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Kultur „Da steckt Sprengstoff drin“
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03:47 29.08.2013
Verliert den Durchblick: Olli Dittrich in der Rolle des Antihelden Thomas Müller. Quelle: Zorro Filmverleih

München — Comedian, Musiker, Schauspieler — auf jeden Fall Tausendsassa. Multitalent Olli Dittrich hat mal wieder das Genre gewechselt und überrascht mit dem Kinofilm „König von Deutschland“.

OSTSEE-ZEITUNG: Ihr Regisseur hat gesagt, er habe sich in der Rolle des durchschnittlichsten Deutschen nur Sie vorstellen können. Ist das ein Kompliment?

Olli Dittrich: Absolut. Die auf den ersten Blick unscheinbaren Figuren sind doch die spannendsten. Regisseur David Dietl und ich kennen uns schon lange, seit unserer Zusammenarbeit 1998 an „Late Show“, einem Kinofilm seines Vaters Helmut Dietl. Seither hat sich meine Vorliebe immer weiter weg von der klassischen Comedy und hin zu meist tragikomischen Charakterfiguren, wie etwa „Dittsche“, entwickelt. Das fand er sehr passend für Thomas Müller, meine Hauptfigur in „König von Deutschland“.

OZ: Dittsche, der Alltagsphilosoph in der Stehkneipe mit Bier und Bademantel: Verkörpert der auch den Durchschnittsdeutschen?

Dittrich: Nein, Dittsche ist zwar auch eine Figur aus dem wahren Leben, jedoch alles andere als durchschnittlich. Eher eine Randfigur der Gesellschaft mit dem Herz am rechten Fleck.

OZ: Wie bereitet man sich auf eine Rolle vor, die von einem verlangt, Durchschnitt zu sein?

Dittsche: Die intuitive Beobachtung anderer Leute ist für mich immer Ausgangsposition. Ich mache das fast unabsichtlich seit meiner Kindheit mit großer Leidenschaft und nehme Auffälligkeiten, Dialekte, Bewegungen, Körpersprache, Geist und Seele anderer eher spielerisch auf. Bekommt man ein gutes Drehbuch, entstehen beim Lesen Bilder im Kopf, und die Figur Thomas Müller in diesem Film lebt sofort, weil sie sich aus dem zusammensetzt, was man im wahren Leben so alles beobachtet hat. Ein spannender Charakter: Er spart auf ein Häuschen, ist mit seiner Sabine verheiratet, hat einen Sohn und kommt abends müde nach Hause. Das klingt sehr bürgerlich und belanglos, da steckt aber Sprengstoff drin, wie man schnell merkt.

OZ: Ihre Figur wagt den Ausbruch aus der Durchschnittlichkeit. Was ist so schlecht am Durchschnitt?

Dittrich: Du bist Durchschnitt — das ist ein negativ besetzter Begriff, sagt aber nur: Die meisten Menschen tun und lassen das Gleiche wie Du. Mein Thomas Müller repräsentiert in allem Durchschnitt — durch das, was er gerne isst, welches Auto er fährt, wohin er verreisen möchte. So wird er als lebende Informationsquelle angezapft und gezielt und ohne sein Wissen für Wählermanipulation missbraucht. Marktforschung ist Basis beinahe jedes Unternehmens, jeder Partei. Was passiert, wenn sie kriminell genutzt wird, sieht man im Film.

OZ: Sie lieben Improvisation — siehe „Blind Date“ mit Anke Engelke. Kommt Ihnen so ein Kinodreh nicht wie ein Gefängnis vor?

Dittrich: Nein, das ist eine ganz andere Art von Arbeit. Ich liebe Disziplin und Genauigkeit, das ist bei improvisierten Szenen genauso wichtig, die folgen ja denselben dramaturgischen Regeln wie ein Drehbuch. Nur dass sie aus dem Moment entstehen und sich Szenen nicht wiederholen lassen. Allerdings geht das beim Film nur begrenzt: Da tickt die Uhr, jeder Drehtag kostet viel Geld.

OZ: Warum sind Sie dann so selten im Kino zu sehen? „König von Deutschland“ ist erst Ihre zweite Hauptrolle.

Dittrich: Ich mache viele verschiedene Sachen, schreibe Bücher, spiele Schlagzeug mit meiner Country-Band Texas Lightning, ich arbeite an einem neuen Fernsehformat. Alles braucht halt seine Zeit.

OZ: Haben Sie gestutzt, als Veronica Ferres Ihnen als Ehegattin an die Seite gestellt wurde? Ferres ist nicht unbedingt die graue Maus, die sie hier spielt.

Dittrich: Thomas Müller und seine Sabine: ein Traumpaar des arglosen Spießertums! Wir hatten viel Spaß. Veronica Ferres hat absolut komödiantisches Talent. Außerdem ist es spannend, wenn jemand gegen sein Image besetzt wird.

OZ: Ist der Film als Warnung zu verstehen: Vorsicht, passt Euch nicht zu sehr dem Mainstream an?

Dittrich: Der Film ist weder Dokumentation noch sozialkritisches Drama oder gar Politkabarett. Das ist eine fiktionale Geschichte, eine glaubwürdige Fantasie, die auf dem basiert, womit wir es alle täglich zu tun haben: Demoskopie, Marktforschung, Umfragen.

Comedian und Musiker
Einem breiten Publikum wurde Oliver (Olli) Dittrich durch die RTL-Comedy „Samstag Nacht“ bekannt, bei der er von 1993 bis 1998 mitmachte. Legendär ist sein Zusammenspiel mit Wigald Boning: Für die Interview-Persiflage „Zwei Stühle — Eine Meinung“ gab es den Grimme-Preis. Als musikalisches Spaß-Duo Die Doofen („Mief“) erhielten die beiden zahlreiche Preise.

Mit „Olli, Tiere, Sensationen“ und „Blind Date“ bekam Dittrich seine ersten eigenen Sendereihen. Anhaltenden Erfolg verzeichnet er mit der Improvisationscomedy „Dittsche“, die seit 2004 im WDR ausgestrahlt wird.

Als Schlagzeuger der Band Texas Lightning („No No Never“) war Dittrich 2006 beim Eurovision Song Contest dabei.

Interview von Stefan Stosch

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