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Kultur Henry Hübchen: „Ich bin kein gutes Schlitzohr“
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15:07 08.05.2018
Schauspieler Henry Hübchen erhält am 5. Mai beim Filmkunstfest MV den Ehrenpreis „Goldener Ochse“. Quelle: Silke Winkler
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Schwerin

Sie standen schon als Schüler vor der Kamera und haben eine Sendung über den Alltag junger Pioniere im DDR-Fernsehen gedreht.

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Für sein Lebenswerk nahm Schauspieler Henry Hübchen beim Filmkunstfest MV in Schwerin am Sonnabend den „Goldenen Ochsen“ für sein Lebenswerk entgegen. Mit der OSTSEE ZEITUNG sprach er über Eitelkeit, Alterskrisen und die Berliner Volksbühne.

Henry Hübchen: Ja, damals kamen Fernsehleute in die Schule und haben mich unter verschiedenen Sechsklässlern ausgesucht.

Der Beginn ihrer Karriere?

Ne. Mit zehn wollte ich alles mögliche werden, aber nicht Schauspieler.

Stimmt es, dass sie Schauspieler damals sogar verachtet haben?

Naja, bei einem Kinderfernsehspiel damals habe ich einige Schauspieler kennengelernt, die haben sich mehr für ihren Kleingarten interessiert, als für ihren Beruf und alles gemacht, was der Regisseur sagte. Ohne Widerspruch und einen eigenen Gedanken.

Apropos Widerspruch: Sie bezeichnen sich selbst auch gern mal als Querulant.

Ja gut, das sage ich ein wenig kokettierend übertrieben. Ja klar, der Widerspruch reizt mich schon. Aber nicht um des Widerspruchs willen. Aber wenn es etwas gibt, spreche ich es aus und halte nicht damit hinterm Berg.

Sie verkörpern in ihren Rollen oft das Schlitzohr, die Berliner Kodderschnauze, einen Typ mit Ecken und Kanten. Würden Sie sich privat auch als Schlitzohr bezeichnen ?

In den Fällen, wo ich versucht habe, irgendetwas schlitzohrig zu regeln, hat es meist nicht geklappt. Wenn ich ein Schlitzohr bin, dann ein ganz schlechtes (lacht).

Sie sind im vergangenen Jahr 70 Jahre alt geworden. Was nervt sie mehr, die Frage nach dem Alter oder nach ihrer Eitelkeit?

Nerven tut mich beides nicht wirklich. Das benennen des Alters finde ich überflüssig. Es ist keine Leistung, alt zu werden. Es geht auch nicht darum, wie alt jemand ist, sondern darum, was jemand macht in seinem Leben. Und ja, ich bin  eitel, so wie wir alle. Aber im Beruf darf man das nicht sein. Das behindert nur.

In ihrem aktuellen Film „Spätwerk“ spielen Sie einen alternden Schriftsteller in der Schaffenskrise. Wird einem als Schauspieler in einem bestimmten Alter eine Art Stempel aufgedrückt ? Hohes Alter gleich Lebenskrise?

Das Alter beschränkt natürlich die Rollenauswahl. Ansonsten hat man den Stempel sowieso immer. Spielt man einmal erfolgreich einen Kleinkriminellen, ist man immer der Kleinkriminelle. Diese Schubladen sind fürchterlich. Ich versuche, dem zu entfliehen und das gelingt ganz gut. Den alternden Schriftsteller der eine Lebenskrise, Schaffenskrise und überhaupt die Frage hat, was er noch im Leben machen will, hatte ich bisher noch nicht. Aber das sind natürlich Fragen, die man sich in meinem Alter stellt. Was macht man mit der Restlebenszeit?

Und?

Ich habe keinen Plan. Ich kriege Auszeichnungen. In diesem Jahr jetzt schon die Dritte. Diesmal für mein Lebenswerk (lacht).

Sie lachen?

Naja, nicht jeder Schauspieler wird damit beglückt. Ich freue mich darüber. Aber ein Lebenswerk? Herr Eiffel hatte ein Lebenswerk, der hat den Eiffelturm gebaut.

Also schreiben Sie jetzt keine Biografie?

Ab und zu habe ich schon einige Dinge aufgeschrieben, die zum Teil mit meiner Biografie zu tun haben. Konkrete Pläne gibt es aber nicht.

Würden Sie gern noch was Verrücktes machen?

Man muss ja realistisch bleiben. Aber wenn Sie mich so fragen, würde gern noch ein paar Kinder machen wollen. Das ist natürlich nicht bis in die letzte Konsequenz durchdacht, sondern nur so hingesagt. Obwohl es eigentlich nicht schlecht ist (lacht).  Ich würde auch gern die Welt bereisen, wenn es nicht so anstrengend wäre. Die Auswahl ist so groß, dass man wahrscheinlich einfach  in seinem kleinen Zimmerchen sitzenbleibt.

Mit der Lebenserfahrung von heute, gibt es eine Rolle die sie oder irgendjemanden, mit dem sie noch mal  gern spielen würden?

Naja, die Volksbühne war ja das wichtigste Theater in meinem Leben. Das ist wie eine Familie. Da gibt es Leute, mit denen würde ich sofort zusammenarbeiten, beispielsweise mit Sophie Rois, Bernhard Schütz oder Milan Peschel. Das sind Menschen, die etwas mit mir und meiner Vorstellung von Film oder Theater zu tun haben. Wichtiger als die Rolle ist, mit wem man arbeitet und dass es erfüllend ist. Sie können nicht den Hamlet spielen ohne einen Regisseur mit dem sie gut arbeiten können.

Das war das Stichwort. Theaterregisseur Frank Castorf hat eine wichtige Rolle in ihrem Leben gespielt. Inwiefern hat die Arbeit mit ihm sie geprägt?

Die hat mich sehr geprägt, weil wir viel zusammen gemacht haben. Es war die Art und Weise, wie wir es gemacht haben. Ich habe da jemanden gefunden, der ein Alter Ego von mir ist.

Wie sehen sie die Volksbühne Berlin heute?

Zurzeit ist es ein leerstehendes Haus. Die Politik hat es jetzt erst mal auf Grund gesetzt.

Gäbe es denn jemanden, der als würdiger Castorf-Nachfolger infrage kommt?

Das kann ich nicht sagen. Dercon war natürlich eine absolute Fehlbesetzung. Es gab keine Notwendigkeit eines Intendantenwechsels, das Resultat kennen wir ja. Aber wer  jetzt das auf Null gefahren Theater wieder in Schwung bringt, weiß ich nicht. Ist mir auch schnurzpiepegal.

Neben dem Theater haben Sie in zahlreichen DEFA-Filmen mitgespielt, waren nach der Wende auch bei westdeutschen Produzenten sehr gefragt, egal ob Drama, Thriller, Kinderfilm, Krimi oder Tragikomödie. Gibt es ein Genre, das sie bevorzugen?

Nein, eigentlich nicht. Ich brauche gute Bücher, dann ergibt sich alles andere, egal ob Drama oder Komödie. Eine Komödie ist natürlich am schwersten, wenn man es richtig und gut machen will. Beim Drama kann man viel mehr tricksen.

Es ist also schwieriger den Lustigen zu spielen, als den Traurigen?

Wirklich zu berühren in einem Drama ist natürlich nicht leicht. Aber es ist auch nicht messbar. Rührung oder Spannung äußern sich nicht laut. Aber wenn bei einer Komödie an bestimmten Stellen nicht gelacht wird, zeigt sich, dass sie nicht funktioniert.

In dem Film „Spätwerk“  überfahren Sie einen Tramper, beseitigen die Leiche und lösen damit eine Schreibblockade. Das klingt irgendwie morbide und höchst skurril?

Es ist morbide, ja. Aber, dass man aus Versehen jemanden anfährt, weil man getrunken hat und derjenige dann stirbt, das kann passieren. Im Grunde geht es um einen älterer Mann, der mal bessere Zeiten gesehen hat. Ein anerkannter Schriftsteller, der leergeschrieben ist, weil er eine Lebenskrise hat, die auch eine Alterskrise sein kann. Das ist mir nicht unbedingt fremd. In Ansätzen habe ich das auch. Man fragt sich, wie motiviert man sich, noch etwas zu machen. Ich schreibe ja nicht mal. Ich muss also nur entscheiden, mache ich dieses oder jenes Angebot oder nicht.

Und wenn Frank Castorf anrufen würde, wären sie dabei?

Nein, weil ich in meinem Alter nicht mehr sechs Stunden Theater spielen will. Das können die 40-Jährigen machen.

Und beim Auswählen einer Filmrolle, was würden Sie ablehnen? Seifenopern? Erotikfilme?

Ich lehne viel ab, weil es mir keinen Spaß macht, seichte Dialoge in hübscher Landschaft zu drehen. Was die Erotik angeht, glaube ich, dass Rentnererotik nicht so gefragt ist (lacht). Ich brauche gute Bücher und die sind rar.

Wie schwer ist es, sich selbst auf der Leinwand zu ertragen? Gucken Sie ihre eigenen Filme ?

Nein. Es ist nicht einfach, sich selbst zu betrachten und objektiv zu bleiben. Ich sehe alle Fehler und kann keinen Film unbelastet sehen. Nach einigen Jahren ist das einfacher.

Gibt es trotzdem einen Film, der ihnen am besten gefällt?

Von meinen Filmen gefallen mir die am besten, die am meisten besprochen wurden, weil es  häufig die besten Bücher sind, wie ’Alles auf Zucker’, oder ’Whisky mit Wodka’.

Und was gucken Sie, um zu entspannen?

Alte amerikanische Filme, wie beispielsweise ’Frühstück bei Tiffany’.

Sie haben einen besonderen Bezug zu MV. Am Theater Anklam lernten sie Anfang der 80er Jahre Frank Castorf kennen, haben hier viele Filme gedreht. Sind sie auch privat gerne hier?

Ja klar! Ich bin Berliner und die Ostsee und Mecklenburg sind mein Vorgarten.

Büssing Stefanie

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