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Prozess um Menschenraub: „Facebook-Richter“ als Zeuge

Stralsund Prozess um Menschenraub: „Facebook-Richter“ als Zeuge

Zwei 35 und 27 Jahre alte Männer vor Gericht / BGH hatte deren Haftstrafen wegen eines provokativen Eintrags des Justizbeamten ins soziale Netzwerk aufgehoben

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Der als Zeuge gehörte Richter mit dem T-Shirt, das die umstrittene Aufschrift trägt: „Wir geben Ihrer Zukunft ein Zuhause. JVA“

Quelle: Screenshot Facebook

Stralsund. Vier Verteidiger, drei Richter, zwei Schöffen, 31 Prozesstage – mindestens 16 weitere folgen: Der dritte Anlauf im Verfahren um erpresserischen Menschenraub gegen zwei Männer (27/35) am Landgericht Stralsund verläuft schleppend. Gestern ist von der Strafkammer nun jener Rostocker Richter als Zeuge gehört worden, wegen dessen Verhalten der Bundesgerichtshof (BGH) die gegen die Männer verhängten Haftstrafen im Januar 2016 aufgehoben hatte. Der Vorsitzende Richter des zweiten Verfahrens hatte bei Facebook ein Bild gepostet, auf dem er in einem T-Shirt mit dem Schriftzug „Wir geben Ihrer Zukunft ein Zuhause. JVA“ zu sehen war. Die Verteidiger gingen erfolgreich in Revision: Der BGH begründete die Aufhebung des Urteils damit, dass der Eintrag eine innere Haltung des Richters dokumentiere, die annehmen lasse, dass dieser Spaß an der Verhängung hoher Strafen habe und sich über die Angeklagten lustig gemacht habe. Der 58-Jährige ist weiter als Vorsitzender Richter am Landgericht Rostock tätig. „Er macht hervorragende Arbeit“, so Gerichtssprecher Michael Mack.

Er macht eine hervorragende Arbeit.“

Gerichtssprecher

Michael Mack über den „Facebook-Richter“

Die Strafkammer des Stralsunder Landgerichts verhandelt nun seit dem 20. April im dritten Anlauf wegen erpresserischen Menschenraubes. Die beiden Angeklagten, die im Jahr 2012 den Besitzer einer Clubgaststätte in Tarnow (Landkreis Rostock) entführt, verprügelt und von ihm 15000 Euro gefordert haben sollen, schweigen seitdem zu dem Vorfall. Rund 40 Anträge gaben die Pflichtverteidiger zu Protokoll. Die vier Anwälte nutzen die Klaviatur der Strafverteidigung, Prozessbeobachter sprechen von einer „engagierten Verteidigung“. Das Gericht versucht mit Nüchternheit, die Vorgänge zu rekonstruieren. Licht in die Vorgänge sollte nun jener „Facebook-Richter“ bringen, von dem die Männer 2015 zu Haftstrafen von acht bzw. fünf Jahren und zehn Monaten verurteilt worden waren. Bevor der Beamte in den Zeugenstand trat, legte die Verteidigung Anträge vor, Angaben eines Hauptbelastungszeugen aus den ersten Prozessen nicht zu verwerten.

Jener Zeuge war bei der Entführung dabei und ist inzwischen deswegen zu einer vierjährigen Haftstrafe verurteilt worden. Anders als die beiden Angeklagten hatte er im Verfahren ausgesagt und seine beiden mutmaßlichen Mittäter später belastet, im dritten Prozess vor dem Stralsunder Landgericht aber geschwiegen. Die Verteidiger vermuten, dass es bereits im ersten Verfahren einen „Deal“ mit dem Gericht gegeben habe, über dessen Zustandekommen sie nichts erfahren hätten. Zudem kritisierten sie, dass der Mann Antworten auf Fragen der Verteidiger im zweiten Verfahren verweigert hatte. Genau zu jenem Zeugen wurde nun der „Facebook-Richter“ befragt, der seine Erinnerungen an die belastenden Aussagen des Mannes wiedergab. Inwieweit diese Aussagen in die Urteilsfindung einfließen, ist bislang offen.

Martina Rathke

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