Volltextsuche über das Angebot:

21 ° / 14 ° Regenschauer

Navigation:
Leon kämpft sich zurück ins Leben

Bentwisch Leon kämpft sich zurück ins Leben

Der 13-jährige Nachwuchssportler aus Bentwisch bei Rostock erleidet durch einen Stromschlag schwerste Verbrennungen — aber das wichtigste Spiel entscheidet er für sich

Bentwisch. Leon (13) steht am Rand des Fußballplatzes und schaut seinen Mannschaftskameraden beim Aufwärmen zu. Wenn alles gut geht, kann er bald selbst wieder mitlaufen und Kunststücke mit dem Ball machen. Aber das hat Zeit. „Nur keinen Druck aufbauen“, sagt Rene Weilandt, Jugend-Trainer beim FSV Bentwisch. Das Wichtigste ist, dass Leon da ist. Denn das ist fast schon ein kleines Wunder.

Leon kann sich noch an alles erinnern. Es ist ein schöner Sommertag, jener verhängnisvolle 23. Juli 2015. „Aus Langeweile“, erzählt er, streifte er mit seinem drei Jahre älteren Bruder an den Gleisen in Rostock-Toitenwinkel herum. Der sportbegeisterte Schüler klettert auf ein Waggondach. Ohne dass er die Oberleitung berührt, springen 15000 Volt auf ihn über. Um den Lichtbogen entstehen zu lassen, reicht ein Abstand von 1,30 Meter zur Stromquelle, die eigentlich tödlich ist.

Seit der 1. Klasse macht Leon Leistungssport. Mit zwölf Jahren trainiert er zweimal die Woche Leichtathletik und viermal Fußball in der D-Jugend. Später gibt er Leichtathletik auf, um nur noch Fußball zu spielen. Wie viele Jungen träumt er von einer Karriere als Profispieler. Leon spielt in der Abwehr, sein Vorbild ist Marco Reus, Offensivspieler bei Borussia Dortmund. „Ich habe Kampfgeist“, sagt Leon mit leiser, klarer Stimme, während er lächelnd mit seiner Mutter Dagmar Heidemann-Mattern und Trainer Weilandt in der Umkleidekabine des FSV Bentwisch sitzt. Der Kampf dauerte lange. Es war lange nicht klar, wie er ausgehen wird und auch jetzt ist er noch nicht ganz vorbei. Die wichtigsten Etappen aber hat Leon, der starke Sportler, alle gewonnen.

Der Strom verbrannte 70 Prozent seiner Haut. Vor allem am Oberkörper — Kopf, Hände, Füße bleiben verschont. Per Rettungshubschrauber wird er in die Uni-Klinik nach Lübeck gebracht. Vor dem Transport versetzt ihn der Notarzt in ein künstliches Koma. Bis dahin sei er bei Bewusstsein gewesen, erinnert sich Leon. Er habe überall unglaubliche Schmerzen gehabt.

Die Krankenkasse weigert sich, die Kosten für die Nachzüchtung von Hautzellen zu übernehmen, ein teures Verfahren. Mehrfach erhalten die Lübecker Ärzte eine Absage. Eine grausame Nachricht für Dagmar Heidemann-Mattern, die jeden Tag am Krankenhausbett wacht. Leon, der zwei Schwestern und drei Brüder hat, ist ihr jüngstes Kind. Ohne die Behandlung sinken die Chancen, dass er überlebt.

Rene Weilandt klinkt sich ein. Über einen befreundeten Reporter vom NDR kommt Kontakt zur Krankenkasse zustande. Nach ein paar bangen Tagen ist klar: Die Behandlung wird bezahlt. Das ist nur ein Teil einer großen Hilfswelle. Der FC Hansa Rostock veranstaltet ein Benefizspiel, es wird ein Spendenkonto eingerichtet, viele Leute und Firmen geben Geld.

Im Oktober erwacht Leon aus dem Koma und muss neu atmen lernen, ohne Geräte. Im November soll er zur Reha. Stattdessen macht sein Herz Probleme. Wahrscheinlich eine Folge der Medikamente, die ihn in der ersten Zeit am Leben hielten. Wieder bangen, wieder hoffen. Erst im Dezember ist allmählich klar: Leon hat es geschafft.

Seit März ist er zu Hause, seit ein paar Tagen geht er wieder zur Schule, zwei Stunden am Tag, zur Eingewöhnung. Es gibt kein großes Bohei als er wieder da ist, an der Sanitzer Regionalschule, wo Mathe und Musik zu seinen Lieblingsfächern gehören. Die Zurückhaltung sei gut, findet der Schüler. „Es ist schön, wieder rausgehen zu können und Freunde zu sehen“, sagt er über seine wiedergewonnene Freiheit.

18 Mal wurde Leon operiert. Es geht bergauf. Der Kardiologe ist zufrieden, bald können die Medikamente abgesetzt werden. Er kann laufen, lachen und seit drei Wochen hat er eine Freundin. Nur auf dem Fußballplatz ist Leon selten: „Es tut zu weh, zuschauen zu müssen.“

Von Gerald Kleine Wördemann

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
OZ-Bild
mehr
Mehr aus MV aktuell
Benjamin Barz Ostsee-Zeitung Ostsee-Zeitung Termine, Events, Veranstaltungen Teaser der den User auf die Seite "Termine" führen soll image/svg+xml Image Teaser Termine 2015-09-23 de Veranstaltungen Aktuelle Termine Konzerte, Kino, Ausstellungen, Vorträge, Theater, Workshops, Tanz und noch vieles mehr. Alle Veranstaltungen und Freizeittipps in Ihrer Nähe finden Sie hier.