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MV aktuell Pfleger befreit Totgeglaubte aus dem Sarg
Nachrichten MV aktuell Pfleger befreit Totgeglaubte aus dem Sarg
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03:49 04.09.2013
Irrtum: Ein schwer verletztes Unfallopfer wird in die Pathologie gebracht. Quelle: Peter Happe

Es ist ein unvorstellbarer Alptraum und die Urangst vieler Menschen: lebendig in einem Sarg eingeschlossen zu sein, irrtümlich für tot gehalten. Einer Frau in Schleswig-Holstein ist jetzt genau das passiert: Die 72-Jährige wird am Montagmorgen Opfer eines Autounfalls auf der A 23 nahe Itzehoe. Der Notarzt glaubt, sie sei tot und lässt die Rentnerin in einem Sarg abtransportieren. Ein fataler Trugschluss. Stunden später, in der Pathologie, bemerkt ein aufmerksamer Pfleger: Die Totgeglaubte atmet noch.

Ein Schreckensszenario wie dieses könnte sich auch in Mecklenburg-Vorpommern zutragen. „Rein theoretisch ist das möglich“, bestätigt Dr. Norbert Matthes, ärztlicher Leiter des Rettungsdienstes im Landkreis Vorpommern-Rügen. Ein solch schockierender Extremfall setze allerdings voraus, dass etliche Dinge vom Notarzt nicht fachgerecht gehandhabt werden. „So was darf nicht passieren.“

Die Fehldiagnose im Fall der auf der A 23 verunglückten Frau sorgt bundesweit für Entsetzen. Ein Notarzt hatte sie zwar untersucht, jedoch kein Lebenszeichen mehr festgestellt. Das schürt Ängste.

Damit ein Lebender für tot erklärt wird, müssten schon mehrere Sicherheitsmechanismen versagen, erklärt Norbert Matthes. Es gebe eindeutige, sichere Zeichen, die den Tod eines Patienten anzeigen. Die Bestattungsgesetze der Länder legten diese fest. Eine Leichenschau soll letzte Zweifel ausräumen. Sich am Unfallort auf Herz- und Atemstillstand zu verlassen, reiche bei weitem nicht aus. Der Patient müsse etwa Verletzungen haben, die so schwer sind, dass diese „nicht mit dem Leben vereinbar“ sind. Beispiel: ein abgetrennter Kopf. Totenflecke oder -starre seien ebenfalls sichere Signale, dass der Patient tatsächlich nicht mehr lebe. „Bei nicht eindeutig tödlichen Verletzungen könnte ich mir aber vorstellen, dass man minimale Lebensfunktionen mal übersehen kann“, so Matthes. Gerade bei schwerst unterkühlten Patienten sei es schwer, Lebensfunktionen festzustellen. „Den Zustand nennt man Vita Minima. Der Körper stellt seine Funktionen Stück für Stück ein. Irgendwann sind sie so gering, dass sie kaum sichtbar sind. Der Patient ist scheintot.“

In Mecklenburg-Vorpommern habe es einen Fall, wie jetzt in Schleswig-Holstein, bislang nicht gegeben, teilt das Gesundheitsministerium mit. Das Ressort von Ministerin Manuela Schwesig (SPD) setzt auf die Kompetenz der Mediziner im Land. Man habe volles Vertrauen in die Ausbildung und die Arbeit der Rettungskräfte und Notärzte. Auch der medizinische Nachwuchs glaubt sich für den Notfall gut gerüstet. „Schon im Studium lernen angehende Ärzte, dass zwischen sicheren und unsicheren Todeszeichen unterschieden werden muss“, sagt Linda-Maria Stelter, Medizinstudentin aus Greifswald.

Die Totgeglaubte aus Schleswig-Holstein liegt nach mehrstündiger Operation an ihren schweren Kopfverletzungen im Koma. Ob sie überlebt: ungewiss. Wie sie im Sarg landen konnte, ist weiter unklar.

Spekulieren will auch Norbert Matthes nicht. Der Arzt, der selbst seit mehr als 30 Jahren im Rettungsdienst arbeitet, will das abschreckende Beispiel aber nutzen, um Ähnliches in MV zu verhindern.

„Bei künftigen Fortbildungen greifen wir solche Fälle auf, um aufzuzeigen: Genau so etwas darf nie passieren.“

Die Angst vor dem Scheintod beschäftigt die Menschheit seit Jahrtausenden
Lebendig begraben: Eine Vorstellung, die seit Jahrtausenden unter der Menschheit Angst und Schrecken verbreitet. Im alten Ägypten galt dies als harte Strafe. Auch die Römer praktizierten diese Art von Sanktionierung. Berichte über die Rückkehr von Totgesagten gehen bis ins 13. Jahrhundert zurück — Mythen und Legenden entstanden. Selbst die Wissenschaft fand mit dem Begriff Taphephobie eine Bezeichnung für die Furcht.

Im 18. und 19. Jahrhundert erfasste eine Hysteriewelle die Weltbevölkerung. Skurrile Vorsichtsmaßnahmen wurden getroffen. Leichen wurden Äxte und Spaten in den Sarg gelegt. Teilweise wurden Totenglocken angebracht, um sich unter der Erde bemerkbar machen zu können. Auch Särge mit Belüftungsröhren gab es. Andere verfügten den „Herzstich“ nach ihrem festgestellten Tod. Der Dichter Hans Christian Andersen forderte, dass seinem Leichnam die Pulsadern aufgeschnitten werden. Arthur Schopenhauer befahl in seinem Testament, dass er erst mit Beginn der Verwesung vergraben werden dürfe. Schriftsteller Edgar Allan Poe litt unter Taphephobie und verarbeitete seine Ängste in Romanen.

Scheintote gab es auch in der Neuzeit, wie das Beispiel einer 89-Jährigen aus Nordhorn (Niedersachsen) zeigt. 2009 hatte ein Arzt fälschlicherweise ihr Ableben festgestellt. Ein Bestatter bemerkte den Irrtum bei der hygienischen Totenversorgung. Zudem starb im Jahr 2002 eine 72-Jährige im Kühlhaus eines Düsseldorfer Bestattungsunternehmens — der Notarzt hatte zuvor deren Tod attestiert.mt

Antje Bernstein

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