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Kultur Humor zwischen Nonsens und Tabubruch
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06:45 13.12.2017
Der Schriftsteller, Lyriker, Karikaturist und Satiriker Robert Gernhardt (1937-2006). Quelle: Bernd Thissen
Frankfurt am Main

Keiner kommt gut weg beim Aschaffenburger Karikaturisten-Duo Greser & Lenz: Kanzlerin Angela Merkel nicht, nicht der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan und die deutsche Flüchtlingspolitik erst recht nicht. „Nicht klein beigeben, sich nicht manipulieren lassen, lustvoll für die Wahrheit streiten“, ist die Leitlinie von Achim Greser und Heribert Lenz, deren satirische Zeichnungen unter anderem in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ erscheinen. Alles, was sie heute seien, hätten sie auch Robert Gernhardt zu verdanken, sagt Greser.

Gernhardts Haltung, zu jeder Mehrheitsmeinung das Gegenteil zu behaupten und sich dabei „grundsätzlich als Spaßmacher zu verstehen“, präge ihren Blick auf die Welt noch heute. Heute wäre Robert Gernhardt 80 Jahre alt geworden: Dichter, Schriftsteller, Zeichner, Maler, geboren 1937 in Reval (heute Tallinn), aufgewachsen in Göttingen, Studium der Malerei und Germanistik. Er gilt als einer der wichtigsten zeitgenössischen Dichter deutscher Sprache. Das Caricatura Museum Frankfurt widmet dem Künstler, der am 30. Juni 2006 in Frankfurt am Main starb, eine Sonderausstellung.

Gernhardt sei „Kind einer glücklichen Zeit“ gewesen, sagt Klaus Cäsar Zehrer, Autor und Weggefährte. Zusammen mit Gernhardt hat er 2004 „Hell und Schnell“ herausgegeben, eine Sammlung komischer Gedichte in deutscher Sprache. In der Bundesrepublik der 1960er Jahre habe sich die Funktion von Satire verändert: „Gernhardt hat als einer der Ersten erkannt, dass die althergebrachte Pose des Satirikers antiquiert ist.“ Auf einmal habe es keinen Mut und keine List mehr gebraucht, um auf indirekte Weise die Wahrheit zu sagen, beschreibt Zehrer die Zeit, in der Gernhardts Schaffensphase begann.Gernhardt verschrieb sich dem „Nonsens“, einer literarischen Gattung. „Radikaler als Satire, die die Verhältnisse anerkennt und sich an ihnen abarbeitet, sabotiert die Nonsensliteratur alle Denkgewohnheiten“, sagte Zehrer.Ab den frühen 1960er Jahren veröffentlichte Gernhardt Zeitungsparodien, die schnell Kultstatus erlangten. Anfang der 1970er Jahre wurde er Ghostwriter für Otto Waalkes und war 1979 Mit-Gründer von „Titanic – das endgültige Satiremagazin“.

Mit der Jahrtausendwende traten auch für die Satire Wendepunkte ein: zum Beispiel die Mohammed-Karikaturen in einer dänischen Zeitung 2005, die Proteste von Muslimen, Ausschreitungen in islamischen Ländern und Angriffe auf die dänischen Zeichner auslösten. Dies fiel in Gernhardts letztes Lebensjahr und habe ihn „tief getroffen“, weiß Zehrer. „Auf einmal muss der Spaßmacher wieder um sein Leben fürchten.“

Heute nähmen Bedrohungen von Rechten und von Islamisten zu, sagt Zehrer: „Mit Verspötteln ist dem nicht mehr beizukommen.“ Demgegenüber verliere Satire in der Gegenwart oft ihren Reiz, weil sie leer gewordene Rituale wie Hitler-Parodien pflege. „Dazu braucht es weder Mut noch trägt es zur Aufklärung bei.“ Die satirische Komik solle ihren Werkzeugkasten neu sortieren, fordert Zehrer.

Greser & Lenz sehen sich immer wieder Vorwürfen ausgesetzt, mit parodistischen Klischees über Flüchtlinge oder den indigenen Schamanen „Dr. Mbongo“ Rassismus zu verbreiten. Greser kennt die immer gleichen Anschuldigungen: „Sie versuchen mit Verleumdung, Denunziation und Gewalt den gesellschaftlichen Frieden herzustellen.“ Unbeeindruckt zeigen sich die Karikaturisten davon: „Es wäre ja noch schöner, wenn unsere Arbeit widerspruchsfrei wäre.“ Eine Karikatur wolle bloßstellen, verletzen, überzeugen. „Wenn ihr das nicht gelingt, können wir auch gleich aufgeben.“

Gernhardt hatte einen anderen Zugang zur Satire, wie Jörg Metes sagt, Autor und ehemaliger Chefredakteur der „Titanic“: „Die Lust am Tabubruch beschäftigte ihn gar nicht so sehr.“ Dennoch teilten Greser & Lenz mit ihrem Vorbild die Lust an der Alltagssoziologie: „Man hebt einen Stein am Wegesrand hoch“, habe Gernhardt einmal zu ihm gesagt, „und entdeckt darunter ein ungeahntes Gewimmel.“

Elisa Makowski

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