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Kultur Von der Banalität des Reichtums
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03:33 02.09.2013
Sonja Isemer (Elise), Klaus Bieligk (Jacques) und Jochen Fahr (Harpagon/v.l.) in „Der Geizige“ von Moliére in Schwerin. Quelle: Silke Winkler

Die Zeiten ändern sich, der Mensch fast nicht. Er verändert nur im Laufe der Jahrhunderte die Worte, Umgangsformen und Institutionen, mit denen er seine Interessen gegen andere durchsetzt. Molières Komödie „Der Geizige“ von 1668 ist ein altes starkes Stück; die neue Textfassung „Geizhals“, die Regisseur Marc von Henning Freitag am Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin zum Saisonstart herausbrachte, ist ganz anders, aber ebenfalls stark: eine völlig neu geschriebene Gegenwartsgeschichte. Sie spielt mit Molières Typen und Szenen, geht aber statt des bemühten Happy-Ends brutal eigene Wege. Schonungslos stellt sie Figuren von heute vor. Und im Saal, dessen Bühnenrückwand eine Spiegelfläche bildet, spiegelte sich das Publikum, das am Ende kräftig applaudierte.

Gesucht wird ein Geldkoffer mit 250 000 Euro und dessen Dieb. Komisch, verdächtig und leichtsinnig ist, dass der Bestohlene, der hoch-begüterte Reeder Luis Harpagon aus Wismar (Jochen Fahr), im Zeitalter von Wertpapieren und Online-Banking ein solches Sümmchen im Garten versteckt hatte. War‘s Schwarzgeld oder wegen der permanenten Bankenkrise? Oder wirklich nur, weil dieser Geizhals eine geradezu erotische Beziehung zu seinem Geld pflegt?

Eine Mediation soll das Geld zurückbringen. Doch Mediator Robert Wissner (Sebastian Reusse mit beruhigendem Klang) spürt nicht nur dem Diebstahl nach, sondern lässt ein Riesenknäuel von aufgestauten Verwicklungen, Konflikten und Frustrationen zur Sprache kommen. Molières Motive tauchen lebensprall erneuert auf: die Fragen der Erbschaft und der Zwangsverheiratung der verwöhnten Kinder. Tochter Luise, eine Langzeitstudentin (Sonja Isemer), soll einen reichen Richter heiraten, ist aber heimlich mit Papas unterwürfigem Manager Valentin (Kai Windhövel) zusammen. Sohn Konrad, erfolglose Künstlerexistenz mit ein paar Videos auf Youtube (Christoph Bornmüller), soll die aalglatte Finanzberaterin Veronika Simon (Lucie Teisingerova) ehelichen, liebt aber Marianne (Caroline Wybranietz).

Doch die hat der Geizkragen Harpagon für sich vorgesehen.

Marc von Henning inszeniert die Mediation unaufgeregt, eher mit feinem Humor. Er lässt das Ganze eskalieren und wieder dämpfen, gibt die Szene über die Blindheit des Geizigen in barocken Kostümen — und zum Schluss eine heftige Überraschung. Dass die Mediation scheitern muss, ist ein Statement über moderne Formen der Konflikt-Beschwichtigung — und über unsere Verhältnisse.

Dietrich Pätzold

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