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Kultur Melancholische Gesichtslandschaft
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00:00 13.09.2013
Berlin

Es war sein letzter großer Auftritt auf der Leinwand: die Senioren-Komödie „Bis zum Horizont, dann links!“. Kein großer Film, aber wie Otto Sander da als rüstiger Flugzeug-Entführer Tiedgen inmitten ebenfalls in Würde gereifter Kollegen (Angelica Domröse, Herbert Köfer) ein langes Leben eingefangen hatte, das machte jede Minute sehenswert.

Dabei machte er gar nicht viel, musste er nie: Die immer ein wenig feuchten blauen Augen mit den knittrigen Lidern unter hellen Wimpern, darüber die vom Hochsee-Segeln gegerbte Stirn, die Züge, in die Erfahrung und Alkohol tiefe Furchen gezogen haben, während der Dreharbeiten zu diesem Film längst auch der Krebs — auf diese immer ein wenig melancholische Gesichts-Landschaft musste die Kamera nur draufhalten, und Bilder wurden zu Ereignissen. Wie die Töne, Worte, Sätze, die Otto Sander sagte mit dieser Stimme, die sich unter die Haut raspelte, die das Herz wärmte und doch Widerhaken auslegte. Sonor war sie und tief, volltönend und immer etwas leise, markant und zerbrechlich, satt und sanft — und unvergesslich.

Dieses Gesicht, diese Stimme, das waren die Gaben, mit denen Otto Sanders bereits überreich ausgestattet war, als der 1941 in Hannover geborene Ingenieurs-Sohn sich in den frühen 60ern nach München aufmachte, um mit dem festen Ziel „Regisseur wollte ich werden“ Theaterwissenschaft, Germanistik, Literaturwissenschaft, Kunstgeschichte und Philosophie zu studieren. Dann sammelte er Bühnen-Erfahrungen im Studentenkabarett, nahm 1964 an der Otto-Falckenberg-Schule Schauspielunterricht, flog dort im Jahr darauf wegen „ungebührlichen Betragens“ raus, konnte aber seine Ausbildung mit einer externen Prüfung abschließen. Über Verpflichtungen in Düsseldorf, Heidelberg und Kassel spielte er sich nach Berlin, auf die Bühnen der Stadt, die seit 1970 seine Heimat wurde.Wo er so regelmäßig in der Paris-Bar stand, dass am Tresen ein Messingschild seinen Stammplatz markiert. Wo er 1971 zu den Gründungsmitgliedern der Schaubühne gehörte und deren Ruf als Theater-Mekka mitbestimmte. In Produktionen Peter Steins und Klaus Peymanns, Robert Wilsons und Luc Bondys, als großer Tragöde und als kleiner Mann, als Hauptmann von Köpenick und bei den Salzburger Festspielen als Tod.

Ein halbes Jahrhundert auf der Bühne — das hat ihn unsterblich gemacht. Wie die vier Jahrzehnte, in denen er auf der Kino-Leinwand und der Mattscheibe aktiv war. Die Hörbücher natürlich auch. Otto Sander war nicht wählerisch. Seine 150 Streifen zählende Filmografie weist anarchischen Trash auf und große Filmkunst wie Wim Wenders‘ Dyptichon „Der Himmel über Berlin“ und „In weiter Ferne, so nah!“.

„Das Boot“, „Die Blechtrommel“, „Comedian Harmonists“, „Marlene“, „Sass“ — die Großen des europäischen Films kamen an Otto Sander kaum vorbei; auch der Autorenfilm ist ohne ihn nicht denkbar: Eric Rohmer, Andrzej Wajda, Wolfgang Petersen, Volker Schlöndorff, Werner Schroeter, Michael Verhoeven, Margarethe von Trotta, Matti Geschonneck, Joseph Vilsmaier, sie alle ließen ihn, der hinter Rollen Menschen fand, ihre Werke adeln.

Seiner Witwe schickte Bundespräsident Joachim Gauck ein Beileidstelegramm: „Ich erinnere mich“, heißt es darin, „an Otto Sander als einen der glaubwürdigsten Schauspieler unserer Zeit.“ Ja, das war er ohne Zweifel.

Peter Korfmacher

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