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MV aktuell Patient Ostsee – Rettung gelingt nur gemeinsam
Nachrichten MV aktuell Patient Ostsee – Rettung gelingt nur gemeinsam
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00:20 13.06.2017

Herr Bathmann, wie geht’s unserer Ostsee?

Ulrich Bathmann, Leiter des Leibniz-Instituts

für Ostseeforschung Warnemünde (IOW) FOTO: B. WÜSTNECK;DPA

Ulrich Bathmann: Direkt an der Küste von Mecklenburg-Vorpommern geht’s ihr in diesem Jahr sehr gut. Wir haben gerade viel Wind. Dadurch kommt viel Sauerstoff ins Wasser und die Wasserqualität ist gut. Insgesamt kränkelt die Ostsee aber.

Inwiefern?

Zwischen 2014 und 2016 ist mit Salzwassereinbrüchen viel Sauerstoff aus der Nordsee eingeströmt. Damit war auch höheres Leben in die tiefen Becken der zentralen Ostsee zurückgekehrt. Erstaunlich aber ist, wie schnell die Bakterien am Ostseegrund den Sauerstoff wieder aufgezehrt haben – ein Symptom für eines ihrer Hauptprobleme, die Überdüngung.

Was ist passiert? Haben wir mehr Bakterien im Meer?

Die Populationen sind die gleichen. Aber es gibt mehr „Kompost“ am Grund. Durch Flüsse und diffuse landwirtschaftliche Einträge sind in den vergangenen Jahren viele Pflanzennährstoffe, sprich Stickstoff und Phosphor, ins Meer gelangt. Diese Überdüngung führte zu einer starken Produktion von Algen, die abgesunken sind und sich so in besonders großen Mengen in den tiefen Ostsee-Becken angesammelt haben. Wird dieses organische Material, dieser Kompost, mit Sauerstoff versetzt, werden Bakterien aktiv. Durch die die große Menge des Materials haben sie dabei besonders viel Sauerstoff verbraucht.

Hohe Nährstoffeinträge sind in allen Ostseeanrainern ein Problem. Wie steht MV im Vergleich da?

Wir liegen im besseren Drittel. Allerdings haben wir eine kurze Küste und nur wenig Flüsse, die in die Ostsee fließen. Dagegen drainiert fast ganz Polen in die Ostsee. Große Anstrengungen muss auch Dänemark machen, denn das leitet durch Massentierhaltung besonders viele Nährstoffe ins Meer.

Die sind Futter für die giftigen Blaualgen. Blüht uns da diesen Sommer wieder was?

Momentan haben wir damit kein Problem. Durch den Wind und die Wasserdurchmischung sind die Lebensbedingungen für sie sehr ungünstig. Sie brauchen neben den passenden Nährstoffverhältnissen starke Sonneneinstrahlung und windstille Warmwetterperioden.

Auf die hoffen auch Badegäste. Was aber passiert im Meer, wenn die Temperaturen steigen?

Die Ostsee ist geschichtet: Oben ist sie ausgesüßt, unterhalb einer Tiefe von etwa 80 Metern hingegen relativ salzig. Heizt die Sonne das Oberflächenwasser auf, wächst der Dichteunterschied zwischen den Schichten. Dann schafft es selbst der größte Sturm nicht mehr, das Wasser zu durchmischen. Das warme Brackwasser liegt wie ein Deckel auf dem Salzwasser der tiefen Becken und verhindert den Austausch mit der Atmosphäre. Dabei können sauerstofffreie Zonen entstehen, die lebensfeindlich für höhere Lebewesen sind.

Wie wichtig ist denn Leben auf und im Meeresboden?

Das Sediment ist ein großes Klärwerk. Die Lebewesen dort bauen Nitrat ab und vergraben Phosphor. Wir müssten mehrere Milliarden Euro investieren, wenn wir diese Leistung an Land aufbauen wollten.

Ein Blick in die Zukunft: Wohin geht’s für die Ostsee?

Bis 2020 wollen wir unser Ziel – eine gesunde Ostsee – erreichen. Das ist sehr ambitioniert und wird wohl nicht ganz klappen. Aber im Vergleich zu anderen Küstenmeeren in Europa sind wir schon weit vorangekommen.

Was kann MV dazu beitragen, das Ziel zu erreichen?

Ich wünsche mir, dass die Ministerien ihre Aktivitäten abstimmen– miteinander und mit allen Partnern im Ostseeraum. Wissenschaft und Politik sollten mit einer Stimme sprechen.

Experten-Gipfel in Rostock

350 Ostseeforscher aus 18 Staaten tauschen ab heute in der Rotunde der Rostocker Hansemesse ihre neuesten Erkenntnisse aus. Das Programm des alle zwei Jahre stattfindenden Baltic Sea Science Congress umfasst Themen wie die Überdüngung, Blaualgen-Blüten, Sauerstoffmangel, Invasive Arten und die Auswirkungen des Klimawandels auf das Leben im Meer. Der Expertengipfel dauert bis einschließlich Freitag. Gastgeber sind das Leibniz-Institut für Ostseeforschung Warnemünde (IOW) und die Uni Rostock.

Interview: Antje Bernstein

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