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Schweriner Spaziergang durch die Kunstgeschichte

Schwerin Schweriner Spaziergang durch die Kunstgeschichte

Im neu gestalteten Anbau präsentiert das Staatliche Museum in der Landeshauptstadt die Moderne / Ein Schwerpunkt ist das Werk des international renommierten Künstlers Günther Uecker

Schwerin. Drei Tage hat er sich Zeit genommen, seine neueste Arbeit aus der Reihe „Wustrower Tücher“ in Schwerin zu hängen und 14 weitere Werke im Bestand der Sammlung des Staatlichen Museums Schwerin zu begutachten. Auf zwei Säle verteilt, zeigt das Museum nun wichtige Werke eines gewichtigen Sohnes im Land. Günther Uecker, 1930 in Wendorf nahe Wismar geboren, wuchs auf der Halbinsel Wustrow auf. Dort musste er 1945 Leichen am Strand begraben. Angeschwemmte Tote nach dem Untergang der „Cap Arkona“, auf der KZ-Häftlinge zusammengepfercht waren.

Diesen unbekannten Toten will Uecker mit der Reihe „Wustrower Tücher“ Identität zurückgeben. Es ist auch eine biographische Arbeit an den traumatischen Ereignissen, die wohl Ausgangspunkt des Ueckerschen Gesamtwerkes sind. Im Zentrum stets der Mensch – der geschundene Mensch und die Gewalt, die Menschen einander antun. Lässt man Ueckers Arbeiten in den Sälen auf sich wirken, fallen die Widersprüche ins Auge. Uecker als Künstler, als Mensch und sein Werk sind brachial und zart, furchtbar ernsthaft, humorig, sinnlich und hochgradig intellektuell, konzeptuell zugleich. Nagelarbeiten wie „Nageltisch“, „Spikes“ und „Selbstporträt“, Werke wie „Fadenstuhl“ und „Sandspirale“ tragen Witz und Bedrohlichkeit in sich. „Die Sandspirale“ ist nun, wie die sieben „Wustrower Tücher“, die Uecker in den vergangenen Wochen auf Wustrow gefertigt hat, wo er vor 71 Jahren den jugendlichen Totengräber geben musste, neu im Bestand der Sammlung. Uecker, der nach dem Aufstand vom 17. Juni 1953 die DDR Richtung Düsseldorf verließ, sucht seit 2010 die Halbinsel Wustrow auf, um an den Stellen, wo er die Toten verscharrt hatte, Baumwolltücher auf den Sand zu legen und mit Kreide, Leim und Natur großformatige Bilder des Verstörens zu schaffen. Die Schweriner Sammlung hat sich mit dem Anbau „Alte & Neue Meister“, der am 1. Juli mit einem Welterbefest eröffnet wird (siehe unten), neu aufgestellt. Der Neubau, der sich klar, modern, aber erstaunlich geschmeidig in das Welterbe-Ensemble zwischen Schloss, Museum und Theater einfügt, kostet 8,6 Millionen Euro, gefördert zu 90 Prozent aus EU-Mitteln. Im Inneren offenbaren Altbau und Neubau auf 1500 Quadratmetern im Duett einen Spaziergang durch die Kunstgeschichte. Das beginnt mit den Alten Meistern holländischer und flämischer Landschafts- und Porträtmalerei aus der herzöglichen Sammlung mit Rubens, Rembrandt, Brueghel oder Fabritius und Marinemalerei mit de Vlieger oder Backhuysen.

Dann gibt das Museum der klassischen Moderne Platz in sechs Sälen auf zwei Etagen. Besucher werden im ersten Saal von Lovis Corinth begrüßt. Dessen farbenfrohe „Herbstblumen“ aus dem Jahr 1923 sind ebenso Aspekt der Moderne wie der Picasso („Komposition mit Sägemehl – Das Glas“, 1914), der sich schräg gegenüber fast versteckt. Komplexe, die mit den Hauptzeilen „Farbe und Landschaft“ und „Das neue Sehen“ betitelt sind. So geht es weiter in Wirkungspaaren über Partikel, Müller-Kaempff, Bartels auf der einen, Feininger, Fuhrmann oder Lehmbruck auf der anderen Seite.

Ueckers Arbeiten im ersten Saal sind gespiegelt mit großformatigen Landschaften zeitgenössischer Maler aus Mecklenburg-Vorpommern wie Matthias Wegehaupt und Michael Wirkner. Im vorletzten Saal lässt das Museum „Wustrower Tücher“, „Nageltisch“, „Kubus – Kubus“ und „Sandspirale“ allein wirken. Letztere konnte soeben mit Hilfe der Kulturstiftung der Länder und des Vereins der Museumsfreunde für die Sammlung angekauft werden, wie das Museum gestern mitteilte.

Beendet wird der Spaziergang mit Installationen von Marcel Duchamps, dem ein zweiter großer Schwerpunkt der Sammlung gewidmet ist, oder Jörg Herold mit seinem „Mahnmal“ – ein völlig anderer Zugang zum Leid der Menschen im Zweiten Weltkrieg. Museumsdirektor Dirk Blübaum erklärt: „Man kann die Werke nicht separat betrachten, sondern nur im zeitlichen Kontext. Dem Namen ,Alte und Neue Meister‘ werden wir ja jetzt erst gerecht. Es ist für Besucher einfach spannend zu sehen, wie sich das in den Themenkomplexen vom 17. Jahrhundert an entwickelt.“

Uecker unterdessen ist weitergezogen. Am 2. Juli wird in der Rostocker Kunsthalle seine Schau „Der geschundene Mensch“ gezeigt, Ueckers Reaktion auf das Pogrom von Rostock-Lichtenhagen 1992. Die Ausstellung mit 14 Arbeiten ist durch 57 Länder gereist. In Rostock schließt sich der Kreis.

Feier zur Eröffnung

Mit einem Sommerfest wird der Neubau der Galerie Alte und Neue Meister des Staatlichen Museums Schwerin am kommenden Freitag eröffnet. Der Eintritt zu allen Veranstaltungen ist frei.

Zwischen 14 und 18 Uhr werden „Aktionen für Alle“ angeboten, Kinder können an einer Rallye durch Alt- und Neubau teilnehmen. Von 15 bis 18 Uhr gibt es Führungen und Künstlergespräche. Gegen 17 Uhr veranstaltet die 1929 in Japan geborene Fluxus-Künstlerin Takako Saito, die seit 1987 in Düsseldorf lebt, eine Performance mit dem Titel „You + Me“ im Museumshof. Dort schließt sich um 20 Uhr eine Schlagzeugperformance des Perkussionisten und Komponisten Benny Greb an. Ab 22 Uhr spielt das Trio Henning Schwiers „Jazz zur Nacht“.

Der Neubau mit seinen 800 Quadratmetern Ausstellungsfläche hat 8,6 Millionen Euro gekostet, die zu 90 Prozent aus Mitteln der Europäischen Union kamen.

Michael Meyer

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