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Kultur „Vater hat das Bernsteinzimmer gerettet“
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03:46 05.09.2013
Mein Vater erzählte mir vom Salzbergwerk bei Magdeburg, in dem Kunst ver- steckt wurde. Das Bernsteinzimmer war dabei.“ Ursel Steinberg (81)

Auf dem Küchentisch in Prora auf Rügen liegt ein vergilbtes Dokument. „Eidesstattliche Erklärung“ ist auf dem Schriftstück zu lesen, das am 10. November 1948 ausgestellt wurde. Darin wird kurz und knapp mitgeteilt, dass Herr Hermann Thomat in russischer Kriegsgefangenschaft verstorben sei. „Dieses Papier hat meine Mutter wie ihren Augapfel gehütet. Einerseits brachte es ihr nach Jahren des Bangens die Gewissheit, was mit ihrem Mann geschehen ist — andererseits bekam sie damit später etwas Witwenrente“, berichtet Ursel Steinberg.

Mit zitternder Stimme liest die 81-Jährige in einem Brief, der noch älter ist. Darin teilt eine Verwandte der Familie mit, dass Hermann Thomat im Juni 1945 im Gefangenenlager Graudenz an Flecktyphus gestorben ist. Ursel Steinberg wird still. Schon während des furchtbaren Marsches von der Fliegerkaserne Langfuhr nach Graudenz haben damals viele Menschen ihr Leben verloren.

Es sind Erinnerungen an einen Mann, der nicht nur Ursel Steinbergs Vater war. Hermann Thomat war ein Mensch, der gerne las und sich für Kunst und Kultur interessierte. Es sind Erinnerungen an einen Mann, der im Winter 1944/45 im Auftrag der Nationalsozialisten damit beschäftigt war, Wertsachen und Kunstschätze vor den nahenden Truppen der Roten Armee in Sicherheit zu bringen. Damals führte der Weg von Hermann Thomat auch nach Königsberg. Im dortigen Schloss befand sich das legendäre Bernsteinzimmer, das bis heute als achtes Weltwunder gilt. Wochenlang war Thomat unterwegs. Die Familie hörte nichts von ihm.

Eines Tages stand Hermann Thomat plötzlich in der Tür. Die Familie jubelte. „Mein Vater erzählte mir von einem Salzbergwerk nahe Magdeburg, in dem zahlreiche Kisten voller Kunstgüter und -schätze versteckt wurden. Auch das Bernsteinzimmer war dabei. Ich weiß noch, wie seine Augen leuchteten und wie sehr mein Vater von diesem Bergwerk — es muss Schönebeck bei Magdeburg gewesen sein — begeistert war. Er hat mir sogar versprochen, dass wir nach dem Krieg mal dorthin fahren und er mir alles zeigt“, lässt Ursel Steinberg die Geschehnisse noch einmal Revue passieren. Bis heute befinden sich in diesem Gebiet zahlreiche offen gelassene und inzwischen mit Wasser gefüllte ehemalige Steinbrüche und Salzstöcke, mit Tiefen von bis zu 60 Metern.

Es war eine schöne Kindheit, die Ursel Steinberg in Langfuhr verbrachte. Es war der größte Vorort von Danzig, der zwei Kilometer von der geschichtsträchtigen Hansestadt entfernt lag. Zwischen Vorort und Stadt befand sich eine prächtige Allee. Ursel Steinberg schmunzelt: „Ich kannte auch Günter Grass, der hat mich mal verhauen. Damals, im März 1945, wohnte er um die Ecke — er war 16 und ich 12.

Er war der Freund des Bruders meiner Freundin. Heute wohnt er ja in Lübeck und ich auf Rügen — da kann er mir nichts mehr tun“, lacht Ursel Steinberg.

Diesen Gag baut die pensionierte Lehrerin und passionierte Malerin heute gern in ihre Witze- Shows ein, die sie bei Reisen um die Welt an Bord des Kreuzfahrtschiffes MS „Albatros“ zum Besten gibt.

Hier hat die Ruheständlerin viele Jahre Malkurse gegeben und Buchlesungen abgehalten.

Wenn sie damals an Bord eines ganz bestimmten Schiffes gegangen wäre, würde es Ursel Steinberg heute wohl nicht mehr geben. Danzig hatte gegen Ende des Zweiten Weltkrieges bereits kapituliert — die weiße Fahne wehte über der Stadt. „Mein Vater hatte Karten für die ,Wilhelm Gustloff‘. Wenn nicht die Tiefflieger ihre Kreise über Danzig gezogen und die Menschen nicht schon auf dem Weg zum Schiff angegriffen hätten, wäre unsere Familie an Bord gegangen“, erinnert sich Ursel Steinberg. Damals sagte ihre Mutter: „Wenn ich schon sterben muss, dann bei uns zu Hause.“ So blieb der Familie das Schicksal erspart, das 9000 Menschen vor der Küste Pommerns das Leben kostete. Am 30. Januar 1945 wurde die „Wilhelm Gustloff“ vom russischen U-Boot S-13 beschossen und in den Fluten der Ostsee versenkt.

Später kamen russische Soldaten ins Haus, holten Hermann Thomat — wie alle Männer der Stadt — ab und brachten ihn ins Gefangenenlager Graudenz. „Ich weiß noch genau, dass es der 27. März 1945 war.

Ein Russe wollte mich trösten und sagte, dass ich meinen Vater bald wiedersehen würde“, sagt Ursel Steinberg. Von 7000 Gefangenen überlebten das Lager damals nur 1000 Menschen.

Als im November 1945 alle Deutschen Polen verlassen mussten, kam Ursel Steinberg als Vertriebene nach Binz. Anfangs wohnte sie im Goethe-Haus. Von 1946 bis 1951 besuchte sie das Arndt-Gymnasium in Bergen. Später absolvierte sie eine pädagogische Ausbildung am Institut für Lehrerbildung in Templin. Bis 1991 arbeitete Ursel Steinberg als Unterstufenlehrerin und Kunsterzieherin an der Schule Prora. Noch im Rentenalter war die Künstlerin für die Grone-Schule, für das Berufs-Förderungs-Werk sowie für die Volkshochschulen der Region tätig.

Dass ihr Vater Hermann gewusst haben muss, wohin das Bernsteinzimmer im Winter 1944/45 gebracht wurde, beweist ein Besuch von russischen Offizieren nach Kriegsende in Binz. „Sie standen plötzlich vor unserer Tür und fragten, wo mein Vater sei. Meine Mutter erklärte ihnen, dass er gestorben ist. Da zogen sie mürrisch ab“, erinnert sich Ursel Steinberg.

Das Gold der Ostsee
Das Bernsteinzimmer wurde im Auftrag des ersten Preußenkönigs Friedrich I. angefertigt. Dabei handelt es sich um einen kompletten Raum mit Wandverkleidungen, die aus dem „Gold der Ostsee“ gefertigt wurden. Das Zimmer aus Bernsteinelementen war ursprünglich im Berliner Stadtschloss eingebaut. 1716 wurde es vom preußischen König Friedrich Whilhelm I. an den russischen Zaren Peter den Großen verschenkt. Fast zwei Jahrhunderte lang befand es sich im Katharinenpalast in Zarskoje Selo bei Sankt Petersburg. Ab 1942 war es im Königsberger Schloss ausgestellt und soll nach einem Brand demontiert und im Keller des Schlosses in Kisten eingelagert worden sein. Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges ist es verschollen.

2003 wurde das rekonstruierte Bernsteinzimmer in St. Petersburg eingeweiht — zum 300. Stadtjubiläum.

Rico Nestmann

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