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Seltene Strömung sorgt für Fischsterben an der Ostseeküste

Nienhagen Seltene Strömung sorgt für Fischsterben an der Ostseeküste

Tausende tote Süßwasserfische werden an die Strände zwischen Graal-Müritz und Heiligendamm gespült. Experten denken, dass die Fische aus der Warnow stammen.

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Mehrere Tonnen Plötzen und andere Süßwasserfische liegen am Strand.

Nienhagen. Seit Stunden schaufeln Gemeindearbeiter Carsten Soltow und Holger Ritter tote Fische vom Nienhäger Strand in die Schaufel ihres Radladers. Süßwasserfische. Plötzen, Rotfedern — nichts, was in die Ostsee gehört. Kurz vor 7 Uhr haben sie die Kadaver entdeckt. Am Spülsaum auf dem Strand, im Flachwasser davor, und in regelrechten Massen dort, wo sich auch der Seetang zusammenballt. Um 11 Uhr haben die beiden schon gut zwei Tonnen tote Fische vom Strand geholt — und dort ist praktisch nichts von ihrer Arbeit zu sehen. Silbrige Kadaver überall, auch in Warnemünde, Graal-Müritz und Markgrafenheide.

„Das habe ich noch nie erlebt", sagt Carsten Soltow. „Es muss einen Salzwassereinbruch in den Bodden gegeben haben“, vermutet er. Hinzu kam akuter Sauerstoffmangel. Immer wieder müssen die beiden Gemeindearbeiter Fragen der Badegäste beantworten, die nun nach und nach an den Strand kommen. „Ist das gefährlich?“, fragt ein Mann in Badehose, der nun sichtbar zögert, ins Wasser zu gehen. „Also, ich esse Fisch ja ganz gerne“, sagt eine Frau in reinstem Sächsisch. „Schön mit Zwiebeln und so. Aber für heute ist mir der Appetit vergangen.“ Der Anblick ist wahrlich nicht schön, doch die meisten Tiere sehen gesund aus, „Die Fische weisen keine Krankheitsmerkmale auf“, betont Landwirtschafts- und Umweltminister Till Backhaus.

Längst sind Nienhagens Bürgermeister Uwe Kahl und das Ordnungsamt vom Amt Doberan-Land informiert, und längst hat dessen Amtsleiter Uwe Ziesig mit dem Staatlichen Amt für Landwirtschaft und Umwelt (Stalu) Kontakt aufgenommen, Fischereibehörde und sogar das Institut für Ostseeforschung sind informiert. Noch am Vormittag sind Stalu-Chef Hans-Joachim Meier und Spezialisten aller Institutionen vor Ort am Strand und mit einem Boot auf dem Wasser, um sich ein Bild von der Lage zu machen. Schnell sind sich die Experten einig. „Eine Krankheit ist das mit Sicherheit nicht“, resümiert Ordnungsamtsleiter Uwe Ziesig. „Die Süßwasserfische sind ganz einfach im Salzwasser verendet.“ Die Vermutung, die Fische könnten aus dem Bodden stammen, widerlegen die Fachleute schnell. „Der Bodden ist zu weit weg, und die Conventer Niederung liegt zu tief unter dem Meeresspiegel, als dass Fische in die Ostsee schwimmen könnten“, ist sich Stalu-Chef Meier sicher. „Es bleibt nur die Warnow.“

Dafür spricht, dass tagelang starker Ostwind geherrscht habe, sich Wasserstände und Strömungen geändert hätten. „Am wahrscheinlichsten ist ein Einbruch von sehr salzhaltigem Tiefenwasser in die Warnow“, sagt Dörte Kolbow, Amtsleiter Naturschutz im Stalu. Ein Indiz dafür sei auch das massenhafte Auftreten von Feuerquallen.

Bürgermeister Uwe Kahl ist absolut nicht begeistert von der Situation. „Nicht nur der Urlauber wegen“, sagt er. „Es ist ja auch ein Verlust für die Natur, wenn plötzlich so viele Fische sterben.“

Froh ist er aber auch, dass die Urlauber größtenteils gelassen reagieren. „Es ist wohl überall das Einsehen da, dass es sich um ein Naturereignis handelt, für das die Gemeinde nichts kann.“ Kahl versichert, dass alles getan werde, um die Folgen des Phänomens so schnell wie möglich zu beseitigen. Und Carsten Soltow und Holger Ritter schaufeln weiter.

Süß- und Salzwasserfische
30 000 Fischarten gibt es, etwa die Hälfte lebt im Meer, die andere Hälfte im Süßwasser. Die meisten Süßwasserfische können nicht im Meerwasser überleben, aber relativ viele Meeresfische besuchen kurzzeitig die Mündungsgebiete oder Unterläufe von Flüssen.

3000 Fischarten wie Lachse, Störe oder Aale können langfristig im Süß- und Meerwasser überleben.

 

 

Sabine Hügelland und Klaus Walter

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