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MV aktuell Ostalgischer Fahrspaß! Hunderte DDR-Mopeds rollen durch MV
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00:05 28.04.2016

Boltenhagen. Lea Schmidt dreht am Gas, zieht die Kupplung. Erster Gang. Sie zieht die Kupplung — zweiter Gang. Der Roller knattert. Regelmäßig steigt die 17-jährige Abiturientin aufs Moped, um ein paar Runden durch Boltenhagen (Nordwestmecklenburg) zu drehen. Neugierige Blick sind ihr dabei sicher. Ihr gelber Flitzer ist ein Ost-Relikt, eine Schwalbe, gebaut in der DDR. Die ist mittlerweile ein Kult-Modell, viele wollen sie haben. Hunderte Exemplare sind im Nordosten unterwegs — mit Besitzern, die schon früher damit zur Schule oder Arbeit gefahren sind. Aber auch immer mehr junge Leute steigen auf den Bock. „Die Schwalbe ist flink und zuverlässig“, sagt Lea Schmidt.

Gibt Gas mit seiner blauen Schwalbe: Karl Timm (25) aus Reddelich. Quelle: Frank Söllner

Bei Motorrad Timm in Reddelich (Bad Doberan) machen DDR-Mopeds mittlerweile das Kerngeschäft aus: „Der Renner sind Schwalben, die finden zurzeit alle cool“, sagt Juniorchef Karl Timm (25).

Seit ungefähr drei Jahren steige die Nachfrage extrem. Bis Ende Mai sei der Terminkalender komplett belegt — mit Restaurierungsaufträgen, darunter etliche Schwalben. Früher hat das Simson-Modell, das 1964 bis 1986 die Firma Simson in Suhl gebaut hat, etwa 1200 DDR-Mark gekostet, heute bezahlen manche Liebhaber bis zu 3000 Euro und mehr. Lea Schmidt hat nichts ausgegeben: „Mein Onkel hat mir das Moped geschenkt.“ Davor habe es lange ungenutzt in seiner Scheune gestanden. Um die Restaurierung hat sich ihr Vater mit Freunden gekümmert. Ersatzteile waren nicht schwer zu bekommen, nur die Farbe — gelb — ist nicht ganz original. „Aber originell“, sagt sie.

Silvio Volkmer aus der Nähe von Stralsund ist Strippenzieher bei den Simson Freunden Nordost. Die organisieren regelmäßig Ausfahrten für Fans der DDR-Mopeds: Zur traditionellen Herrentagstour von Obermützkow nach Stralsund (beides Vorpommern-Rügen) werden 300 Teilnehmer erwartet. Bisheriger Rekord waren 768 Mopeds, die 2014 zur 750-Jahr-Feier in Anklam (Vorpommern-Greifswald) gerollt sind. „Das war gigantisch“, schwärmt der 38-Jährige. Er hat schon einige Simson-Modelle gefahren, auch eine Schwalbe. Zurzeit fährt er den Motorroller „SR50“, Baujahr 1986. „Das Tolle an den DDR-Mopeds ist, dass man noch alles selber reparieren kann.“ Ersatzteile gebe es auf Flohmärkten. Außerdem werde viel untereinander getauscht. Auch Volkmer hat einiges auf Lager und erhält Anfragen aus ganz Deutschland. Seinen „Bock“ holt er immer raus, wenn das Wetter schön ist. Bis zu 4000 Kilometer legt er damit jedes Jahr zurück. „Es ist ein Stück Ostalgie, das alte Fahrgefühl von früher.“ Sein Technik-Wissen gibt Volkmer gern weiter, auch in seiner Funktion als Mitglied der Simson Bulls aus Obermützkow. Die laden jeden Donnerstag zum Clubtag ein. Zu dem darf jeder kommen — um sich Mopeds anzuschauen, nach Ersatzteilen zu fragen oder nach Hilfe für Reparaturen.

Wie beliebt die Oldtimer sind, zeigt sich auch an den Diebstählen. „Die Mopeds werden oft gestohlen“, bestätigt Volkmer. Grund sei die wachsende Beliebtheit und die damit steigende Nachfrage nach Ersatzteilen. Und die geklaute Ware lässt sich leicht verkaufen. Denn Zulassung und Seriennummern wie bei Motorrädern gibt es nicht, die Fahrer brauchen nur eine Haftpflichtversicherung. Um es den Dieben schwerer zu machen, rät Volkmer, die Fahrzeuge mit GPS-Geräten auszurüsten. Die senden Nachrichten auf die Mobiltelefone der Besitzer, sobald sich das Moped bewegt.

Wie Silvio Volkmer berichtet, sind bei den Ausfahrten der Simson Freunde Nordost immer viele Frauen dabei — meist auf Schwalben. Die sind schon früher wegen des Schmutzschutzes gern von Damen gefahren worden. Heute punkten sie mit Bestandschutz: Trotz der Höchstgeschwindigkeit von 60 km/h (Hubraum 50 Kubik) können sie zulassungsfrei und mit einem Autoführerschein gefahren werden. Den hat Lea Schmidt aus Boltenhagen bereits. Ihre Familie war von dem Moped so begeistert, dass sie gleich noch eine Simson gekauft hat: einen „SR 51“.

Fahrspaß ohne Zulassung

60 km/h beträgt die Höchstgeschwindigkeit der Schwalbe. Sie darf als Kleinkraftrad mit einem Versicherungskennzeichen zulassungsfrei gefahren werden (Führerscheinklasse AM). Dies gilt entsprechend den Ausnahmeregelungen in Einigungsvertrag und Fahrerlaubnisverordnung. Nach DDR-Recht waren Kleinkrafträder auf 60 km/h begrenzt, entsprechend der Übergangsregelung gilt dieses Recht weiterhin für Fahrzeuge, die bis zum 28. Februar 1992 erstmals in Verkehr gekommen sind.

Von Kerstin Schröder

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