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MV aktuell Legal und berauschend – Bier mit Hanf von der Insel Usedom
Nachrichten MV aktuell Legal und berauschend – Bier mit Hanf von der Insel Usedom
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18:08 02.11.2018
Jan Fidora, Klein-Brauer und Inhaber des Wasserschloss Mellenthin, braut auf der Insel Usedom ein Bier mit Hanf. Quelle: Stefan Sauer/dpa
Mellenthin/Berlin

Auf der Insel Usedom braut der Klein-Brauer Jan Fidora seit kurzem ein Bier mit Hanf, das er werbewirksam „Mellenthiner Cannabis“ nennt. Das Getränk bringe eine neue Note ins Sortiment, habe einen besonders blumig-grasigen Geschmack. Die 1000 Liter, die er im Herbst braute, waren nach drei Wochen nahezu verkauft. 2019 werde er die Produktion verdreifachen, kündigte Fidora an. Als Wegbereiter für die umstrittene Legalisierung von Cannabis sieht sich der Brauer aber nicht. Drogen stehe er kritisch gegenüber, sagt der Hotelier und Brauer.

Mit Hanf-Bier steht Fidora nicht alleine da. Mit dem Trend zum Craft-Bier sind Gerstensäfte mit Ingwer, Zimt oder anderen exotischen Gewürzen im Supermarkt angekommen. Auch andere Brauer haben längst Cannabis als Zutat für ihr Gebräu entdeckt. Sie nennen es „Cannabis Club Sud“ oder Münsterländer Hanf. Darüber, wie viele Brauer inzwischen Hanf als Rohstoff verwenden, gibt es keine Zahlen.

Auf der Insel Usedom braut der Klein-Brauer und Inhaber des Wasserschloss Mellenthin Jan Fidora ein Bier mit Hanf.

Seit Hanf aber in Deutschland in rauschmittelarmen Sorten wieder als industrielle Nutzpflanze angebaut werden darf, werden deren Bestandteile auch zunehmend zur Herstellung von Lebensmitteln eingesetzt, konstatiert das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) in Berlin. Die Produktpalette reicht von Hanfsamen und Öl über Back- und Süßwaren, Wurst, Tees bis Bier.

Der Gehalt des Tetrahydrocannabinols (THC), das bei Kiffern die berauschende Wirkung auslöst, darf bei Nutzhanf den Wert von 0,2 Prozent nicht übersteigen. In Lebensmitteln ist der THC-Wert noch strenger reglementiert: Die Grenzwerte für Getränke sollen laut BfR fünf Mikrogramm, für Speiseöle 5000 Mikrogramm und in anderen Produkten 150 Mikrogramm je Kilogramm nicht überschreiten.

Cannabis klingt zwielichtig-sexy

Hanf profitiert von zwei Trends: Den zum Craft-Bier, denn zu den experimentellen Rohstoffen, die Craft-Brauer entdecken, gehört auch Hanf. Zudem sorgt die Debatte um die umstrittene Legalisierung von Cannabis für werbewirksamen Gesprächsstoff. Zwischen Hanf- und Cannabis-Bieren gibt es keinen Unterschied. Doch Cannabis klingt zwielichtig-sexy, Hanf nach Bio.

„Cannabis hat natürlich eine Eyecatcher-Funktion“, sagt Urban Winkler, Vertriebschef der Klosterbrauerei Weissenohe in Bayern, die seit 2001 das Biermischgetränk „Cannabis Club Sud“ produziert. Ein Vater finde es cool, für seinen Sohn zum 18. Geburtstag ein „Cannabis Sud“ mit einem Hanfblatt auf dem Etikett zu kaufen. Die Pflanze, davon ist Winkler überzeugt, wird hierzulande noch immer unterschätzt - als Faser in Dämmstoffen oder Kleidung wie auch in Lebensmitteln.

Immer mehr Bier-Experimente

Immer mehr Brauer experimentieren mit Rohstoffen und bringen neue Bierkreationen auf den Markt, die nicht mehr dem heiligen Gral deutscher Braukunst – dem 502 Jahre alten Reinheitsgebot - folgen. Die Zahl der Brauereien allgemein steigt nach Zahlen des Deutschen Brauer-Bunds und das bei sinkendem Bierabsatz. Seit 2009 kamen 161 Produktionsstätten hinzu, zeitgleich sank der Bierabsatz von 100 Millionen Hektoliter (2009) auf rund 93,5 Millionen (2017).

„Die derzeitige Gründungswelle von Kleinbrauereien in Deutschland ist in erster Linie auf den Trend zu Craft-Bieren zurückzuführen“, sagt Hauptgeschäftsführer Holger Eichele. Dennoch ist der Marktanteil von 0,5 Prozent mit 7,8 Millionen Litern gering.

Dabei ist Hanf in Bieren ein alter Hut. „Hanfblüten werden seit mehr als 100 Jahren zur Aromatisierung genutzt, entweder als Zusatz in der Maische oder im Lagertank“, erklärt Eichele. Bis zur Einführung des Reinheitsgebots im Jahr 1516 gehörte Hanf gar zu den Basisstoffen. Im 19. Jahrhundert erlebte die Cannabispflanze im Bier eine Neugeburt, bis das Opiumgesetz 1929 auch Hanf als Betäubungsmittel einstufte.

Mehr Brauer, weniger Bier

Der Bierdurst in Deutschland lässt nach, trotzdem gibt es mehr Brauereien. Seit 2009 stieg ihre Zahl bundesweit um 161, heißt es beim Deutschen Brauer-Bund. Im gleichen Zeitraum sank der jährliche Bierabsatz von 100 Millionen Hektoliter auf 93,5 Millionen. In Mecklenburg-Vorpommern gibt es aktuell 22 Betriebe, die Bier herstellen. Die Spanne reicht von der Groß-Brauerei bis zum kleinen Braugasthaus.

Verkauft wurden vergangenes Jahr in MV insgesamt 2,6 Millionen Hektoliter Bier. Der dünn besiedelte Nordosten liegt damit gleichauf mit Thüringen und deutlich vor Hessen (2,1 Mio.) und Sachsen-Anhalt (2 Mio). Am meisten Bier wird in Nordrhein-Westfalen (19,4 Mio.), Bayern (18,1 Mio.) und Sachsen (7,4 Mio.) getrunken, so Zahlen des Statistik-Portals Statista.

Unter allen alkoholischen Getränken sind Pils und Export nach wie vor die beliebtesten in Deutschland. Mehr als jeder dritte Erwachsene (38 Prozent) gibt an, in den vergangenen zwei Wochen ein Bier dieser Sorte getrunken zu haben. Weit abgeschlagen folgen Weißwein und Rosé auf Platz 2 mit 25 Prozent.

Nur wenige Kilometer von Fidoras Brauerei auf Usedom baut der Bio-Bauer Dirk Schramm auf 4,5 Hektar Nutzhanf der Sorte Finola an. Normalerweise presst er aus den Hanfsamen hochwertiges Hanföl, doch in diesem Jahr sei die Ernte wegen des Wetters sehr schlecht ausgefallen, berichtet der Landwirt. So sei die Idee entstanden, mit den Blüten und Blättern ein Bier zu kreieren.

Die Idee zu Fidoras Hanf-Bier kam dem 43-Jährigen aus einer Bierlaune heraus. Zunächst habe er experimentiert habe, erzählt er. Als er die vom Stängel gezupften Blüten und Blätter der Maische beigesetzt habe, hätten sich die Aromen am besten entfaltet. Die Reaktionen von Konsumenten nach dem Genuss des „Mellenthiner Cannabis“ beschreibt der Brauer: Diejenigen, die kifften, berichteten von einer leicht berauschenden Wirkung ähnlich einem Joint. Nichtkiffer hätten neben der üblichen Alkoholwirkung nichts gespürt. Bei Kiffern habe der Hanfgeschmack Assoziationen zum Joint und eine Placebo-Wirkung ausgelöst, meint Fidora.

Von Martina Rathke, dpa