedingte Folgeschäden. Dazu zählen Konzentrations-, Gedächtnis- und Lernstörungen, Aggressivität und das Entwickeln von Ängsten und Depressionen.“ Zudem könne sich bei den Betreffenden eine Abhängigkeit schneller entwickeln, betont Prof. Heckmann.

„Die Jugendlichen probieren sich aus und wollen in den meisten Fällen im Freundeskreis cool erscheinen“, berichtet Jaqueline Sedat. Die Neubrandenburger Suchtberaterin der Caritas verweist darauf, dass vereinzelt bereits Zwölfjährige Erfahrungen mit dem Vollrausch machen.

„Wenn der Alkoholspiegel so hoch ist, dass die Schutzreflexe im Rachenbereich nicht mehr funktionieren, kann Erbrochenes leicht in die Atemwege geraten und man erstickt“, sagt Prof. Dr. Carl Friedrich Classen, Oberarzt an Kinder- und Jugendklinik der Uni-Medizin Rostock. Besorgt zeigt sich der Mediziner auch über die Einnahme anderer Drogen. Dazu gehörten zum Beispiel das Aufputschmittel Ecstasy, die „Kräuter-Mischung“ Spice oder Pilzmischungen.

„Diese Substanzen werden offenbar immer hemmungsloser auf den Schulhöfen oder auf Partys verteilt. Sie lösen schwere Vergiftungserscheinungen, Herzrhythmussstörungen, Nierenversagen, epileptische Anfälle oder bleibenden Gedächtnisverlust aus“, unterstreicht Prof. Classen.

Info: rosana.med.uni-rostock.de/

Forschung/kenn-deine-Gramm

Volker Penne

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