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„Rügen ist das neue Sylt“: Streit um Tourismus-Entwicklung

Binz/Lohme „Rügen ist das neue Sylt“: Streit um Tourismus-Entwicklung

Wirtschaftsminister Harry Glawe sieht die Entwicklung auf der Insel als Erfolgsgeschichte, doch in vielen Gemeinden regt sich Widerstand gegen gigantische Bauvorhaben

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Karsten Schneider, Bürgermeister von Binz

Quelle: Gerit Herold

Binz/Lohme. . Investor Jürgen Breuer hat noch keine Viertelstunde geredet, da platzt einem Bürger im Saal des Kurhauses von Binz der Kragen: „Sie haben doch keine Ahnung, was Sie uns da zumuten!“, brüllt der ältere Herr.

Ihre Millionen können Sie sich in die Haare schmieren, lassen Sie uns in Frieden damit!“ Er springt auf, rennt aus dem Saal und knallt die Tür hinter sich zu.

Jürgen Breuer ist kurz konsterniert, dann schildert er den 40 Bürgern im Saal, warum sie keine Angst haben sollen vor dem 104 Meter hohen Turm, den er direkt hinter den denkmalgeschützten Gebäuden des ehemaligen „KdF“-Bades Prora in ihrer Gemeinde bauen will.

Morgen sollen die Bürger in Binz über den Turmbau abstimmen: Der Bürgerentscheid, den die Gemeindevertretung eingeleitet hat, ist rechtlich zwar für niemanden bindend, aber Investor Breuer sagt:

„Wenn die Bürger dagegen sind, bin ich raus.“ Im Ort ist viel diskutiert worden über die Pläne, es gibt leidenschaftliche Befürworter und vehemente Kritiker. Architekt Axel Drebing wirbt für seine Idee. Er will dem „KdF“-Bad und seinen „2,6 Kilometern Stahlbeton in der Horizontale“ etwas entgegensetzen – 104 Meter Stahl und Glas in der Vertikalen. „So kann dieser Ort den Nazi-Geist von Prora überwinden.“ Ein Bürger hält dagegen: „Man kann eine Bausünde nicht mit einer neuen Bausünde wiedergutmachen.“

Dass der Ort mit 5200 Einwohnern und knapp 15000 Betten an seine Grenzen stößt, merkt Bürgermeister Karsten Schneider (Wählergemeinschaft Pro Binz) nicht nur, wenn er im Sommer im Stau steht. Er hat es auch im Vorfeld eines Grundstücksverkaufs gemerkt, der heute ansteht: Die Gemeinde versteigert ein 12000 Quadratmeter großes Hanggrundstück in bester Lage, zentral gelegen und mit Blick auf den Schmachter See. 1,8 Millionen Euro ist das Mindestgebot, der Käufer soll Wohnhäuser darauf bauen, keine Ferienwohnungen.

Dafür kündigte die Gemeinde einem guten Dutzend Kleingärtnern die Pachtverträge. „Es ist schade, dass wir hier wegmüssen“, sagt Renate Haker, die mit Mann Claus eine Parzelle gepachtet hatte. „Binz hat sein Gesicht verloren.“ Früher arbeitete sie in der Kinderkurklinik, die 2009 geschlossen wurde: „Auf dem Gelände stehen heute drei Betonklötze.“ Gebaut von: Breuer.

In der Gemeinde Lohme gibt es noch keine Betonklötze – doch das könnte sich ändern. Auf dem zum Verkauf stehenden 23 Hektar großen Gelände der früheren Küstenfunkstelle Rügen Radio wollen Bürgermeister Matthias Ogilvie (CDU) und seine Mitstreiter einen Investor ein Hotel mit „Medical Spa“ bauen lassen.

Außerdem Appartements, Wohnhäuser und einen Kurpark. Rund 500 neue Betten sollen entstehen. Der kleine Ort würde um mehr als die Hälfte wachsen.

Seit mehr als einem Jahr kämpft die Bürgerinitiative „Lohme bewahren“ gegen das Projekt. Die Initiative um Hotelier und Ex-Bürgenmeister Jörg Burvitz wirft Ogilvie „Größenwahn und Gigantomanie“ vor. Wirtschaftsminister Harry Glawe (CDU) indes frohlockte kürzlich, das Wachstum des Insel-Tourismus sei „eine tolle Erfolgsgeschichte“, die es fortzuschreiben gelte. Für Glawe ist klar: „Rügen wird das neue Sylt.“

Bürgerentscheid zum Wohnturm-Projekt

Die 5200 Einwohner des Seebades Binz, zu dem Prora als Ortsteil gehört, können morgen beim Bürgerentscheid zum geplanten Wohnturm abstimmen. Auf dem Stimmzettel steht folgende Frage: „Soll die Veräußerung des gemeindeeigenen Grundstücks der Gemarkung Prora, Flur 7, Flurstück 5/118 an einen Investor erfolgen, der dort ein Hochhaus errichten will?“

• Internet: buecherturm-binz.de

bewahrtlohme.wordpress.com/

Gabriel Kords

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