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Schumacher: „Windkraft löst nicht die Probleme des Landes“

Penzlin/Schwerin Schumacher: „Windkraft löst nicht die Probleme des Landes“

OZ-Interviews zur Landtagswahl: Norbert Schumacher, Freier Horizont, will die Bürger mehr in Entscheidungen einbinden.

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Norbert Schumcher, Freier Horizont, stellte sich den Fragen der OSTSEE-ZEITUNG. Das Interview führten Chefredakteur Andreas Ebel, Chefkorrespondent Frank Pubantz und der OZ-Leser Edmund Jänsch.

Quelle: Frank Söllner

Penzlin/Schwerin. Vor der Landtagswahl am 4. September interviewt die OSTSEE-ZEITUNG Spitzenkandidaten der Parteien, die Chancen auf den Einzug in den Landtag haben. Heute: Norbert Schumacher (56), Freier Horizont. Co-Interviewer ist Edmund Jänsch (59) aus Rostock.

 

OZ : Herr Schumacher, Sie sind gegen Windkraft-Ausbau im Land. Nun haben Sie sogar ein Lied produziert – up Platt. Titel: „Frieje Horizonte brukt uns’ Land!“ Nur ein Gag oder Ihr Ernst?

Norbert Schumacher : Wir wollen mit dem Lied die Menschen ansprechen. Und ja: up Platt. Das ist verfassungsgemäß auch unsere Landessprache. Auch der Titel ist bewusst gewählt. „Anti“ mag ich nicht.

OZ : Sie haben sich Haus und Scheune selbst in die Idylle von Penzlin gebaut. Sind Sie Self-Made-Man?

Schumacher : Meine Philosophie ist: In jeder Krise steckt ein Neuanfang. Ich bin ein positiver Mensch. Deshalb bin ich wohl auch beim Freien Horizont gelandet. Weil ich für unser Land Entwicklungspotenzial sehe. Ich war auch schon immer so etwas wie der Zweifler und hinterfrage auch angebliche „Gewissheiten“. Ich mache gern viele Sachen selbst und interessiere mich für alles, wollte mal Architekt werden und kam dann übers Reiten zum Beruf Tierarzt. Ich könnte mir aber auch was Musikalisches vorstellen. Ich spiele in einer Band und im evangelischen Posaunenchor, kann auch recht gut malen. Meine Frau sagt: Du willst immer alles, und nichts machst du richtig (lacht). Ich komme damit aber gut klar.

OZ : In Penzlin sind Sie seit Jahren Stadtvertreter. Macht das Spaß?

Schumacher: Ja, das passt. Ich bin Fraktionsvorsitzender von „Lebenswertes Penzlin“, herausgebildet aus einer Bürgerinitiative. Auch Windräder waren da schon Thema. Meine Frau und ich haben das Landleben positiv angenommen. Es herrscht hier eine unwahrscheinliche Kreativität, es gibt viele Künstler und andere sehr kluge Menschen.

OZ : Und jetzt wollen Sie die Landespolitik aufmischen?

Schumacher : Aus Notwehr.

OZ : Vor Ihrem idyllisch gelegenen Haus stehen fünf Windräder. Waren die Anlass für Ihr Engagement?

Schumacher : Um diese fünf Anlagen hat ein zehnjähriger Kampf stattgefunden. Zehn Jahre lang haben wir uns als Stadt wie die Berserker dagegen gewehrt. Wenn das Thema einmal ins Rollen kommt, ist da so gut wie kein Halten mehr. Wir haben hier eine höchstwertige Kulturlandschaft, die Maltzan’sche Kulturlandschaft. Alle waren sich einig, dass Windräder an dieser Stelle Unsinn sind. Aber der Generalplan hat gesagt: Dat mut! Am Ende hatten wir einen Kompromiss gefunden. Die Räder waren kaum da, da standen die nächsten Planer auf der Matte. Wenn alle Pläne aufgegangen wären oder aufgehen würden, würde es hier aussehen wie in Altentreptow. Noch ist die Kuh nicht vom Eis. Da haben wir gesagt, wir müssen uns landesweit dagegen wehren, sonst hört das nie auf. Wir müssen ein Bewusstsein schaffen, was dem Land mit dem Windkraft-Ausbau angetan wird.

OZ : Große Parteien versprechen jetzt: keine Windräder mehr ohne Zustimmung der Gemeinden.

Schumacher : Dann muss ich sagen: Die regieren schon so lange. Wenn sie jetzt darauf kommen, ist es vielleicht unser Verdienst. Aber die Umsetzung in der Praxis ist immer noch eine andere Sache.

OZ : Wollen Sie gar keine Windkraftanlagen mehr im Land?

Schumacher : Ich drücke das diplomatisch aus: Wir müssen zunächst fachliche Kriterien festlegen. Zum Beispiel eine Abstandsregelung zur Wohnbebauung. Wir haben 10H vorgeschlagen, also zehnmal Höhe der Anlage. Dann müssen die naturschutz-fachlichen Kriterien erarbeitet werden, dass erst mal erkannt wird, welche Netzwerke der Natur hier vorliegen. Beispiel: Wir haben fast keine Störche mehr. Wenn wir jetzt fast alles zubauen, wo sollen die dann landen?

OZ : Wo würden Sie denn Windkrafträder hinstellen?

Schumacher : Dort, wo Platz dafür ist. Es kann sein, dass wir in MV keinen Platz finden. Vielleicht gibt es ja auch Flächen, wenn alle Kriterien herangezogen werden. Eines ist aber Fakt: Diese Technologie wird maßlos überbewertet. Sie ist keine Alternative. Ohne einen grundlastfähigen konventionellen Kraftwerkpark funktioniert das nicht. Diese Technologie ist nicht in der Lage, allein unser Land zu versorgen. Sie kann höchstens Nischen-Technologie sein. Der überbordene Ausbau aber ist technisch sinnlos.

OZ : Wie soll Energieversorgung dann gelingen?

Schumacher : Wir haben noch eine gut funktionierende Energieversorgung. Wir brauchen nicht mal unbedingt Atomkraft, wenn herkömmliche Technologien, die zu optimieren sind, genutzt werden. Bei Modernisierung ließen sich wesentlich bessere Effekte erzielen und eine ungleich größere Einsparung an fossilen Brennstoffen erzielen. Derzeit erzeugen wir sogar mehr CO2 als früher. Der ganze Aufbau von Windrädern hat nicht im Geringsten etwas gebracht. Wenn wir alle Windkraftwerke von heute auf morgen stilllegen würden, was würde passieren? Nichts.

OZ : Es würde bedeuten, dass weiter fossile Brennstoffe nötig sind.

Schumacher : Solange wir nichts anderes haben, müssen wir welche nehmen.

OZ : Die sind aber irgendwann aufgebraucht.

Schumacher : Nein, das ist aber auf absehbare Zeit nicht der Fall. Die Behauptung, wer die derzeitige „Energiewende“ kritisiert, wolle zurück zur Kohle ist schlicht Demagogie. Wir sind überhaupt nicht weg von der Kohle. Wir leisten uns in Deutschland den Luxus, dass wir zwei Energiesysteme nebeneinander aufbauen.

OZ : Sie sprechen sich für die weitere Nutzung von Atomkraft aus?

Schumacher : Ich registriere, dass nur wir aussteigen wollen. Die Reaktorkatastrophe in Fukushima hat nur in diesem Land etwas ausgelöst. Alle anderen machen weiter. Verlogen dabei ist: Unser Ausstiegs-Gesetz sagt nicht, dass wir keinen Atomstrom wollen. Wir holen ihn bloß aus dem Ausland. In Polen hinter der Grenze werden sogar neue Atomkraftwerke gebaut. Da fragen die uns gar nicht. Ob wir das machen oder nicht, ändert nichts.

OZ : Das ist in etwa so, also wenn Sie sagen: Wir werfen unseren Müll in die Ostsee, weil die anderen sich ja nicht um Umweltschutz kümmern.

Schumacher : Natürlich sollte man sich Mühe geben. Alle anderen aber auch.

OZ : Kann man nicht Vorbild sein?

Schumacher : Kann man. Wir sind aber eher Negativ-Vorbild. Wir haben die höchsten Energiepreise, wir machen unsere Wirtschaft kaputt. Wir sollten uns als Deutsche mal abgewöhnen, die Welt schulmeistern zu wollen.

OZ : Was würden Sie im Landtag in der Energiepolitik anstoßen?

Schumacher : Meine erste Aktion wäre: Stopp der ganzen Teilfortschreibungen bei Windkraft. Der Landesentwicklungsplan müsste kassiert werden, denn das was in der Ostsee mit Windparks passiert, ist eine Katastrophe.

OZ : Wo kommt die Energie her, wenn keine Windräder mehr da sind?

Schumacher : Daher, wo der Strom bei Flaute herkommt. Die Kraftwerke laufen die ganze Zeit trotzdem.

OZ : Die SPD hebt hervor, dass die Energiewende neue Jobs bringe, MV auf dem Weg in eine neue Industrie-Zukunft sei. Ihre Antwort?

Schumacher : Das ist auch verlogen, das muss ich so sagen. Bei diesen ganzen Rechnungen ist noch nie hinterfragt worden, welche Arbeitsplätze verloren gingen. Durch die höheren Energiepreise sinkt die Kaufkraft. Folge: Menschen gehen weniger zum Friseur oder in die Autowerkstatt. Das sind Arbeitsplätze. Außerdem kämpfen viele Firmen mit den hohen Energiekosten. Da sind Arbeitsplätze in Gefahr. Dann der Tourismus. Das bedeutet Lebensgefühl, Weltoffenheit, Gastfreundschaft. Alle Leute, die ich spreche sagen: Macht weiter, wir haben hier nur eins, eine intakte Natur. Die sollten wir nicht zerstören.

OZ : Ist der Freie Horizont eine Ein-Thema-Partei?

Schumacher : Wir haben ein Thema, das ist die Landesentwicklung. Das umfasst Natur, Landwirtschaft, Kultur, Wirtschaft. Zurzeit strömen die Menschen in die Städte. Ich prophezeie, dass dieser Trend sich umkehren wird, gerade im Zuge der IT-Entwicklung. Dann wird es junge Unternehmer wieder aufs Land ziehen, weil sie intakte Natur haben und ihre Kinder in einer gesunden Umwelt aufwachsen lassen wollen. Wir wollen Startups auf dem Land fördern. Das steckt viel Potenzial drin.

OZ : Für Kultur wollen Sie die Budgets an die Kommunen geben. Wäre das nicht das Ende von großen, aufwendigen Theater-Projekten?

Schumacher : Wir sind gegen die Gutsherren-Mentalität im Schweriner Schloss. Die Menschen vor Ort wissen schon, was gut ist.

OZ : Sie wollen überhaupt mehr die Menschen fragen, direkte Demokratie. Wie soll das funktionieren?

Schumacher : Die Schweiz funktioniert damit schon viele Jahre gut. So wie die Menschen hier von der Demokratie entfremdet sind, wäre es angebracht, sie wieder heranzuführen. Sollte es dann eine Volksabstimmung nach der anderen geben, können wir die Schrauben auch wieder andrehen. Erstmal sollten wir den Leuten das Gefühl vermitteln, mitbestimmen zu können.

OZ : Wenn Sie Ministerpräsident wären, was würden Sie als erstes tun?

Schumacher : Ich würde den Dialog mit anderen suchen, ihre Meinung hören. Politik sollte sich viel mehr an Sachargumenten orientieren, egal aus welcher Partei die beste Idee kommt.

OZ : Braucht Vorpommern eine besondere Förderung, um in der Entwicklung aufzuholen?

Schumacher : Ja, das ist nötig. Ich finde putzig, dass die CDU jetzt einen Vorpommern-Kommissar einsetzen will, nachdem sie schon so viele Jahre regiert. Ich habe mal im Spaß gesagt: Wir sollten die Hauptstadt nach Anklam verlegen. Der Fokus muss auf jeden Fall auf diese Region gelegt werden. Positives Beispiel ist das Projekt Wendelstein 7-X in Greifswald, eine Anlage zur Erforschung der Kernfusionstechnik, das seinerzeit bewusst in dieser Region angesiedelt wurde. Das hat der ganzen Region genutzt.

OZ : Sie sprechen sich für mehr Regionalisierung aus, Straßen jedoch sollen in Landeshoheit kommen. Die sind teuer, also kann sie das Land übernehmen? Das ist eine hohe Erwartungshaltung an den Staat.

Schumacher : Das ist einzig den Finanzen geschuldet. Das Land hat dafür das Geld.

OZ : Welchen Weg befürworten Sie für die Landwirtschaft?

Schumacher: Wie stehen für eine nachhaltige Landwirtschaft und wenden uns klar gegen Agrarindustrie. Das heißt nicht nur Öko. Wir müssen auch eine vernünftige konventionelle Landwirtschaft haben. Tierwohl hängt nicht von der Bestandsgröße ab, sondern von den jeweiligen Bedingungen.

OZ : Wie wollen Sie mit den Flüchtlingen im Land umgehen?

Schumacher : Wir sehen das ganze Thema als Chance. Wenn viele Flüchtlinge in ein demografiegebeuteltes Land kommen, ist das, von den tragischen Auslösungsmomenten mal abgesehen, eigentlich ein Geschenk des Himmels. Es gibt sicherlich etliche Leute, mit denen man etwas anfangen könnte. Wir sind selbst mit einer syrischen Familie befreundet, alle lernen wie verrückt Deutsch und wollen ihre Füße auf die Erde kriegen. Wir müssen ihnen nur eine Chance geben.

Frank Pubantz, Andreas Ebel, Edmund Jänsch

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