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Landrätin nach Krebs wieder da: „Verkriechen ist nicht mein Ding“

Wismar Landrätin nach Krebs wieder da: „Verkriechen ist nicht mein Ding“

Kerstin Weiss (52, SPD) steigt fast neun Monate nach der Schockdiagnose langsam wieder in den Job ein

Wismar. „Sie haben Krebs“ – diese niederschmetternde Diagnose löst bei Kerstin Weiss am 12. Januar 2017 erst Schock und dann Ohnmacht aus. „Es war immer meine größte Angst, Krebs zu bekommen. Vor allem Brustkrebs, als sei es eine innerliche Ahnung gewesen“, sagt die Landrätin Nordwestmecklenburgs heute, neun Monate später, in ihrem Wismarer Landratsbüro. Kurz huscht ein dunkler Schatten über ihr Gesicht, schnell findet sie ihr Lächeln aber wieder.

 

OZ-Bild

Freut sich auf die Arbeit: Landrätin Kerstin Weiss (52) hat nach ihrer Krebstherapie viele neue Projekte, die sie umsetzen will.

Quelle: Foto: Frank Söllner

Der Grund dafür: Heute bekommt Kerstin Weiss ihre letzte Bestrahlung, dann ist ihre Intensivtherapie beendet. Mehrere schwierige Operationen, vier Monate Chemotherapie und 28 Bestrahlungen an der Uniklinik Lübeck liegen hinter der zweifachen Mutter. Nun möchte sie „langsam und mit Bedacht“ wieder in ihren Job einsteigen. Ihre Vorfreude kann die SPD-Frau kaum verbergen. Sie strahlt über das ganze Gesicht, wenn sie über neue Ideen und ihre Arbeit spricht. „Nach der düsteren Zeit habe ich einfach Lust, wieder aktiv zu sein“, sagt die 52-Jährige. Auch wenn sie weiß, dass das Risiko, erneut zu erkranken, zeitlebens wie ein Damoklesschwert über ihr schweben wird.

Sie schaue jetzt nicht gern zurück, gibt sie zu Beginn dieses Gesprächs zu. Für Tausende Krebskranke macht die Landrätin es heute trotzdem. Kerstin Weiss will anderen mit ihrer Geschichte Mut machen, Hilfe anbieten und Verständnis wecken. In der Therapie hat sie Dutzende Leidensgenossinnen kennengelernt, deren Schicksale sie tief bewegt haben. „Mir ging es im Vergleich nicht so schlecht. Andere sind viel extremer betroffen“, wischt die Verwaltungschefin ihr eigenes Leiden sofort vom Tisch. Sie sagt das, obwohl sich ihre Anfangsprognose – keine Chemotherapie, keine weiteren OPs – später ins genaue Gegenteil verkehrte.

Die Kontrolle über seinen Körper und sein Leben zu verlieren, das hat lange an Kerstin Weiss genagt – einer Frau, die sich mit Joggen und Radfahren fit hält. „Ich war nie krank, in all den Jahren komme ich auf wenige Einzeltage. Ich musste akzeptieren lernen, nicht unverwundbar zu sein“, sagt sie. Vor allem die Familie, der Lebenspartner, ihre Tochter (28) und ihr Sohn (20) sowie ihre Mutter, hat sie unterstützt. „Dafür bin ich sehr dankbar.“ Seit 1991 arbeitet die Lehrerin und Sozialpädagogin beim Landkreis, 2014 wurde sie als Nachfolgerin der heutigen Bildungsministerin Birgit Hesse zur Landrätin gewählt. Sie liebt ihren Job, mischt sich mit Herzblut ein und gern unter die Leute. Kerstin Weiss habe ein offenes Wesen und sei eine starke Frau, sagen Menschen, die sie lange kennen.

Diese Stärke nutzte der 52-Jährigen in den vergangenen Wochen. Als der Dassowerin die mittellangen blonden Haare ausfielen, sei das zwar ein bitterer Tag gewesen. „Aber das ist nicht das Schlimmste, an die Perücke gewöhnt man sich“, hebt sie hervor. Ganz bewusst hat die Politikerin sich dafür entschieden, künftig auf die Perücke zu verzichten und ihr Haar raspelkurz zu tragen. „Dass sie wieder wachsen, hat bei mir Lebensfreude ausgelöst“, sagt sie und lacht. Im sozialen Netzwerk Facebook teilten unter dem Foto ihrer neuen Frisur Menschen ihre Freude. Die große Anteilnahme berührt Kerstin Weiss tief. Als sie davon erzählt, schluckt sie, spricht mit belegter Stimme.

Die SPD-Frau ist von Anfang an offen mit dem Thema Krebs umgegangen. „Es endlich zu sagen, war damals, als es in der OZ stand, ein Befreiungsschlag für mich. Deshalb habe ich die Offenheit beibehalten. Verkriechen ist einfach nicht mein Ding“, betont die Landrätin. „Ich würde aber nie jemanden verurteilen, weil er es anders macht.“ Seit einigen Wochen nimmt die Mecklenburgerin wieder an Veranstaltungen teil, die ihr wichtig sind. Etwa alle 14 Tage hat die Verwaltungschefin einen Bürotag eingelegt – mit dem Segen ihrer Ärzte. Es helfe ihr, auf andere Gedanken zu kommen.

Wie Kerstin Weiss ergeht es jedes Jahr Tausenden Frauen und Männern. 2014 erkrankten laut Gesundheitsministerium in MV 1379 Menschen an Brustkrebs. Ende 2014 lebten hier 10105 Frauen, bei denen binnen der letzten zehn Jahre Brustkrebs diagnostiziert wurde. Kerstin Weiss erschüttern diese Zahlen. Andererseits habe es ihr gezeigt, dass sie nicht allein sei und es sich lohne zu kämpfen.

2017 sind zwei weitere bekannte SPD-Landespolitiker schwer erkrankt. Ministerpräsident Erwin Sellering trat im Mai zurück – er hat Lymphdrüsenkrebs. Vor einigen Tagen gab auch Landtagspräsidentin Sylvia Bretschneider bekannt, „schwer erkrankt“ zu sein.

Arbeiten Politiker zu viel – oder ist das Amt zu stressig? „Die konkreten Ursachen für Krebs sind nicht erforscht, aber klar ist, dass Stress Krebs begünstigt“, sagt Kerstin Weiss: „Ich habe mir vorgenommen, mit meiner Zeit anders umzugehen und nicht mehr jeden Termin persönlich wahrzunehmen. Ich habe ein super Team, das in meiner Abwesenheit auch alles gut gemanagt hat.“

Neue Projekte

Nordwestmecklenburgs Landrätin Kerstin Weiss (52) will mehrere Projekte im Kreis angehen. Zunächst sollen die Bedingungen für die Wirtschaftsförderung verbessert werden, indem neue Baugebiete ausgewiesen werden. Zudem will sie die Kreisumlage senken, um die Kommunen zu entlasten. Des Weiteren stehen Schulsanierungen und der Breitbandausbau an. Und: Die Zahl der Plätze in den Kindertagesstätten soll erhöht werden.

Virginie Wolfram

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