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Mit Reizgas gegen Konfettiwerfer: Hohe Geldstrafe für Top-Polizist

Schwerin Mit Reizgas gegen Konfettiwerfer: Hohe Geldstrafe für Top-Polizist

Ulf C. — Mitglied im AfD-Kreisvorstand Schwerin — verletzte mindestens drei Menschen / Amtsgericht verurteilt ihn wegen gefährlicher Körperverletzung — und zeigt doch Milde

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Ulf-Theodor C., hoch dekorierter Beamter des Polizeipräsi- diums Rostock, muss 7700 Euro Strafe zahlen. Links im Bild: sein Rechtsanwalt Thomas Penneke.

Quelle: Cornelius Kettler

Schwerin. Ulf C. (53) nimmt das Urteil gefasst auf. Er entschuldigt sich wiederholt für seine Taten. 7700 Euro Strafe muss der Kriminaldirektor zahlen, weil er Menschen gezielt mit Reizgas besprüht hat. Das Amtsgericht Schwerin verurteilte den früheren Dezernatsleiter der Kriminalpolizei beim Rostocker Polizeipräsidium gestern wegen zweifacher gefährlicher Körperverletzung. C. ist Mitglied des Kreisvorstandes der AfD. An einem Wahlstand seiner Partei verlor er offenbar die Nerven, weil zwei junge Männer Konfetti warfen.

Geld- oder Haftstrafe möglich

6 Monate bis 10 Jahre Haftstrafe sieht das Strafgesetzbuch für gefährliche Körperverletzung vor. Staatsanwaltschaft und Amtsgericht Schwerin plädierten im Fall Ulf C. dennoch für eine auch mögliche Geldstrafe. Gründe: sein Geständnis, seine Reue, hohe Schmerzensgeldzahlungen an Opfer. Zudem habe sich C. bisher nichts zuschulden kommen lassen.

Mai 2014: Ulf C. steht am AfD-Stand auf dem Schweriner Marienplatz. Plötzlich nähern sich zwei junge Männer und werfen wortlos Konfetti. C. zieht eine Pfefferspray-Dose und drückt ab. Kevin S. und Tillmann B. (heute 20 und 21) werden am Kopf getroffen, S. auch in die Augen, wie er gestern vor Gericht schilderte. „Ich hatte Probleme beim Sehen. Es tat richtig weh.“ Zwei Polizisten, die in Zivil unterwegs sind, weil es bereits zuvor Auseinandersetzungen an AfD-Ständen gab, helfen den Opfern, Gesicht und Augen mit Wasser zu reinigen. Dennoch müssen S. und B. ins Krankenhaus. C. gibt die Tat vor Gericht zu. Was danach geschah, schildern Beschuldigter und Zeugen verschieden. C. verlässt den Tatort, wirft die Reizgas-Dose weg und geht in eine Zoohandlung — um dort neues Reizgas, Tierabwehrspray, zu kaufen. Er lässt es sich auspacken und testet das gefährliche Werkzeug in der Passage — worauf mehrere Passanten Probleme mit den Atemwegen bekommen, die Mitarbeiterin eines Sicherheitsdienstes sogar in die Klinik muss. Die neue Dose übergibt C. der Polizei. Diese Version sieht der Vorsitzende Richter als erwiesen an. Ein Zeuge berichtet von einem „sichtbaren Nebel“

innerhalb der Passage. C. dagegen beteuert, das Spray nur kurz im Freien benutzt zu haben. Das Gas sei von draußen in die Passage gezogen, erklärt sein Anwalt, Thomas Penneke. Er plädiert in diesem Fall auf fahrlässige Körperverletzung — vergebens.

Ob C. bewusst sein Dienst-Gas, das bei Polizisten zur Ausrüstung zählt, gegen die jungen Männer eingesetzt hat, bleibt ungeklärt. Dies hätte auch dienstrechtliche Konsequenzen nach sich gezogen. Der Richter deutet zumindest Zweifel an, warum der Täter wohl ein zweites Spray kaufte, um dieses dann der Polizei zu präsentieren.

C. lässt sich von einem Anwalt als geläutert darstellen. Er bereue seine Tat, habe freiwillig 4000 Euro Schmerzensgeld an die Opfer gezahlt. Er selbst sei nach dem Vorfall in psychologische Behandlung gekommen. Zur Tatzeit sei er in einem Angstzustand gewesen, auch ausgelöst durch ein Medikament, das er seit einem Motorradunfall nehmen müsse. Zudem habe er befürchtet, der Konfetti-Regen wäre nur Ablenkung für eine mögliche schwere Tat.

Dies kaufte ihm der Richter so nicht ab. Wer sich mit Pfefferspray wappne, sei auch bereit, dieses einzusetzen, sagte er. C. wurde zu 70 Tagessätzen von je 110 Euro verurteilt, wie von der Staatsanwaltschaft gefordert. Er nahm das Urteil an. Der Anwalt von Kevin S. forderte dagegen sechs Monate Haft.

Gegen C. läuft auch ein Disziplinarverfahren des Innenministeriums. Er wurde versetzt und bildet jetzt junge Polizisten aus — dazu, wie man sich in Einsätzen verhält.

Von Frank Pubantz

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