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Umstrittene „Helden“ und viel Leid

Leipzig Umstrittene „Helden“ und viel Leid

Das Stadtgeschichtliche Museum in Leipzig widmet sich der Völkerschlacht von 1813. Die Ausstellung zum 200. Jahrestag liefert überraschende Erkenntnisse.

Leipzig. Großformatige Bilder von Whistleblower Edward Snowden und der tödlich verunglückten Lady Diana — wer sich durch die Ausstellung des Stadtgeschichtlichen Museums in Leipzig bewegt, wird überrascht. Zwar dreht sich die gestern eröffnete Ausstellung „Helden nach Maß“ um die Völkerschlacht bei Leipzig 1813. Doch immer wieder wird frei assoziiert und auf die Gegenwart und ihre „Helden“ verwiesen. Zur Erinnerung an die Völkerschlacht bei Leipzig vor 200 Jahren wählt die Schau ungewöhnliche Wege:

Antatt die Ereignisse chronologisch wiederzugeben, springt sie vor und zurück: und liefert überraschende Erkenntnisse.

„Das ist ein intellektueller Ritt, den wir hier vorlegen“, erklärt Direktor Volker Rodekamp. „Die Leitfrage heißt: Was bedeutet die Völkerschlacht heute, was hat es uns noch zu sagen.“ Insgesamt werden rund 400 Exponate gezeigt, darunter Karikaturen, Gemälde, Kleidungsstücke, Briefe und moderne Medieninstallationen. In acht Kapiteln werden wichtige Personen der Zeitgeschichte vorgestellt, darunter der preußische General Gebhard Leberecht von Blücher, der Poet Theodor Körner oder der Begründer der Turnbewegung, Friedrich Ludwig Jahn.

Dabei geht es nicht nur um eine Präsentation dessen, was sich in vielen Geschichtsbüchern bereits findet, sondern auch gerade um schwer Belegbares — die Legenden rund um die Zeit der Befreiungskriege vor 200 Jahren. Da wird zum Beispiel von den Jungfrauen erzählt, die sich ihr blondes langes Haar abschnitten, dieses verkauften und mit dem Erlös dem „Vaterland dienten“. Oder von den einfachen Bauern, die in Holzpantinen gegen ihre hoch technisierten Gegner zu Felde zogen — und gewannen.

„Wir wollen aber auch auf die Gräuel des Kriegs deutlich machen“, sagt Direktor Rodekamp. Fast 100 000 Soldaten fanden in der Schlacht von Truppen Österreichs, Preußens, Russlands und Schwedens gegen die des französischen Kaisers Napoleon Bonaparte ihren Tod. Viele weitere starben an Krankheiten und Seuchen.

Die Völkerschlacht im Oktober 1813 war damit für die nächsten 100 Jahre die größte Massenschlacht in der Geschichte Europas. Heute zeugen in der Ausstellung Beinprothesen und Gebisse von den Versuchen, das Leid der Verletzten ein wenig zu mildern. „Es ist keine Ausstellung, die die Völkerschlacht positiv abfeiert“, sagt Rodekamp. Auch geistige Brandstifter werden kritisch beleuchtet, wie etwa der Franzosenhasser und Antisemit Ernst Moritz Arndt.

Das Gemetzel bei Leipzig gilt auch als Geburtsstunde der Nation der Deutschen. Die Nationalfarben Schwarz-Rot-Gold, das Eiserne Kreuz und die Wagenlenkerin Quadriga vom Brandenburger Tor gehen auf diese Zeit zurück. So sollen etwa Studenten einer Burschenschaft die Farben des Lützower Freikorps zum Wartburgfest 1817 verwendet haben. Die Quadriga bekam nach dem Sieg bei der Völkerschlacht statt einem Lorbeerkranz ein von einem preußischen Adler bekröntes Eisernes Kreuz — und wurde damit von der Friedens- in die Siegesgöttin umgewandelt.

Auch den Frauen wird in der Ausstellung ein besonderer Raum eingeräumt. Kurator Steffen Poser kann von weiblichen Soldaten erzählen, die sich die Brust abbanden und damals an der Front mitkämpften.

„Ob sie dabei als Vorbild wirkten, ist aber nicht bekannt.“ Einen Querverweis liefert das Museum dennoch — 1996 begehrte erstmals eine Frau den Soldaten-Dienst bei der Bundeswehr und ebnete damit den Weg für andere.

 

Stephanie Höppner

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