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03:31 14.09.2013
Erich Loest,1981 nach seiner Übersiedlung in die Bundesrepublik in Osnabrück. Quelle: Wolfgang Weihs
Leipzig

Erich Loests letztes Werk, die 122 Seiten starke Erzählung „Lieber hundertmal irren“, spielt zwischen September 1944 und endet im April 1946 in einem neuen Deutschland, in dem sich viele bereits geschmeidig und flink eingerichtet hatten. Erich Loest war am Lebensende also noch einmal zurückgekehrt in jene Umbruchzeit, in der sein literarisches Schreiben 1950 mit „Jungen, die übrigblieben“ begonnen hatte, hat wieder den Finger gelegt auf die klaffende Wunde im Herzen des Jahrhunderts, auf den Moment, als Deutschland sich teilte, auf die Wunden, die Krieg und Teilung schlugen, und die auch heute, 68 Jahre nach Kriegsende und 23 Jahre nach der Wiedervereinigung, nicht aufhören zu eitern.

„Ich kann nicht vergessen und will es nicht“ — das war der Antrieb für das Schreiben des Sachsen, der vier Systeme erlebte: die Nazi-Zeit, in deren letzten Tagen auch er noch an die Front geschickt wurde, die DDR, die ihn so schnell zu den Abweichlern und Konterrevolutionären sortierte, wegsperrte und doch nicht brechen konnte. Die er schließlich 1981 verließ, um in die alte Bundesrepublik zu ziehen, in die Nähe von Bonn. Schließlich das wiedervereinte Deutschland, dessen ungeahnte Freiheiten er sofort nutzte, um nach Leipzig zurückzukehren, und an dessen Widersprüchen und Kompromissen er litt bis zum letzten Tag.

Lässt man die Krimis und Gelegenheitswerke einmal außer Acht, die Erich Loest teils unter dem Pseudonym Hans Walldorf zum Broterwerb schrieb, kreisen alle seine maßgeblichen Bücher um die Wunde im Zentrum des furchtbaren 20. Jahrhunderts.

Ein unerschöpfliches Reservoire an Stoffen. Loest 2008: „Solange es noch etwas aufzuarbeiten gibt, kann es nie zu viel werden. Mit dem Nazi-Regime sind wir auch noch nicht fertig. Vielleicht sind wir, bezogen auf die DDR, jetzt wenigstens an dem Punkt, wo der Westen 1968 war: Da wollten die Jungen von ihren Eltern und Großeltern wissen: Was habt ihr eigentlich damals getan?“

So erzählt „Jungen, die übrig blieben“ vom letzten Aufgebot der Nazis. Skrupellos verheizt die einen, später angefeindet die anderen, die das Glück hatten, davongekommen zu sein — wie Loest selbst.

In „Es geht seinen Gang oder Mühen in unserer Ebene“ (1977) schrieb er sich die selbstzufriedene Lethargie der DDR von der Seele — und nahm den Bruch mit diesem Staat bewusst in Kauf. 1984, im Westen angekommen, setzte er im „Völkerschlachtdenkmal“ (später erweitert zur „Löwenstadt“) dem Denkmals-Wärter Alfred Linden ein tragisch-absurdes solches, den die Stasi verhaftete, weil er angeblich das Denkmal habe sprengen wollen. 1990 wurde er in „Durch die Erde ein Riss“ wieder autobiografisch, schrieb von seinen Hoffnungen nach dem Krieg und davon, wie sie an der Wirklichkeit zerschellen.

„Nikolaikirche“ von 1995 schließlich, das Buch zur Wende. Schulstoff, von Frank Beyer gut besetzt und erfolgreich verfilmt, ein historischer Roman wie alle großen Bücher Erich Loests und viele der kleineren.

Und das Einmischen ins tagesaktuelle Zeitgeschehen war ihm zeit seines Schriftsteller-Lebens die wichtigste Triebfeder: „Meine Bücher schreibe ich für das Hier und Jetzt“, hat er immer wieder zu Protokoll gegeben. Und: „Nachruhm kann man nicht planen“. Loest hat es doch getan. Seinen Vorlass, der seit Donnerstag ein Nachlass ist, hat er beizeiten geordnet und der Medien-Stiftung der Sparkasse Leipzig übergeben, wo er nun der wissenschaftlichen Aufarbeitung harrt. In seinem Geburtsort Mittweida gibt es ein Museum, das seinen Namen trägt, sein Leben und Wirken dokumentiert.

Und die großen Stoffe, die Erich Loest angefasst hat, gehen uns alle an. Das erhebt Bücher wie „Es geht seinen Gang“, „Nikolaikirche“, auch „Völkerschlachtdenkmal“ über die Alltagskost des schnelllebigen Literaturbetriebs. Wenn es um die zentrale Wunde des deutschen 20. Jahrhunderts geht, gibt es wenig bessere Literatur.

Hoch geehrt für reiches Schaffen
Erich Loest wurde am 24. Februar 1926 in Mittweida (Sachsen) geboren. Zu seinen Werken zählen: „Jungen, die übrig blieben“ (1950), „Ich war Dr. Ley“ (1966), „Schattenboxen“

(1973), „Ins offene Messer“ (1974), „Es geht seinen Gang oder Mühen in unserer Ebene“ (1977), „Durch die Erde ein Riß“ (1981), „Ein Sachse in Osnabrück“ (1986), „Die Stasi war mein Eckermann oder: mein Leben mit der Wanze“ (1991), „Nikolaikirche“ (1994) und „Lieber hundertmal irren“ (2013). Loest ist Ehrenbürger von Mittweida und Leipzig, Träger des Großes Bundesverdienstkreuzes und Ehrendoktor der Technischen Universität Chemnitz und der Universität Gießen. 2009 wurde ihm der Deutsche Nationalpreis verliehen, 2010 der Kulturgroschen des Deutschen Kulturrats. Erich Loest starb am 12. September in Leipzig.

Peter Korfmacher

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