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MV aktuell Blutdruck-Grenzwerte nach unten korrigiert
Nachrichten MV aktuell Blutdruck-Grenzwerte nach unten korrigiert
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17:58 12.10.2018
Prof. Heribert Schunkert, Vorstandsmitglied der Deutschen Herzstiftung. Quelle: Foto: Andreas Malkmus/Herzstiftung
Rostock

Neue Grenzwerte für die Definition von Bluthochdruck in den USA sorgen auch hierzulande für Wirbel. Über mögliche Auswirkungen für die deutschen Patienten sprach die OSTSEE-ZEITUNG mit Prof. Dr. Heribert Schunkert, Vorstandsmitglied der Deutschen Herzstiftung, Klinikdirektor und stellvertretender Ärztlicher Direktor des Deutschen Herzzentrums München.

US-Kardiologen haben in ihren Hypertonie-Leitlinien die Grenze für die Definition von Bluthochdruck nach unten korrigiert. Als hoch werden dort nun Blutdruckwerte von 130/80 mm Hg oder höher bewertet. Wie begründen die Amerikaner diese Entscheidung?

Prof. Heribert Schunkert: Vor zwei Jahren wurde eine Studie an 9300 Patienten vorgestellt, die in zwei Gruppen aufgeteilt wurden. Bei denen hat man einerseits den Blutdruck auf durchschnittlich 121mm Hg und andererseits durchschnittlich auf 136 mm Hg systolisch eingestellt.

Bei einer durchschnittlichen Behandlungsdauer von etwas mehr als drei Jahren war die Sterblichkeit sowie die Wahrscheinlichkeit von schwerwiegenden Ereignissen in der intensiv behandelten Gruppe um etwa 25 Prozent niedriger. Dieses beeindruckende Behandlungsergebnis sowie die hohe Qualität der Studie, die von den nationalen Gesundheitsbehörden finanziert worden ist, haben die amerikanischen Fachgesellschaften dazu veranlasst, die Zielwerte bei der Bluthochdruckbehandlung unter 130/80 mm Hg zu senken.

Kardiovaskuläre Erkrankungen stellen auch in Deutschland eine der häufigsten Todesursachen dar. Konkret geht jeder zweite Todesfall auf eine derartige Erkrankung zurück. Als Hauptursache gilt die Arteriosklerose, also die Ablagerung von Fett, Binde- gewebe und Kalk in den Blutgefäßen. Insbesondere ältere Menschen sind betroffen. Ist es an der Zeit, auch hierzulande die entsprechenden Bluthochdruck-Leitlinien zu ändern?

Der Bluthochdruck ist ein wesent- licher Risikofaktor für die Arterios-klerose. Daher ist die konsequente Behandlung erhöhter Blutdruckwerte auch in Deutschland ein hochrangiges Ziel. Vor einigen Wochen sind daher auch die euro- päischen Leitlinien – und damit die deutsche Behandlungsempfehlung – angepasst worden. Hierzulande gilt zwar weiterhin der Blutdruck erst dann als erhöht, wenn er über 140 mm Hg systolisch liegt. Als Behandlungsziel gilt jetzt allerdings auch bei den Europäern der ideale Blutdruck zwischen 120 und 130 mm Hg. Mit anderen Worten, auch die Europäer nehmen die amerikanische Sprintstudie zum Anlass, ihre Leitlinien anzupassen.

Die amerikanische Entscheidung bewerten viele Ihrer hiesigen Kollegen als eine Art Konjunkturprogramm für die Pharma-Industrie. Denn die Zahl der Betreffenden, die entsprechende Präparate einnehmen müsste, würde erheblich steigen. Das Vorhaben der Mediziner in den Vereinigten Staaten, früher therapeutisch einzugreifen, ist dagegen sicher richtig. Vor allem sollen sich die Bürger deutlich mehr bewegen. Aktuelle Studien zeigen, dass hinsichtlich der körperlichen Aktivität bei Frauen Deutschland bereits zu den inaktivsten Ländern zählt, vergleichbar mit Brasilien und Saudi-Arabien! Welches Minimum an täglicher Bewegung empfehlen Sie?

Es ist bemerkenswert, dass die Studie, die zur Anpassung der Leitlinie geführt hat, nicht von der Pharmaindustrie gesponsert wurde, sondern von den amerikanischen Gesundheitsbehörden finanziert worden ist.

Der Grund hierfür liegt darin, dass die meisten Bluthochdruck-Medikamente heute als sogenannte Generika vertrieben werden, das heißt sehr kostengünstig zu kleinen Cent-Beträgen erhältlich sind. Nichtsdestotrotz ist die nicht-pharmako-logische Behandlung des Blutdrucks wichtiger denn je. Im Zentrum stehen die Vermeidung von Übergewicht und regelmäßige körperliche Aktivität. Ideal wären vier bis fünf Trainingseinheiten pro Woche. Bei so viel Aufwand muss dies allerdings Freude bereiten und an die körperliche Leistungsfähigkeit angepasst werden. Dies kann im Einzelfall ein Spaziergang an der frischen Luft oder ein Match auf dem Tennisplatz sein. Auch muss die körperliche Bewegung nicht allzu lange andauern, 30 bis 40 Minuten pro Tag sollten ausreichen.

Apropos Bewegung. Welche Strecken legen Sie als Klinikdirektor München täglich zu Fuß oder mit dem Rad zurück?

Ich gehe über den Tag verteilt sicherlich 20 Stockwerke rauf und runter. Außerdem bemühe ich mich, jede Woche dreimal für 40 Minuten ein Fitnesstraining zu machen.

Neben ausreichender körperlicher Bewegung gelten die Gewichtsreduktion, gesunde Ernährung, die verminderte Natrium- und erhöhte Kalium-Aufnahme sowie ein moderater Alkoholkonsum als bedeutsam, um das Risiko für Herzkreislauferkrankungen zu senken. An welchen Eckdaten sollte man sich diesbezüglich orientieren?

Einen entsprechenden Ratgeber zu Rezepten für die Gewichtsreduktion und Ernährung finden Sie bei der Deutschen Herzstiftung. Sie ist eine Organisation von Patienten und Angehörigen, die von Ärzten beraten wird und neutral Informationen im Internet und der Mitgliederzeitschrift bereithält.

Hypertonie im Alter

Der Blutdruck steigtim höheren Alter. Denn die elastischen Gefäßwände werden starrer und unflexibler. Damit nimmt die Anpassungsfähigkeit der Gefäße an den Blutdruck ab. Laut der sogenannten Life-Gesundheitsstudie der Uni Leipzig weist jeder Zweite der Über-60-Jährigen in Deutschland einen zu hohen Blutdruck, also Werte von mehr als 140/90 mm Hg auf.

Besonders erschreckend ist, dass immer mehr junge Leute bereits an Hypertonie leiden. .Bei den 14 bis 17-Jährigen überschreiten laut besagter Untersuchung bereits 50 Prozent der männlichen und 25 Prozent der weiblichen Personen den optimalen Blutdruck von 120 zu 80 mm Hg. Gründe sind auch hier vor allem Bewegungsarmut und Übergewicht.

Volker Penne

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