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Megaställe: Kirche mischt sich ein

Rostock Megaställe: Kirche mischt sich ein

Die evangelische Kirche mischt sich in Diskussionen um industrielle Tierhaltung ein. OZ befragte dazu Ulrich Ketelhodt von der Nordkirche in Kiel.

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Ulrich Ketelhodt

Quelle: KDA

Rostock. Die evangelische Kirche mischt sich in Diskussionen um industrielle Tierhaltung ein. OZ befragte dazu Ulrich Ketelhodt von der Nordkirche in Kiel.

Warum befasst sich die Nordkirche mit der Tierhaltung?

Ulrich Ketelhodt: Die landwirtschaftliche Nutztierhaltung ist seit langem Thema in der evangelischen Kirche. Im schleswig-holsteinischen Teil der heutigen Nordkirche gibt es seit dem Ende der 90er Jahre eine intensive Diskussion über den verantwortlichen Umgang mit Tieren. Damals stand zunächst das Tierwohl im Mittelpunkt der Diskussion.

Seitdem ist das Thema „industrielle Tierhaltung“ dazugekommen, also das Halten sehr vieler Tiere in einer sehr großen Anlage. Diese Themen beschäftigen natürlich auch Kirchengemeinden, besonders natürlich auf dem Lande, aber auch darüber hinaus. Uns liegt daran, einen fachlich fundierten und zugleich breiten Diskurs dazu zu fördern. Vor diesem Hintergrund ist auch die aktuelle Veröffentlichung am Beispiel Mecklenburg-Vorpommerns entstanden – als Hilfe für die Diskussion vor Ort.

Dazu erschien eine fast 60 Seiten starke Broschüre. Worum geht es darin?

Ende 2011, also vor der Gründung der Nordkirche, hat die Landessynode der damaligen Mecklenburgischen Kirche beschlossen, dass eine Arbeitsgruppe die Auswirkungen großer Stallanlagen „auf das Ökosystem und die gesamte Gesellschaft“ in untersucht und beschreibt. Anlass dafür waren Debatten in Kirchengemeinden, auf deren Gebiet große Stallanlagen geplant wurden. In der aktuellen Schrift wird an einem fiktiven Fallbeispiel eine Situation in einem mecklenburgischen Dorf beschrieben. Dann folgen Kapitel über schöpfungstheologische Argumente, über Tiergemäßheit als ethisches Kriterium, Auswirkungen auf Umwelt, Landschaft und Gesundheit von Tier und Mensch, über ökonomische Aspekte der Tierhaltung, politische Steuerungsprozesse sowie über rechtliche Aspekte und Möglichkeiten einer stärkeren Bürgerbeteiligung.

Warum beziehen Sie sich dabei auf Mecklenburg-Vorpommern?

Eine zunehmende Konzentration landwirtschaftlicher Nutztierhaltung ist in etlichen Regionen Deutschlands zu beobachten. Eine Besonderheit in Mecklenburg-Vorpommern und anderen östlichen Bundesländern sind einzelne Stallanlagen, die in ihrer Größe deutschlandweit bisher Ausnahmen sind. Daraus ergibt sich beispielsweise auch die Frage: Ist das die Zukunft der Nutztierhaltung, auch für den Rest der Republik?

Gibt es bereits Reaktionen darauf?

Wie schon 2005 haben wir Reaktionen bei verschiedenen so genannten Stakeholdern (Bauernverband Mecklenburg-Vorpommern, BUND-Landesverband Mecklenburg-Vorpommern, Landjugendverband Schleswig-Holstein und Tierschutzverein PROVIEH) eingeholt und diese Kommentare im Anhang der Schrift mit abgedruckt. Der Bauernverband MV hat einige kritische Anmerkungen gemacht, aber grundsätzlich begrüßt, dass die Kirche sich an dem Diskurs beteiligt. In Güstrow gibt es dazu am 27. März eine Veranstaltung. Wir freuen uns darauf, dass in den geplanten Diskussionen möglichst viele Akteure und Engagierte miteinander ins Gespräch kommen. Die Veranstaltung ist öffentlich, alle Interessierten sind herzlich eingeladen.

Die Nordkirche schreibt, dass sie die großen Probleme der Landwirte erkennt und Hilfe anbietet - wie geschieht das?

Landwirte treffen in den Kirchengemeinden und bei den Pastorinnen und Pastoren der Nordkirche auf offene Ohren. Zudem gibt es seit 1994 ein Sorgentelefon für Familien in der Landwirtschaft, das die Nordkirche seit ihrer Gründung 2012 weiterführt. Sie organisiert, dass fünf Ehrenamtliche mit landwirtschaftlichem Hintergrundwissen für Gespräche erreichbar sind. Nähere Informationen dazu gibt es im Internet unter: www.kda.nordkirche.de/sorgentelefon.

In der aktuellen Diskussionshilfe betonten wir auch das grundsätzlich bestehende, gegenseitige Vertrauen von Landwirten und Kirche: Das Band zwischen Kirche und Landwirten ist kräftig. Das muss sich mitunter auch bewähren, gerade wenn es auch mal darum geht, unterschiedliche Positionen miteinander zu diskutieren. Dann kommt es besonders auf Vertrauen, gegenseitige Wertschätzung und Einfühlungsvermögen an. Das wollen wir auch im offenen Diskurs immer wieder pflegen.

Zu den Aufgaben des Fachreferenten der Nordkirche für Landwirtschaft und Ernährung gehört es auch, zu moderieren, wenn es Konflikte über die Herausforderungen dieses Wirtschaftsbereichs zwischen den verschiedenen Akteuren in Kirche und Gesellschaft gibt.

Sie sind Diplom-Agraringenieur, beeinflusst das Ihre Haltung zu diesem Thema? Wenn ja - wie?

Ich habe Agrarökonomie studiert, komme aber nicht aus der Landwirtschaft. Das hilft mir, die verschiedenen betroffenen Interessengruppen relativ unvoreingenommen zu sehen. Dass mir das gelingt, erweist sich, wenn z.B. sowohl Landwirte als auch Tierschützer sich von mir mehr Parteilichkeit für ihre jeweilige Position wünschen, dabei jedoch feststellen, dass sie mich nicht vereinnahmen können. Die Rolle der Kirche sehe ich nicht darin, hier politisch einseitig Partei zu ergreifen. Deshalb ist unser aktuelles Papier zur industriellen Tierhaltung am Beispiel Mecklenburg-Vorpommerns ganz bewußt als Diskussionshilfe konzipiert.

Sie haben das Thema auch in Schleswig-Holstein schon diskutiert. Wie war dort die Resonanz?

Die Veranstaltung in Breklum (Nordfriesland) war gut besucht. Dort gibt es seit Jahren ein kirchliche Veranstaltungsreihe mit dem Titel „Fleisch ist kein Gemüse“, in der viele Themen rund um Tiere und Fleischkonsum behandelt werden – auch aus theologischer Perspektive: Ökonomie der Tierhaltung, Schlachtung, Ernährung, Futtermittelproduktion. Klimawandel, und andere. Die starke Resonanz bei der Veranstaltung in Breklum hat gezeigt, dass wir mit dem Diskurs noch lange nicht am Ende sind, sondern uns immer wieder neu darum bemühen müssen. Gesprächsstoff gibt es genug!

Unterscheiden sich die Situation und die Haltung der Akteure dort von MV?

Uns ist ganz wichtig, die zum Teil sehr unterschiedlichen landwirtschaftlichen Strukturen und Rahmenbedingungen im Blick zu haben. So bestimmen in Schleswig-Holstein kleine und mittlere Familienbetriebe das Bild. Großbetriebe mit entsprechend überdurchschnittlich großen Stallanlagen sind dagegen eher ein Spezifikum in östlichen Bundesländern wie Mecklenburg-Vorpommern. Das hat auch historische Hintergründe. Zudem müssen viele Landwirte um ihre Existenz fürchten. Auch das wirkt sich aus. Da ist es eben nicht immer ganz leicht, gelassen zu bleiben. Grundsätzlich gilt jedoch: Sowohl in Schleswig-Holstein als auch in Mecklenburg-Vorpommern erleben wir großes Interesse an Austausch und Diskussion. Unsere Broschüre über Tierhaltung in MV wird in Schleswig-Holstein von der Landwirtschaft angeregter diskutiert als in MV.

Die Kirchen hatten sich vor einiger Zeit auch in die Masterplan-Kommission des Schweriner Agrarministeriums eingebracht. Finden Ihre dort eingebrachten Vorschläge Berücksichtigung in der jetzigen Praxis?

Es ist schwer zu beurteilen, welche Wirkung die Beteiligung an einem Diskussionsprozess von dem Format hat. Es wurde aber an verschiedenen Stellen vom Minister und von teilnehmenden Organisationen gewürdigt, dass Kirche sich an der Diskussion über die Zukunft der Landwirtschaft beteiligt. In diesem Sinne ist unsere Diskussionshilfe ein Beitrag, um diese gesellschaftliche Debatte fortzusetzen.

Thomas Luczak

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