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MV aktuell Petri Heil: So laufen die ersten Angel-Schulstunden in MV
Nachrichten MV aktuell Petri Heil: So laufen die ersten Angel-Schulstunden in MV
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21:33 07.03.2019
Der Biologe Christoph Wittek vom Landesanglerverband (LAV) erklärt den Schülern Jannik, Fabio und Emil (alle 11 Jahre alt) am Satower See, wie man eine Angel montiert. Quelle: Dietmar Lilienthal
Satow

„Ich wünsche euch – Petri Heil!“, sagt der Lehrer, und seine Schüler antworten im Chor: „Petri Heil!“ So außergewöhnlich wie die Begrüßung zum Unterrichtsbeginn war auch der Inhalt der Schulstunde am Donnerstag in der „Schule am See“ in Satow (Landkreis Rostock). Es ging nicht um Grammatik oder Addition, sondern um Olivenbleie, Laufposen, Jigköpfe und Wirbel.

Hechte haben scharfe Zähne

Und um Stahlvorfächer. Wie bitte? „Damit fängt man Hechte“, erklärt Emil (11) und führt aus: „Hechte haben scharfe Zähnen, mit denen sie eine normale Schnur durchbeißen können, ein Stahlvorfach aber nicht.“ Lehrer Christoph Wittek nickt anerkennend: „Du arbeitest super“, lobt er Emil, der mit zehn anderen Schülerinnen und Schülern in einem Klassenraum der Satower Schule die Grundlagen des Angelns lernt.

Dabei ist auch die elfjährige Emma, die hofft, ihren Papa eines Tages mit einem selbstgeangelten Hecht zu überraschen. Nur das mit dem Töten des Fischs, das sei ihr noch unangenehm. Aber die Ruhe beim Angeln sei wundervoll, sagt Emma.

Einzigartiges Projekt

Angeln macht Schule“ heißt das Projekt, und es ist in seiner Form einzigartig in Deutschland. Ein Ziel sei, Angeln als Unterrichtsfach flächendeckend in Mecklenburg-Vorpommern anzubieten, erklärt Diplom-Biologe Kilian Neubert, der beim Landesanglerverband (LAV) für Kinder- und Jugend zuständig ist. Bislang nimmt neben der Ganztagsschule in Satow auch die Heincke-Schule in Hagenow (Ludwigslust-Parchim) teil.

In monatelanger Vorbereitung hat der studierte Biologe Christoph Wittek, der mehrere Jahre als Biologie- und Chemielehrer arbeitete, die Materialien für den Unterricht ausgearbeitet. Die Unterlagen sollen, wenn sie sich in der Praxis bewährt haben, anderen Schulen zur Verfügung gestellt werden. Zudem sollen Lehrer in Sachen Angelei fortgebildet werden, und zum Ende des Kurses können die Schüler eine Fischereischein-Prüfung absolvieren.

Vorsicht beim Werfen

Bis dahin müssen die Schüler noch einiges lernen. Dass es Einfach-, Zwillings- und Drillingshaken gibt, etwa. Oder wofür so ein Bleigewicht eigentlich gut ist. „Man kann mit einem schweren Blei die Wurfweite erhöhen“, hat Emil in sein Arbeitsblatt eingetragen. „Richtig“, sagt Lehrer Wittek und mahnt: „Ihr müsst beim Werfen aber sehr vorsichtig sein, damit niemand das Blei gegen den Kopf kriegt.“

Größer Naturschutzverband in MV

Rund 44 000 Mitglieder hat der Landesanglerverband (LAV) Mecklenburg-Vorpommern gegenwärtig, 3100 davon sind Kinder unter 14 Jahren. Nach eigenen Angaben ist der LAV somit der größte Naturschutzverband des Landes.

Das Projekt „Angeln macht Schule“ startete im August 2018 und ist auf eine Laufzeit von drei Jahren angelegt. Es wird aus Mitteln der Fischereiabgabemarke finanziert und vom Schweriner Landwirtschaftsministerium, vom Bildungsministerium und dem Thünen-Institut für Ostseefischerei unterstützt.

Lennard (11) hat sogar schon mit einem speziellen Krallenblei geangelt, dessen Drähte sich am Grund festsetzen. „Ich habe mit meinem Vater an der Ostsee bei Kühlungsborn geangelt“, erzählt der Elfjährige. „Ohne ein Krallenblei hätte die Strömung die Schnur gleich wieder an den Strand getrieben.“

Peta kritisiert Schulangeln

Der Tierrechtsorganisation Peta lehnt das LAV-Projekt unterdessen vehement ab. „Angeln als Schulfach ist Erziehung zur Grausamkeit“, kritisiert die Organisation. Die Kinder würden lernen, wie man friedliche Tiere in eine Falle locke und ihnen einen Haken in den Mund bohre. Stattdessen sollten Kinder lernen, wie man anderen Lebewesen „mit Freundlichkeit und Respekt begegnet“.

Angler achten die Natur

„Schutz durch Nutzen“, entgegnet LAV-Mitarbeiter Wittek der Kritik. Wenn man den Fisch nur als Fischstäbchen aus der Tiefkühltruhe kenne, „interessiert er mich nicht“. Der Angler hingegen nutze den Fisch und lerne ihn als Mitgeschöpf zu achten. Wittek: „Wir verhindern somit die Entfremdung zum Lebensmittel.“

Unterstützung bekommt der LAV von der Schweriner CDU-Fraktion. Angeln als „Erziehung zur Grausamkeit“ zu verunglimpfen habe nichts mit der Realität zu tun. Stattdessen sei der respektvolle Umgang mit der Natur „wesentlicher Bestandteil der Angelei“.

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Axel Meyer