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MV aktuell Naturschützer: Rügenbrücke hätte nie gebaut werden dürfen
Nachrichten MV aktuell Naturschützer: Rügenbrücke hätte nie gebaut werden dürfen
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07:02 26.11.2018
Die Rügenbrücke verbindet das Festland mit der Insel Rügen. Quelle: OZ-LB
Stralsund

Muss die Rügenbrücke, eines der größten Bauwerke im Land, wieder abgerissen werden? Seit 16 Jahren hat die Deutsche Einheit Fernstraßenplanungs- und -bau GmbH (Deges), die die Brücke im Auftrag des Bundes errichtete, per Planfeststellung angeordnete Kompensation für Naturschutz in wesentlichen Teilen nicht umgesetzt. Von sechs Projekten melden Verantwortliche erst für eines Vollzug. Dabei hätte der Naturausgleich längst erfolgen müssen, sagt Jochen Lamp, Leiter des Ostseebüros des Umweltverbandes WWF. Er sieht die Rechtsgrundlage für die Brücke damit generell in Frage gestellt. „Die Rügenbrücke hätte nie gebaut werden dürfen“, so Lamp.

Anfang 2002 hat das Wirtschaftsministerium sechs Naturschutz-Projekte als Ausgleich für den gigantischen Brückenbau über den Strelasund vorgeschrieben. Dazu zählen die Entwicklung eines sechs Hektar großen Laubwaldes in Zirkow auf Rügen, neue Brut-Gebiete für seltene und gefährdete Vogelarten (1,3 Hektar) bei Gustow, die Pflanzung von 98 Bäumen im Bereich der neuen Trasse, sowie eine sogenannte Offenlandschaft mit Gehölz auf einem Feld bei Stralsund. Erst eines, die „Mellnitz-Üselitzer Wiek“, ist umgesetzt.

Vier Kilometer lang

125 Millionen Euro hat die Rügenbrücke insgesamt gekostet, inklusive der Anschlussstellen, 180000 Tonnen Beton wurden verbaut. Mit einer Länge von 4,1 Kilometern überspannt die neue Rügenbrücke den gut zwei Kilometer breiten Strelasund. An der höchsten Stelle misst die Brücke 42 Meter.

Von einem „außerordentlichen Skandal“ spricht Arnold von Bosse, der als Anwalt Naturschützer von Nabu und WWF vertritt. „Der Teil des Planfeststellungsbeschlusses, der die Kompensation betrifft, ist rechtswidrig seit 16 Jahren zum Teil nicht umgesetzt worden.“ Von Bosse fordert das zuständige Verkehrsministerium von Christian Pegel (SPD) auf, die Kompensation von der Deges zu erzwingen. Handele die Regierung nicht, werde man klagen. Corinna Cwielag, BUND, fordert: „Die Deges muss zur Rechenschaft gezogen werden.“ Claudia Müller, Bundestagsmitglied der Grünen, erklärt: „Gleiches Recht für alle. Es kann nicht sein, dass Behörden mit Dingen durchkommen, für die jeder Bürger sofort zur Verantwortung gezogen würde.“

Kommentar: Vorwürfe zur RügenbrückeGleiches Recht für alle

Jochen Lamp vom WWF ist entsetzt über die Versäumnisse. „Umweltrecht muss genauso gelten wie Baurecht“, sagt er. Die Planfeststellung sei rechtlich bindend. Es gebe weitere Probleme: Eine Fläche, die als Ausgleich vorgesehen ist, sei illegal umgegrubbert, ein Biotop zerstört worden. Zudem plane die Stadt Stralsund dort sogar Häuser. Kein Einzelfall von Rechtsverstößen durch Behörden in MV, erklären Umweltverbände. Landesweit werde Naturausgleich bei Bauprojekten stiefmütterlich behandelt. Beispiele: die B96n bei Rambin oder das Ryck-Sperrwerk bei Greifswald.

Die Deges äußert sich nicht auf Anfrage und verweist an das Verkehrsminsterium in Schwerin. Pegel lässt erklären: „Hinsichtlich der Rügenbrücke besteht Rechtssicherheit.“ Vier Projekte wolle die Deges bis 2020 umsetzen. Es gebe aber Grundstücksprobleme, so eine Ministeriumssprecherin. Sie deutet an, dass der Planfeststellungsbeschluss geändert werden müsste. WWF-Mann Lamp weist dies zurück.

Die Brutgebiete könnten gar erst „voraussichtlich ab 2022 umgesetzt“ werden, heißt es aus dem Ministerium. Das wäre dann 20 Jahre nach Anordnung.

Frank Pubantz