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„Schatten-Schulen“: Schon Erstklässler brauchen Nachhilfe

Plau am See „Schatten-Schulen“: Schon Erstklässler brauchen Nachhilfe

Defizite im Unterricht und in Familien sorgen für Ansturm beim Nachmittagsunterricht.

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Die Grundschüler Benjamin, Lisa-Marie und Lea (v. l.) beim Nachhilfeunterricht im Lernzentrum Schwerin.

Quelle: Jens Büttner/dpa

Plau am See. Jeder vierte Schüler in Deutschland schafft statistisch gesehen den Lehrstoff nur noch mit fremder Hilfe im teuren Nachmittagsunterricht.

Die Zahl der Nachhilfe-Teilnehmer steigt, sagt Cornelia Sussieck, Sprecherin des Bundesverbandes der Nachhilfe- und Nachmittagsschulen. Eine Umfrage bei Nachhilfeinstituten in Mecklenburg-Vorpommern ergab: Längst nicht mehr nur die versetzungsgefährdeten Schüler drücken nach dem regulären Unterricht auch nachmittags und samstags die Schulbank. Viele leistungsstarke Kinder und Jugendliche wollten bereits bei kleinen Wissenslücken in nur einem Fach mehr üben, um Stoff aufzuholen oder für Prüfungen besser gerüstet zu sein, betonte Sussieck.

Schon ab Klasse eins werde Nachhilfe genutzt, um Lücken gar nicht erst entstehen zu lassen. Ältere motiviere die Aussicht auf einen guten Studien- oder Ausbildungsplatz zum Zusatzunterricht, erklärte die Verbandssprecherin. „Bei dem sehr hohen Bildungsniveau in Deutschland kommen Eltern mit dem Schulstoff ihrer Kinder oft nicht mehr mit“, sagte Sussieck. Sie könnten vor allem in der Oberstufe kaum mehr bei den Hausaufgaben helfen. Familien ließen sich professionelle Hilfe im Schnitt bis zu 1200 Euro pro Schüler und Jahr kosten. Die Preise für Nachhilfeunterricht lägen bei 10 bis 30 Euro je Stunde.

Zugleich räumte der Verband eine zunehmende Anzahl von Anbietern ein. Neben den Marktführern, den Franchise-Ketten Schülerhilfe und Studienkreis, gründeten vermehrt Einzelunternehmer Nach hilfeschulen. In jedem Bundesland und jeder Region gebe es andere Anforderungen an Schüler; darauf könnten kleine Einrichtungen individueller eingehen. „Nachhilfe ist der Schatten des öffentlichen Schulsystems“, erklärte Sussieck. „Wir decken nur den wachsenden Leistungsbedarf ab.“

Steigende Teilnehmerzahlen am Nachhilfe-Unterricht beobachtet auch Susanne Gieding von der Schülerhilfe Rostock. Allmählich greife das Bildungs- und Teilhabepaket des Bundes trotz hoher bürokratischer Hürden, sagte sie. In ihren Instituten in Rostock, Bad Doberan und Güstrow werde jeder zehnte Nachhilfeschüler übers Bildungspaket gefördert.

Ein Grund für den zusätzlichen Nachmittagsunterricht seien Wissenslücken, die durch Krankheit, familiäre Probleme oder auch häufigen Unterrichtsausfall an staatlichen Schulen entstünden, sagte Gieding. Für einen guten Ausbildungs- oder Studienplatz gäben sich aber auch immer mehr Jugendliche nicht mehr mit mittelmäßigen Zeugnissen zufrieden.

Nachhilfe-Lehrer Ralf Kuchmetzki, Gründer des privaten Lernzentrums Schwerin, registriert mehr und mehr Grundschüler. Vor allem Alleinerziehende hätten vielfach keine Zeit für Hausaufgabenbetreuung. „Wir erfüllen hier teils Aufgaben eines Schülerhortes.“

Elternrat: Entscheidung Kopfnoten vertagen
Der Landeselternrat (LER) hat die Landesregierung aufgefordert, die geplante Entscheidung zur Wiedereinführung der Kopfnoten zu verschieben und sie mit der Umsetzung der Inklusion zu verzahnen. „Falls die Koalition dennoch jetzt die Wiedereinführung der Kopfnoten durchsetzt, kann der LER ihr in Teamfähigkeit nur die Note 4 geben“, erklärte die Landeselternratsvorsitzende Martina Richter am Samstag zum Abschluss der Frühjahrstagung des Rats in Plau am See. Sie forderte das Ministerium auf, den LER bei der Entscheidung einzubeziehen.

Zuvor hatte der Landeselternrat bereits die schleppende Umsetzung der Inklusion an den Schulen in MV kritisiert. Unter Inklusion ist die gleichberechtigte Teilnahme von behinderten oder lernschwachen Kindern am regulären Unterricht zu verstehen. Während auf Rügen das Modellprojekt mit der entsprechenden finanziellen und personellen Ausstattung noch laufe, werde in den anderen Grundschulen des Landes das Inklusionskonzept teilweise schon praktiziert — allerdings ohne die bessere Ausstattung, sagte die stellvertretende Landesvorsitzende, Claudia Metz.

„Die Lehrer kämpfen weiter unter den bisherigen Bedingungen“, betonte Metz. Es sei für sie nahezu unmöglich, bei einer Klassenstärke von 28 Schülern auch noch den speziellen Bedürfnissen von ein oder zwei verhaltensauffälligen oder lernschwachen Schülern gerecht zu werden. Metz kritisierte, dass nur wenig von dem umgesetzt werde, was diverse Arbeitsgruppen auch unter Mitwirkung des Landeselternrats zur Inklusion empfohlen hatten.

Grit Büttner

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