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Rügen statt Regenwald: Bekannter Naturschützer tritt ab

Sassnitz Rügen statt Regenwald: Bekannter Naturschützer tritt ab

Detlev Drenckhahn ist seit 2005 Präsident von WWF Deutschland / In wenigen Tagen endet seine Amtszeit / Um das Welterbe-Forum bei Sassnitz kümmert er sich aber weiter

Sassnitz. Mit einem kleinen Fernglas sucht Detlev Drenckhahn die Kreideklippen am Rügener Königsstuhl ab. „Da, sehen Sie?“, fragt er und zeigt auf eine kniehohe Pflanze, die sich an den kargen Felsen klammert. Ein paar Augenblicke später hat er noch drei weitere Klippenkohl-Pflanzen gefunden. „Letztes Jahr hatten sie mehr Blüten“, sagt Drenckhahn und lacht. Unter den entspannt schlendernden Besuchern am Rügener Königsstuhl fällt der drahtige 71-Jährige mit der hellen Cargo-Hose und dem lila Polohemd auf. Schnellen Schrittes schreitet der weißhaarige Professor die Treppen zur Aussichtsplattform hinauf.

Drenckhahn ist sozusagen Hausherr am Besucherzentrum des Nationalparks. Der emeritierte Medizin-Professor aus Würzburg gilt als einer der einflussreichsten Naturschützer in Deutschland. Seit 2005 führt er als Präsident die deutsche Sektion der Welt-Umwelt-Stiftung WWF, seit 2012 steht er zudem dem wichtigen Stiftungsrat der Organisation vor. Anfang Juli gibt er diese Ämter aus Altersgründen ab. Das Nationalpark- Besucherzentrum wurde vom WWF mit aufgebaut, die Organisation ist Mehrheitsgesellschafter der Betreibergesellschaft. „Wir sind eines der wenigen Nationalparkzentren, das schwarze Zahlen schreibt“, sagt er.

Vor zehn Jahren entdeckte Drenckhahn den Klippenkohl auf Rügen. Vorher gab es ihn hier nicht, meint der Naturschützer. Beide, Entdecker und Pflanze, verbindet mehr, als man zunächst meinen könnte:

Eigentlich kommt das Kohlgewächs nur an der Atlantikküste vor sowie auf der Nordsee-Insel Helgoland. Nun gedeiht er seit ein paar Jahren an der Ostsee. Aber wie kam der Kohl hierher? Drenckhahn hebt ratlos die Schultern. Mit Vogelkot? Mit dem Wind? Das bleibt wohl vorerst das Geheimnis der gelb blühenden Pflanze.

Wie der Klippenkohl ist Drenckhahn ein Kind von Nordsee und Ostsee. Er wurde in Göhren auf Rügen geboren, wuchs aber im friesischen St. Peter Ording auf. Im Sommer besuchte er jedes Jahr seine Großeltern auf Rügen. Das Wattenmeer der Nordsee und die Steilküsten mit den wilden Buchenwäldern auf Rügen prägten sein Umweltbewusstsein. Mit Mitte 20 schrieb er ein Buch über die Vogelbestände des Wattenmeers. Als Anfang der 1970er-Jahre Teile davon für die Landwirtschaft eingedeicht und trockengelegt werden sollten, entdeckte Drenckhahn den Umweltschutz und engagierte sich gegen das umstrittene Vorhaben. Mit Erfolg: Nur eine vergleichsweise kleine Fläche wurde eingedeicht, das meiste dagegen zum Nationalpark erklärt und unter Schutz gestellt.

Zu seinen größten Erfolgen als WWF-Präsident zählt er den von ihm angestoßenen „Club des Rosa Delphins“. In wenigen Monaten beschafften die Mitglieder eine sechsstellige Spendensumme. Mit dem Geld aus Deutschland wurden für eine Fläche im brasilianischen Regenwald die Voraussetzungen geschaffen, dass das Land, das so groß ist wie Mecklenburg-Vorpommern, in Rekordzeit als Nationalpark anerkannt wurde. „Das ist ein grünes Bollwerk“, sagt Drenckhahn. Seine größte Enttäuschung erlebte er ein paar Jahre später, als Brasiliens Regierung ein Waldgesetz verabschiedete, das den Landwirten mehr Regenwald zum Abholzen zusprach. Das „grüne Bollwerk“ wird aber bleiben.

Nun widmet sich Drenckhahn einem anderen Dschungel, dem Rügener Buchenwald, dem anerkannten Weltnaturerbe. Im April 2017 soll in einer ehemaligen Gaststätte ein Besucherzentrum, das Welterbe-Forum eröffnen. Das Geld für den Kauf der Immobilie steuerte ein reicher Spender bei, den Drenckhahn dazu überzeugen konnte und dessen Name noch geheim gehalten wird. Dem Aufsichtsrat der Betreibergesellschaft des Nationalparkzentrums wird Drenckhahn weiter angehören. In Göhren hat er eine Wohnung – in dem Haus, in dem früher seine Großeltern wohnten, und das ihm gehört. So wird der Vater von drei erwachsenen Kindern und Großvater von fünf Enkeln weiter zwischen St.-Peter-Ording und Rügen pendeln. Inzwischen sind auch Würzburg, wo er sein Arbeitsleben als Arzt und Wissenschaftler verbrachte, und Berlin, wo Enkel und Kinder leben, dazugekommen. Detlev Drenckhahn wird auch ohne WWF-Spitzenjobs in Bewegung bleiben. Und dabei vielleicht ganz nebenbei noch die eine oder andere neue Pflanze entdecken.

Gerald Kleine Wördemann

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