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Eine Geschichte im Sven-Regener-Sound

Berlin Eine Geschichte im Sven-Regener-Sound

Der Autor von „Herr Lehmann“ hat ein neues Buch geschrieben. Es geht um Techno, Drogen und die Liebe, und das mit ausgeruhtem Humor.

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Regener als Musiker der Band Element Of Crime.

Quelle: Jörg-Martin Schulze

Berlin. Karl Schmidt ging es nicht gut. Alkohol, Drogen, wenig Schlaf und zu viel Sturm im Kopf, da war das Urbankrankenhaus nicht mehr weit. Man hat dann lange nichts von ihm gehört. Karl Schmidt war verschollen, sich und der Welt abhanden gekommen irgendwo in Berlin. Aber jetzt ist er wieder da, gut 500 Seiten lang.

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Regener als Musiker der Band Element Of Crime.

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Karl Schmidt ist ein Bewohner von „Herr Lehmann“, Sven Regeners erstem Roman, ein gewaltiger Erfolg — auch schon wieder zwölf Jahre her. In Regeners neuem Buch spielt Schmidt die Hauptrolle, und er tut das mit Anstand und Würde. Es ist eine Rückkehr zu sich selbst, die man da verfolgen darf, so etwas wie eine Auferstehung. Karl Schmidt ist in Hamburg in einer betreuten Anti-Drogen-WG gestrandet, als ihm Mitte der 90er Raimund über den Weg läuft, Raimund, sein alter Kumpel und Bandkollege, ein Echo aus seinem früheren Leben, und dann geht es los.

Raimund und Ferdi haben ein Plattenlabel und sind erfolgreich. Sie machen Techno, es kracht und wummert und dröhnt und hämmert, und sie schippen die Maxis nur so gegen die Wand, wie Ferdi sagt. Aber jetzt ist die Luft raus und die Seele wohl auch, und deshalb wollen sie die Clubs der Republik bereisen, mit einem Bus voller Techno-DJs, und die Liebe vorbeibringen. „Magical Mystery“ soll die Aktion heißen, was ja hippiemäßig klingt und auch so gemeint ist. Weil dabei wenigstens einer einen klaren Kopf behalten muss und Schmidt Alkohol und Drogen nicht anrühren darf, soll er das machen.

Es wird also eine Tour in einem Mercedes-Bus, DJ Schöpfi ist an Bord und Hosti Bros, weil die ja diesen Hit haben, Odo und Rama Noise fahren mit, Dubi war auf dem Cover der Pop-Illu, es geht um Spaß und Partys in seltsamen Läden zwischen Bremen, München und Schrankenhusen-Borstel, es geht um die Zeit, die vergeht und mit ihr das Leben, um die Dinge, die sich immer weiter von einem entfernen und mit ihnen die Ideale, die blasser werden, immer blasser, im Hintergrund röchelt eine Kaffeemaschine, und Raimund und Ferdi rauchen erst mal eine oder bestellen im Lala eine Suppe mit und ohne Pilze, vom Hofbräuhaus ins Fluxi-Hotel nach Unterschleißheim ist es ein verdammt langer Weg, in Köln ist Mittwoch der kleine Samstag, man weiß das ja alles nicht, und wenn man diesen Satz bis hierher gelesen hat, bekommt man eine Ahnung, wie es zugeht in diesem Buch mit diesen Sätzen, die sich über Seiten hinziehen, und ein Punkt ist nicht in Sicht.

Regeners Schreiben ist ein steter Fluss. Wie Techno, es hört nicht auf. Immer kommt noch eine Wendung, immer muss noch etwas angehängt werden. Es ist ein lakonischer Ton, so lakonisch wie die Musik von Regeners Band „Element of Crime“. Er legt diese Beiläufigkeit an den Tag, die Wärme ausstrahlt und feinen, ausgeruhten Humor, das ist schön und selten zu finden.

„Magical Mystery oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt“ von Sven Regener, Galiani, 510 Seiten, 22,90 Euro.

„Wie Bielefeld nach dem Krieg“
OSTSEE-ZEITUNG: Warum ist nicht Frank Lehmann Ihre Hauptfigur geblieben?

Sven Regener: Ich fand es spannender, die Geschichte von Karl Schmidt weiter zu erzählen. Karl kommt am Abend des Mauerfalls in die Psychiatrie, er scheint über Jahre weggeschlossen, aus dem Leben raus. Er hatte noch Kontakte in ein anderes Leben, zu Clubs, in denen Acid House gespielt wird. Wenn man ihn fünf Jahre später sieht, ist das Techno-Ding durch die Decke gegangen, und er durfte nicht dabei sein. Was macht er? Mir hat das immer leid getan, dass er in die Klapse kommt. Ich find‘s auch nicht gut, dass man glaubt, nur weil jemand in die Klapse kommt, ist das Leben für ihn vorbei.

OZ: Es ist doch symbolisch — da verschwindet jemand und verpasst fünf Jahre den Vereinigungswahnsinn. Hatten Sie schlicht keine Lust, über 1990 zu schreiben?

Regener: Die Geschichten kommen, wie sie einem einfallen. Mich hat eben interessiert, was fünf Jahre später passiert, nicht was zwei Wochen nach dem Mauerfall passiert. Mich hat gereizt, dass Karl eben alles verpasst hat. Er hat verpasst, wie die elektronische Musik, in deren Subkultur er damals auch dabei war, plötzlich als Techno die ganze Welt verändert hat. Verpasst hat er auch Ost-Berlin. Karl kennt West-Berlin — überall breite Straßen, hohe Mietskasernen und breite Fußwege. Nun kommt er nach Berlin-Mitte, ins Scheunenviertel, wo es eben wirklich aussieht wie in Hamburg-Ottensen, wo er wohnt, oder wie „Bielefeld nach dem Krieg“, wie er etwas abfällig sagt.


OZ: In Ihrer Jugend waren Sie mal im Kommunistischen Bund Westdeutschland, das ist lange her. Sind Sie noch ein politischer Mensch?

Regener: Ich bin ein sehr politischer Mensch. Damals, vor 32 Jahren, war das eine Sekte, ich habe ja in „Neue Vahr Süd“ darüber geschrieben. Es war schrecklich, aber es prägt mich bis heute.

OZ: Kann der politische Mensch Sven Regener denn erklären, warum der Wahlkampf 2013 so unglaublich langweilig ist?

Regener: Glücklich ist das Land, in dem man sich beklagen kann, dass die Politik langweilig ist. Es geht hier einfach kein großer Reformdruck von der Bevölkerung aus, dann wird die Politik eben langweilig. Aber seit wann ist es ein Kriterium, ob Politik unterhaltsam ist? Wir beurteilen Politik viel zu sehr nach ihrem Unterhaltungswert. Unterhaltsam sind meist nur Populisten.

Interview: Jan Sternberg

 

Peter Intelmannn

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