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MV aktuell Plötzlich steht ein Golf im Zimmer
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19:40 30.11.2017
Claudia Voges in den Resten ihres Wohnzimmers. Der Schaden beträgt nach Schätzungen rund 100000 Euro, zum Glück für die Familie springen Versicherungen ein. Quelle: Fotos: Gerald Kleine Wördemann (2)/stefan Tretropp
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Bützow

Als Claudia Voges am Dienstag von der Arbeit nach Hause kommt, steht ein blauer VW Golf in ihrem Wohnzimmer. Die Bützowerin ist Unfälle gewohnt, seit sie vor zwölf Jahren mit ihrer Familie in den Flachbau an den Stadtrand zog. Ihr Haus liegt an einer T-Kreuzung, kurz vor dem Ortsteil Wolken. Wenn Autofahrer nicht oder zu spät bremsen, landen sie schon mal im Vorgarten der Bützowerin. Einmal wurden sie und ihr Mann nachts von einem Knall geweckt. „Wir guckten aus dem Schlafzimmerfenster und hatten plötzlich zwei Scheinwerfer vor uns“, erzählt die 51-Jährige.

Ein Kleinkrimineller rast auf der Flucht vor der Polizei mit einem Auto in ein Haus in Bützow. Die Bewohner fürchten um ihr Leben: Immer wieder komme es zu solchen Unfällen.

Sie weiß von sechs derartigen Unfällen. Drei hat sie selbst erlebt, von den anderen haben ihr Nachbarn berichtet, die schon länger in der Straße leben.

Diesmal war es anders. „Es hätte Tote geben können“, sagt Andreas Voges (52), der in dem eingeschossigen Flachbau neben der Wohnung eine Firma für Gebäudedienstleistungen betreibt. Schuld daran, dass die dreiköpfige Familie kurz vor Weihnachten kein Wohnzimmer mehr hat, ist Silvio M., der am Steuer des Golf saß. Der 38-Jährige aus Bützow soll stadtbekannter Drogendealer sein, bereits im Gefängnis gesessen und immer wieder Ärger mit der Justiz haben. Polizeisprecher Gert Frahm möchte das so nicht in allen Details bestätigen. M. sei aber ein „alter Kunde“, der regelmäßig auffiel, durch Verkehrsdelikte und andere Sachen. Einen Führerschein hatte er derzeit nicht.

Polizisten in der Gegend kennen Silvio M. gut. Das war mit der Auslöser jener Ereignisse, die dazu führten, dass Familie Voges ihr Wohnzimmer verlor. Am Dienstag kurz nach 16 Uhr fährt ein Streifenwagen an der T-Kreuzung vorbei in Richtung Stadtzentrum. Den Beamten kommt ein alter, blauer Golf entgegen, Fahrer ist Silvio M. „Die Kollegen haben ihn erkannt. Sie wussten, dass er keinen Führerschein hat“, sagt Frahm. Der Streifenwagen wendete und nahm die Verfolgung auf. Silvio M. gab Gas und raste davon. Ob die Polizisten das Blaulicht einschalteten, ist unklar. „Auf jeden Fall schalteten sie es ein, als sie den Golf wieder sahen.“ Da stand er bereits im Wohnzimmer von Familie Voges.

Der Wagen rammte das Haus unterhalb eines Fensters. Glas und Rahmen schob er zusammen mit einem riesigen Mauerstück tief ins Haus. Ein Sofa, das unter dem Fenster stand, liegt jetzt fünf Meter weiter begraben unter Trümmern. Als Claudia Voges mit ihrem Sohn Constantin (14) fünf Minuten später an der Unfallstelle eintrifft, fragt sie ein nervös wirkender Polizist, ob jemand im Haus war, als das passierte. Die Beamten wussten nicht, ob Menschen unter den Trümmern liegen. Das war zum Glück nicht der Fall: Claudia Voges kam an diesem Tag später als sonst von der Arbeit nach Hause, ihr Sohn wäre eigentlich beim Handballtraining gewesen, hatte sie dann auf Arbeit besucht. Andreas Voges war auf Dienstreise in Berlin. „Wäre jemand in dem Zimmer gewesen, hätte er das nicht überlebt“, sagt Claudia Voges.

Auch Silvio M. und die 19-jährige Besitzerin des blauen Golfs, die neben im saß, hatten viel Glück. „Nur ein Meter weiter rechts und sie wären gegen einen Pfeiler gekracht“, sagt Andreas Voges.

Dieser Aufprall hätte den Wagen noch mehr zusammengequetscht, danach wäre das Dach auf ihn gestürzt. „Das hätten die nie überlebt,“ sagt der Hausbesitzer. Die 19-Jährige soll schwanger sein. Sie wurde verletzt, Silvio M. brach sich ein Bein, versuchte aber angeblich noch zu fliehen.

Auf 100 000 Euro schätzt Andreas Voges den Schaden. Weil die meisten Räume unbeschädigt blieben, kann die Familie im Haus bleiben. Nach den ersten Unfällen montierte der Unternehmer drei Betonpoller vor sein Grundstück. Die haben diesmal nichts genutzt. Der Golf fuhr in eine Lücke. „Hier muss etwas passieren“, fordert Andreas Voges, der sich um sein Leben und das seiner Familie sorgt. „Lkw brettern mit 80 Sachen vorbei, beim nächsten Mal kann es Tote geben.“ Die Behörden müssten die Situation entschärfen. Die Polizei sieht keinen Bedarf: „Die Kreuzung ist kein Unfallschwerpunkt“, sagt Sprecher Frahm.

Gerald Kleine Wördemann

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