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MV aktuell Medizinerin im Un-Ruhestand lebt für ihre Patienten
Nachrichten MV aktuell Medizinerin im Un-Ruhestand lebt für ihre Patienten
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00:00 20.03.2013
Ärztin Gisela Jenssen (80) Quelle: Carolin Riemer
Ribnitz-Damgarten

Gisela Jenssen rennt eher, als dass sie geht. Mit einer Krankenakte in der Hand flitzt die 80-Jährige vom Warte- ins Behandlungszimmer. Die Ärztin aus Ribnitz-Damgarten (Vorpommern-Rügen) unterschreibt ein Rezept und nimmt gleichzeitig einen Anruf entgegen. Nein, nach Ruhestand sieht das Leben der Medizinerin nicht aus. Eher nach einem Vollzeitjob. Und den wird sie so bald nicht aufgeben. „Wieso sollte ich zu Hause rumsitzen und Rentnerin sein? Wer kümmert sich dann um meine Patienten?“

Seit 54 Jahren arbeitet Gisela Jenssen als Ärztin. Für sie ist das selbstverständlich. Viele der Patienten sind jünger als ihre Hausärztin, einige kennt sie seit der Kindheit. So wie Bernd Diderich (60). „Frau Jenssen ist wunderbar, nimmt sich viel Zeit und findet die richtigen Worte“, sagt der Landwirt aus Ribnitz-Damgarten.

Gisela Jenssen ist kein Einzelfall: Viele Ärzte in MV sind eigentlich schon im Rentenalter oder kurz davor. Und während immer mehr Hausärzte Nachfolger suchen und viele Praxen schließen müssen, haben 2012 besonders wenig junge Mediziner ihre Ausbildung abgeschlossen. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung warnt bereits vor einem „drohenden Desaster“ in der ärztlichen Grundversorgung.

Gut, dass es Ärzte wie Gisela Jenssen gibt. Den weißen Kittel möchte die dreifache Mutter, die demnächst dreifache Urgroßmutter wird, am liebsten nie ausziehen. „Viele Patienten haben Angst, dass ich aufhöre. Andere sagen, dass es Zeit wird. Ich mag das Gerede nicht“, sagt sie. Erst wenn der Nachfolger kommt, wird sie den Kittel an den Nagel hängen. Wann genau, das weiß sie nicht. „Vielleicht im Sommer.“ Es scheint, als wolle sie es gar nicht wissen.

1951 beginnt die zierliche Frau, die in Sachsen aufwuchs, mit dem Studium in Leipzig. Acht Jahre später, mittlerweile ist sie Mutter von drei Kindern, beginnt sie als Ärztin in Ribnitz-Damgarten zu arbeiten. Die Küstenluft führte die Allergikerin damals in die Boddenstadt. 13 Jahre lang gehört sie zur Besatzung eines Rettungswagens. „Das Schlimmste sind verunglückte Kinder. Die Bilder bleiben für immer im Kopf“, sagt sie mit traurigem Blick. Auch privat ist ihr Weg nicht immer leicht. Als ihr Mann 38 Jahre alt ist, stirbt er unerwartet, die Kinder zieht sie ab diesem Zeitpunkt allein groß.

Seit Januar tritt Gisela Jenssen kürzer. „Ich zwinge mich dazu“, bekennt sie. Nun ist sie bei Allgemeinmedizinerin Dr. Silke Altmann angestellt. Fleiß sei trotzdem noch ihr Lebensmotto und Pausen gibt‘s nur selten. „Wir versuchen ihr seit acht Jahren eine Mittagspause anzugewöhnen“, betont Sprechstundenhilfe Antje Streck. Vergeblich.

Die sinnvollsten Erfindungen der vergangenen 50 Jahre sind für Gisela Jenssen das Ultraschallgerät und ihr Handy. Und das klingelt jetzt. Gisela Jenssen nimmt das Gespräch an. „Ich muss los“, sagt sie, nimmt ihren Arzt-Koffer und braust mit ihrem Volvo davon.

Keine Altersbeschränkung mehr
2600 praktizierende Hausärzte gibt es in Mecklenburg-Vorpommern, sechs von ihnen sind 80 Jahre alt oder älter. Seit 2009 wurden in Deutschland sämtliche Altersbeschränkungen aufgehoben, da (junge) Nachfolger fehlen. „Bis zum Jahr 2009 durfte ein Arzt maximal 68 Jahre alt sein“, sagt Oliver Kahl von der Kassenärztlichen Vereinigung in Schwerin.

Carolin Riemer

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