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Anatevka als Kraftakt

Rostock Anatevka als Kraftakt

Gastregisseur Jürgen Pöckel eröffnet mit dem Welterfolgsmusical die neue Spielzeit in Rostock. Mit der Inszenierung stößt das Theater unter Sparzwang an seine Grenzen.

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Peter Bause spielt den Milchmann Tevje in der Rostocker „Anatevka“-Inszenierung.

Quelle: Dorit Gätjen

Rostock. Mit ziemlicher Kraftanstrengung stemmte das Volkstheater Rostock seine erste Musiktheater-Premiere der Saison am Sonntagabend im Großen Haus: das schon fünfzigjährige Welterfolgsmusical „Anatevka“, immer noch erfolgssicher und aktuell, aber die schmalen personellen und finanziellen Ressourcen dieses Stadttheaters fast überdehnend.

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Peter Bause spielt den Milchmann Tevje in der Rostocker „Anatevka“-Inszenierung.

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Von den 26 Einzelrollen waren allein zwölf mit Gästen besetzt, darunter fast alle tragenden Rollen, aber zumeist aus dem Mittelfeld junger Musicaldarsteller. Elf Mitglieder des Opernchores gestalteten keineswegs nebensächliche Solopartien, selbst ein Tänzer übernahm eine Sprechrolle — und dies bei hohen sängerischen und schauspielerischen Anforderungen, die zumeist nur mit solidem Mittelmaß erfüllt werden konnten. Dazu der agile Opernchor, die Tanzcompagnie und die Norddeutsche Philharmonie unter Kapellmeister Manfred Hermann Lehner.

Das ergab ein sehr unterschiedliches Gemenge: Da gab es welche, die gut singen, aber nicht geschickt sprechen oder darstellen konnten, da gab es andere, die zwar überzeugend schauspielern, aber nicht mehr gut singen konnten. Solche, die beides wirklich gut konnten, gab es zu wenige. Musikalisch hat Lehner mit der stabilen und engagierten Philharmonie versucht, dies irgendwie zusammenzuhalten, die stilistischen Differenzen der Sänger auszugleichen, die Unterschiede zwischen herunter gedimmtem Operngesang, manieriertem Musicalgesang oder gar Sprechgesang, wobei es manchmal ziemlich wacklig zuging.

So bestand die erste Aufgabe von Gastregisseur Jürgen Pöckel darin, diese Heterogenität zu einer künstlerischen Homogenität zu formen, was so hinreichend geschah, dass sich das Premierenpublikum sogar zu Standing Ovations veranlasst sah. Dies gelang ihm besonders deshalb, weil er die Geschichte des Milchmannes Tevje im ostjüdischen Schtetl Anatevka sehr geradlinig und stringent erzählt, im spannungsvollen Wechsel zwischen wirkungsvoll arrangierten „Massenszenen“ und handwerklich soliden Dialogszenen.

In den scheiternden Versuchen Tevjes, der so gern reich wäre, drei seiner Töchter entsprechend zu verheiraten, leuchtet der Einbruch der Moderne in ein zementiertes vormodernes Traditionsgefüge auf, der zwar seine Töchter emanzipiert, aber zugleich zu einer existenziellen Bedrohung für die jüdische Gemeinschaft wird — in einer besonders gegen Schluss anrührenden tragikomischen Stimmung.

Diese Ambivalenz wird deutlich im kargen, trost-, farb- und poesielosen, aber zeichenhaften Bühnenbild vom Gast Roy Spahn: Zwei riesige Thorarollen, zwischen denen — je nach Situation — die „Schrift“, aus der Tevje so gern „zitiert“, oder ihre sinnlos bekritzelte Rückseite ausgespannt ist. Die haltende Säule der Aufführung aber ist Peter Bause, der auf dieser Bühne vor knapp fünfzig Jahren begann, als Tevje, mit einer routinierten Bühnenpräsenz, mit schlagfertiger, eher großstädtischer Witzigkeit, nicht immer mit der jüdischen Chuzpe, dem melancholischem Humor und zutraulicher Gottesfurcht, seine Pointen zuweilen als Rampen-Entertainer abliefernd, aber mit starken Momenten im zweiten Teil, als er in den Trümmern seiner bisherigen Welt steht.

Lobenswert die Entschlossenheit des Volkstheaters, sich nicht unterkriegen zu lassen, sich nicht der populistischen Billigkeit in die Arme zu werfen. Beschämend zu sehen, wie es so zusammengespart worden ist, dass es kaum noch Potential für wirklich glanzvolle künstlerische Leistungen hat.

Nächste Vorstellungen: 4., 13. und 15. September, Volkstheater Rostock, Doberaner Straße 134/135.

DREI FRAGEN AN...

1Herr Bause, wie fühlen Sie sich in der Rolle des Milchmanns Tevje, haben Sie den schon mal gegeben?

Nein, das habe ich noch nie gemacht — und so fühlt man sich dann auch. Wenn man nämlich merkt, wie sehr das Ganze in die Tiefe geht. Ich meine, „Wenn ich einmal reich wär“ kennt ja jeder, aber was danach noch für Verwerfungen und gefährliche Lebenslagen kommen, das ist für einen alten Theaterhaudegen eine große Freude.


2 Sie gehörten zum Rostocker Schauspielensemble in dessen großen Zeiten, waren durch regelmäßige Gastspiele auch danach oft hier. Wie ist es nun wieder im Ensemble des Hauses?

Zum letzten Mal spielte ich im Januar 1970 in „Happy End“ als Ensemblemitglied im Großen Haus. Und vor zwei Jahren habe ich dort die Abschlussvorstellung meines 50-jährigen Bühnenjubiläums gegeben.

Jetzt nach vielen Tournee-Produktionen zum ersten Mal wieder in einem Stadttheater zu sein: Das ist schon wieder eine große Freude, dass es das noch gibt . . .

3 Wie beurteilen Sie die finanzielle Lage des Volkstheaters?
Ich kann nur wiederholen, was ich bei der Premierenfeier laut gesagt habe: Bei allen Zwängen darf und kann man ein Theater nicht einfach so untergehen lassen. Ich habe jetzt bei den Proben erlebt, in welch engagierter Verfassung das Ensemble ist. Ich schloss mit den Worten: Es lebe das Volkstheater! Und es gab, wie man so sagt, nicht endenden Beifall.

 

Heinz-Jürgen Staszak

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