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OZ-Interview zur Landtagswahl: Silke Gajek (Bündnis90/Grüne) will, dass Flüchtlinge in Deutschland eine Perspektive bekommen

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Landwirt Gerd Göldnitz (l.) befragte Silke Gajek (2. v. l.) zusammen mit OZ-Redakteurin Elke Ehlers und OZ-Chefredakteur Andreas Ebel.

Schwerin Vor der Landtagswahl am 4. September befragt die OSTSEE-ZEITUNG die Spitzenkandidaten der Parteien, die Chancen auf den Einzug in den Landtag haben. Heute:

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OZ-Interview zur Landtagswahl: Silke Gajek (Bündnis90/Grüne) will, dass Flüchtlinge in Deutschland eine Perspektive bekommen

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Flücht-

linge, die ich erlebt habe, wollen nützlich sein und sich einbringen.“

In den Kuhstall komme ich. Ich wollte schon immer mal ausmisten.“

Silke Gajek (54) von Bündnis 90/Die Grünen. Co-Interviewer ist Gerd Göldnitz (64), Chef eines großen, konventionell wirtschaftenden Agrarbetriebes bei Schwerin.

OZ: Frau Gajek, Ihr Lieblingsplatz ist das Segelboot, auf das Sie uns eingeladen haben. Warum sind Sie so gern hier?

Silke Gajek: Das Boot ist ein Ort, an dem ich schneller als anderswo runterfahren kann. Es ist ein 15er Jollenkreuzer, den ich vor über zehn Jahren von einem älteren Ehepaar übernommen habe.

Das wollte gern, dass es auf dem Schweriner See bleibt. Ich habe es selber aufgearbeitet. Den Segelschein habe ich schon 1986 gemacht und seitdem gehofft, mal ein eigenes Boot zu haben. Ich bin ein ungeduldiger Typ, segeln übt Gelassenheit.

Hat Segeln auch Ähnlichkeiten mit der Politik?

Gajek: Irgendwie schon. Man muss wissen, wo man hinwill und den Kurs festlegen. Wichtig ist zu wissen, dass man sich auf wechselnde Winde einstellen muss oder auch auf Flauten. Und beides bedarf Teamwork. Ich segle ja manchmal Regatten. Bei unserer traditionellen Holzbootregatta bin ich auf einem 20er Gaffelsegler – also in der Kaiserdisziplin – schon Königin geworden, natürlich geht das nur mit einer großartigen Crew.

Im Land weht der Wind derzeit steif von rechts. Innenminister Caffier stockt deshalb die Polizeikräfte auf. Wie stehen Sie dazu?

Gajek: Dass sich Rechtsradikale zum Teil die Straße erobert haben, können wir nicht hinnehmen. Mehr Polizei ist darauf allerdings keine Antwort. Mit mehr Polizei bekämpft man Symptome, nicht die Ursachen. Gegen Rechtsradikale müssen alle Demokraten zusammenstehen, das ist eine Aufgabe für die Zivilgesellschaft. Da reicht es nicht, auf der Couch zu sitzen, sich die Nachrichten anzuschauen und zu lamentieren, dass unsere Demokratie oder der eigene Wohlstand in Gefahr ist. Wichtig ist, dass wir die Menschen mitnehmen, mit ihren Sorgen und Ängsten. Es sind ja oft Stellvertreterängste, die sich gegen die Flüchtlinge richten. Ängste, die aus Frust resultieren, aus nicht gelebten Träumen oder der Angst vor eigenem Versagen. Früher entlud sich das vielleicht an Obdachlosen oder Alkoholikern. Jetzt sucht man sich mit Flüchtlingen die Nächstschwächeren. Das darf Politik nicht hinnehmen. Wir sollten aber unbedingt die AfD enttarnen – pöbeln allein reicht eben nicht zum Politikmachen.

In Rostock hat der Sozialsenator eine Unterkunft für junge Flüchtlinge räumen lassen, weil davor rechte Gegner und linke Demonstranten immer wieder aneinandergerieten. Ist das nicht eine Kapitulation des Staates?

Gajek: Wir Grünen stehen für eine dezentrale Unterbringung der Geflüchteten. Aber wir wissen, dass das nicht einfach zu machen ist. Erst recht nicht in der ersten Zeit, wenn viele auf einmal ankommen. Falsch ist aber die rein statistische Aufteilung der Flüchtlinge pro Kopf der Bevölkerung. Generell brauchen Flüchtlinge eine Perspektive, für unbegleitete Minderjährige gilt das ganz besonders. Dafür gibt es keine einfachen Lösungen, das wissen wir. Wir müssen gucken, was brauchen Neuankömmlinge, um bei uns anzukommen. Die, die ich erlebt habe, möchten gern etwas tun, wollen nützlich sein und sich einbringen.

Gerd Göldnitz: Könnte man nicht Umfragen unter Flüchtlingen machen, wer in der Landwirtschaft arbeiten will? Auf dem Lande haben wir viele offene Stellen, auch in anderen Gewerken.

Gajek: Gute Idee. Die Industrie- und Handelskammern sind das schon offensiv angegangen. Vielleicht könnte es da Kooperationen geben, welche Bereiche Mitarbeiter oder Praktikanten suchen. Bei Dienstleistern werden in vielen Bereichen Kräfte gesucht, in der Pflege zum Beispiel. Allerdings arbeiten Bildungs-, Innen- und Sozialministerium bei der Integration der Flüchtlinge oft separat nebeneinander her. Das wollen wir ändern, die Landesregierung muss einheitlich und abgestimmt vorgehen. Ein Fehler war auch die Kommunalisierung des Landesjugendamtes.

Göldnitz: Müssten sich die Flüchtlinge dazu nicht auch an unsere Normen und Gepflogenheiten anpassen? Ordnung, Sauberkeit, da haben Deutsche in den Betrieben ja bestimmte Vorstellungen . . .

Gajek: Das ist die Frage, wie definiere ich leben und leben lassen. Ich finde, da könnten wir Deutschen ruhig etwas großzügiger sein.

„Weg von Industrialisierung und Massentierhaltung“ heißt es im Wahlprogramm der Grünen. In wie vielen Ställen mit Massentierhaltung waren Sie schon?

Gajek: In erster Linie bin ich Sozialpolitikerin, mit Leib und Seele. Auf Agrarpolitik haben sich in der Fraktion andere Kollegen spezialisiert. Aber auf meiner Wahlkampftour bin ich drei Wochen im ländlichen Raum unterwegs, da ist eine Station bei dem Bio-Milchhof der Familie Großmann in Grabenitz dabei.

Göldnitz: Ich lade Sie in unseren Betrieb ein. Wollen Sie sich nicht mal aus der Nähe ansehen, wogegen Ihre Partei zu Felde zieht?

Gajek: In den Kuhstall würde ich gern kommen, ich wollte schon immer mal ausmisten.

Göldnitz: Im Kuhstall macht das Ausmisten die Technik. Aber in den Kälberboxen können Sie loslegen. Wann passt es Ihnen?

Gajek: Wir machen einen Termin, noch vor der Wahl. Sie sind ja auch auf mein Boot gekommen. Dass ich hier mal mit jemandem vom Bauernverband sitze, hätte ich nicht gedacht (lacht).

Warum sind Sie so vehement gegen große Ställe?

Gajek: Die Frage ist nicht nur, wie groß ein Kuhstall ist. Wir meinen, dass gar nicht so viel Fleisch produziert werden sollte. Denn große Mengen Fleisch werden nicht gegessen, sondern weggeschmissen. Der Handel verkauft Lebensmittel zu Schleuderpreisen, das passt nicht zusammen. Wir fordern, dass die EU-Förderpolitik umgestrickt wird. Dass Klasse statt Masse gefördert wird, der Ökolandbau zum Beispiel. Die Grünen sind keine Feinde der Landwirtschaft. Aber wir wollen eine Landwirtschaft, die mehr Rücksicht auf die Umwelt nimmt, die von Monokulturen wegkommt, mehr zur regionalen Wertschöpfung beiträgt und im ländlichen Raum mehr Arbeitsplätze schafft. Im Schnitt sind deutschlandweit pro 100 Hektar mehr als doppelt so viele Leute beschäftigt wie in MV.

Göldnitz: Regionalisierung setzt voraus, dass die Region ein entsprechendes Marktpotenzial bietet. Wie soll MV mit seiner geringen Einwohnerzahl alle hier erzeugten Agrarprodukte verbrauchen?

Gajek: Da sehe ich noch viel Potenzial. Die Kitas zum Beispiel bieten schon seit anderthalb Jahren Vollverpflegung an, gut gemacht ist das an vielen Stellen aber noch nicht.

Eltern wünschen sich oft eigene Küchen in den Kitas. Die könnten mit regionalen Produkten kochen. Da bieten sich vor Ort Kooperationen mit Bauern an, die die Küchen beliefern könnten.

Göldnitz: Die Grünen wettern gegen Monokulturen, übersehen dabei aber, dass viele Biogasanlagen mit Mais arbeiten. Alternative Energien will Ihre Partei doch?

Gajek: Ja. Wir setzen auf regenerative Energien, weil wir von Atomkraft und veralteten Kohlekraftwerken wegwollen. Doch auch Biomasse muss als Rohstoff effizient genutzt werden.

Deshalb sollen Biogasanlagen nicht nur Strom, sondern auch Wärme einspeisen.

Bei Windenergie gibt es in MV bereits eine Überproduktion, immer mehr Anwohner wehren sich gegen neue Windräder. Wäre da nicht ein Ausbaustopp sinnvoll, solange es keine Speichermöglichkeiten gibt und der Leitungsbau nicht mitkommt?

Gajek: Wir halten grundsätzlich am Ausbau der Windkraft fest. Aber wir müssen die Anwohner und Dörfer in die Planung besser einbinden und dafür sorgen, dass sie finanziell mehr davon profitieren können. Außerdem sollten wir Anwohnern konkret die Frage stellen, woher sie ihre Energie beziehen wollen: Aus Hunderte Kilometer entfernten Kraftwerken oder aus einer Wind- oder Biogasanlage, an der sie selbst beteiligt sind.

Anmerkung:

Silke Gajek hielt Wort. Im Agrarbetrieb von Co-Interviewer Gerd Göldnitz in Lübesse bei Schwerin hat sie inzwischen – wie oben im Interview angekündigt – in der Milchviehanlage zur Mistforke gegriffen. Die OZ war dabei und berichtet in Kürze darüber.

Landwirt stellt Fragen

Gerd Göldnitz (64) ist Chef eines konventionell wirtschaftenden Agrarbetriebes bei Schwerin, der Agp Lübesse. Der Diplom-Agraringenieur hat in Rostock studiert, bis 1990 war er Leiter der Rinderproduktion im Volkseigenen Gut (VEG) Tierzucht Banzkow bei Schwerin. Sein Betrieb gehört zu den großen der Branche: knapp 100 Mitarbeiter, 2000 Hektar Land, 1000 Milchkühe, 280

000 Hähnchen-Mastplätze, Anbau von Getreide, Raps, Mais, Futter, Kartoffeln und Zwiebeln.

Seit 2012 ist Göldnitz ehrenamtlich Vizepräsident im Landesbauernverband. Er wehrt sich gegen pauschale Verunglimpfung großer Agrarbetriebe.

Persönliches

Silke Gajek wurde 1962 in Schwerin geboren. Die gelernte Facharbeiterin für Schreibtechnik schloss 1999 über den Zweiten Bildungsweg in Hamburg ein Studium als Diplom-Sozialökonomin ab. In der Wendezeit engagierte sie sich beim Neuen Forum. 1996 wurde sie Mitglied bei Bündnis90/

Die Grünen. 2001 trat sie wegen der Afghanistanpolitik der Grünen wieder aus, fand aber 2009 zur Partei zurück. Viele Jahre war die Mutter eines Sohnes (32) Geschäftsführerin der Schweriner Selbsthilfekontaktstelle, seit 2011 ist sie Landtagsabgeordnete.

Hobby: Segeln auf dem Schweriner See

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