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Politik aus „Notwehr“: SPD-Mann will als OB kein Parteisoldat sein

Schwerin Politik aus „Notwehr“: SPD-Mann will als OB kein Parteisoldat sein

Rico Badenschier (38) deklassierte bei der Oberbürgermeisterwahl in Schwerin die Amtsinhaberin der Linken / Er verspricht Bürgernähe

Schwerin. Der künftige Oberbürgermeister kommt mit Fahrrad, seinen Kaffee zahlt er selbst – „auf jeden Fall“. Rico Badenschier (38) ist gelungen, womit nicht mal kühnste Genossen gerechnet haben: Der Mediziner, bislang politisch fast unbekannt, hat am Sonntag für die SPD einen Erdrutschsieg bei der OB-Wahl in Schwerin errungen. Mehr als 60 Prozent der Wähler wollten Angelika Gramkow (Linke) nicht erneut als Verwaltungschefin haben. Badenschier ahnt warum; er sieht sich als Gegenentwurf zu Parteifunktionären.

„Honi kommt, malt mal die Fassaden an.“ Den Satz sagt der Wahlsieger zweimal. Dies sei seine „schlimmste Vorstellung“ von der Begegnung Bürger – Politiker. Wenn er als OB auftauche, und alles sei bereits wie beim Staatsempfang arrangiert. Passiert sei es ihm selbst, als er mit Vize-Kanzler Sigmar Gabriel im Wahlkampf eine Kita besuchte. Eltern hätten deshalb einen anderen Eingang nehmen müssen, ärgert sich Badenschier. „Das geht so nicht. Ich habe den Willen, das anders zu machen.“

Fast von null auf hundert hat es Rico Badenschier im politischen Geschäft katapultiert. Als „Notlösung“ belächelt, willigte er nach einem Gespräch mit den SPD-Granden Erwin Sellering und Manuela Schwesig in die OB-Kandidatur ein. Bis zum Tag der Stichwahl hätten ihm selbst viele Genossen den Sieg nicht zugetraut. Ihm, dem freundlichen Familienvater, der seit 2014 für die SPD in der Stadtvertretung sitzt und als Radiologe in den Helios-Kliniken arbeitet. Noch am Wahltag habe er einen Kommentar gehört: „Wir haben gegen dich gewettet.“ Es kam anders. Badenschier holte mehr als 20300 Stimmen, die Linke Gramkow nur gut 13500. Zwei Faktoren mögen den Ausschlag gegeben haben, denkt Badenschier. Zum einen sein Straßenwahlkampf, viele persönliche Gespräche. Dann Gramkow selbst, die in der Missbrauchsaffäre des Vereins „Power for Kids“ keine gute Figur machte.

Am Vormittag nach seiner Wahl wirkt er voller Energie, obwohl die Nacht kurz war. 150 Handy-Nachrichten habe er bekommen. Glückwünsche und erste Aufträge seiner Bürger. Jemand wünsche sich mehr Sitzbänke im Stadtteil Lankow. „Um halb vier war ich im Bett“, sagt der 38-Jährige. Zum Dienst in der Klinik gegen Mittag radelt er dennoch – mit alkoholfreiem Sekt für Kollegen in der Fahrradtasche.

Immer wieder muss er für Schulterklopfen stoppen. Eine Frau drückt ihn und wünscht sich „einen Wickeltisch im Stadthaus“.

Badenschier stammt aus Chemnitz. Zum Studium zog es ihn nach Marburg und Kiel. Politisch aktiv war er bereits als Jugendlicher. Vor 20 Jahren gründete er „Die Partei“; lange bevor es die gleichnamige Spaßpartei unter Satiriker Martin Sonneborn gab. Auslöser sei eine Lehrerin gewesen. „Sie sagte: Sucht euch eine Partei, die zu euch passt, oder gründet selbst eine.“

Mitmachen sei wichtig. Später, in Marburg, war er Vertreter einer sozialistisch-ökologischen Hochschulgruppe. Diesen Teil seiner Vita der Schweriner CDU zu erklären, die ihn im OB-Wahlkampf unterstützte, sei nicht leicht gewesen, sagt Badenschier und schmunzelt.

Bald soll er gut 900 Mitarbeiter der Stadtverwaltung führen. Sowohl seinen Weg 2009 in die SPD als auch seine OB-Kandidatur stuft er als „Notwehr“ ein. Eingetreten sei er, weil es die Partei damals nicht vermochte, sich über die Bürgerversicherung im Gesundheitswesen gegen die CDU zu etablieren. Er wolle weg von der Zwei-Klassengesellschaft in der Medizin. Zur OB-Kandidatur habe er sich schließlich entschieden, weil er nicht wollte, „dass die SPD die Wahl abschenkt“. Im Job wolle er sich treu bleiben: zuhören, dann handeln. Brennende Themen gebe es in der hochverschuldeten Landeshauptstadt reichlich: Kita-Betreuung, Schulneubau, bezahlbare Wohnungen für Senioren. Es sollte in der Gesellschaft mehr Miteinander geben. Badenschier: „Das muss man aber auch vorleben.“

Frank Pubantz

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