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MV aktuell Rostocker Unternehmer sorgt sich um Zukunft
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13:08 21.02.2017
Dieser Zustand geht an die wirtschaftliche Substanz.Christian Pietsch Chef Gusti Leder Quelle: Foto: Juliane Lange
Rostock

Der Arbeitsplatz von Christian Pietsch befindet sich mitten im Großraumbüro seiner Rostocker Firma Gusti Leder, einem Online-Händler für Ledertaschen. Auf ein Einzelbüro fernab seines Teams verzichtet der erfolgreiche Jungunternehmer gerne. Der 31-Jährige will jederzeit für seine 75 Mitarbeiter ansprechbar sein. Gesprächsbedarf könnten die Angestellten dieser Tage tatsächlich haben. Denn die Zukunft des Unternehmens steht auf dem Spiel: Steuerflüchtige Händler aus Fernost drohen Gusti Leder das Geschäft zu vermiesen.

Seit Jahren bietet Pietsch seine Taschen auf dem Online-Marktplatz von Amazon an. Das Digital-Geschäft lief gut, bis chinesische Ledertaschen-Verkäufer bei Amazon auf Kundenfang gingen. Offenbar haben diese Anbieter keine Steuer-Identifikationsnummer. So sparen sie die Mehrwertsteuer und können ihre Produkte günstiger anbieten als die Konkurrenz.

Christian Pietsch befürchtet, dass er nicht mehr lange mit diesen Preisen mithalten kann. Entlassungen drohen. Um 20 Prozent ist sein Absatz bereits eingebrochen. „Fakt ist, dass dieser Zustand an die wirtschaftliche Substanz geht“, sagt er. Ihn störe nicht der faire Wettbewerb, Globalisierung sei nicht aufzuhalten, betont Pietsch, doch solle jeder nach den gleichen Spielregeln sein Geld verdienen. Dass viele Händler dagegen verstoßen, hat Christian Pietsch selbst erlebt. „Wir haben uns Taschen aus dem asiatischen Raum schicken lassen. Die meisten Pakete kamen ohne Rechnung“, so Pietsch. Das lasse vermuten, dass die Verkäufer keine Umsatzsteuer zahlen. „Die Händler verstoßen systematisch gegen deutsches Recht“, ist der Unternehmer überzeugt.

Auch dem Rostocker Rechtsanwalt Johannes Richard sind die Praktiken des Logistik-Dienstleisters vertraut. „Das Problem, dass Händler aus Nicht-EU-Ländern, die ihre Waren auf Amazon anbieten, keine Steuern zahlen, ist uns bekannt. Diese Händler können die Preise bestimmen. Viele meiner Mandaten überlegen, ihren Handel auf Amazon einzustellen“, erklärt der Steuerrechtler. Eine schnelle Einigung mit dem Online-Riesen sieht er nicht. „Amazon reagiert einfach nicht.“

Eine Wettbewerbsverzerrung erkennt auch die Industrie- und Handelskammer Rostock (IHK) im Fall Gusti Leder. „Über digitale Vertriebswege können Händler aus Drittstaaten Waren direkt an Endkunden in der EU verkaufen“, sagt Anja Schneider, Leiterin des IHK-Bereichs Steuern und Recht. „Wer keine oder eine zu niedrige Einfuhrumsatzsteuer zahlt, weil er den Zollwert zu niedrig angibt und auch die Mehrwertsteuer auf den Verkaufspreis nicht an das Finanzamt abführt, hat einen unrechtmäßigen Vorteil.“

Hoffnung machen Schneider die EU-Vorschläge für ein europäisches Mehrwertsteuersystem, die unter anderem die Abschaffung der Einfuhrumsatzsteuergrenze von 22 Euro vorsehen. Unrealistische Wertangaben zu Produkten würden so keine Steuerfreiheit mehr ergeben. Derzeit sind den Finanzbehörden die Hände gebunden, da Deutschland und China kein Amtshilfe-Abkommen haben.

Etwa 40 Prozent seiner Waren verkauft Gusti Leder auf Amazon, 60 Prozent über die eigene Webseite und im Ladengeschäft in Rostock. Rund 2000 Produkte umfasst sein Katalog. Expandieren wollte Pietsch immer schon. Berlin und Hamburg waren als mögliche Städte für weitere Niederlassungen geplant. Doch ob er seine Pläne umsetzen kann, bleibt abzuwarten. Immerhin breche seit zwei Jahren mit Amazon einer seiner wichtigsten Märkte ein, erklärt er. Konkrete Zahlen nennt Pietsch nicht. Nur soviel: „Es geht uns eine Menge Geld verloren.“

Juliane Lange

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