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Skurriles aus den Kellern der Klinik

Rostock Skurriles aus den Kellern der Klinik

Schick, schräg und schaurig – Rostocker Ausstellung zeigt 500 Exponate aus der Medizingeschichte

Rostock. . Der Zahnbohrer aus dem frühen 20. Jahrhundert funktioniert wie eine alte Nähmaschine. Mit einem Fußpedal wird ein Rad in Bewegung gesetzt, der damit verbundene Bohrer dreht sich. Es kostet Dieter Pahncke, Oberarzt an der Klinik für Zahnerhaltung an der Unimedizin Rostock, einige Mühe, bis das Rad richtig in Schwung kommt. „Damit kann man arbeiten, aber ich möchte nicht der Patient sein“, sagt er. Die heutigen Bohrer drehen sich mit bis zu 160000 Umdrehungen pro Minute, dieser schafft vielleicht 500. „Man spürt jeden Schlag“, erklärt Pahncke und fügt hinzu, dass die Narkose vor rund 100 Jahren auch noch nicht den heutigen Stand hatte – welch eine Qual für die Patienten.

Für Horst Klinkmann, den inzwischen 81-jährigen Mediziner und Doyen der Gesundheitswirtschaft Mecklenburg-Vorpommerns, ist klar, dass seine Abneigung gegenüber Zahnärzten in solchen Instrumenten begründet ist.

Der Zahnbohrer ist eines der Glanzstücke der Ausstellung „Schick, schräg und schaurig – Schätze aus der Geschichte der Universitätsmedizin Rostock“, die am Dienstag eröffnet wurde. Dafür waren Mitarbeiter der Universitätsmedizin durch die Dachböden und finsteren Keller der Klinik gekrochen, wie der ärztliche Vorstand der Unimedizin Rostock, Christian Schmidt, bei der Eröffnung sagte.

Im Ergebnis kamen rund 500 Exponate zusammen.

Dabei sei „Medizin zum Begreifen“ herausgekommen – ungewöhnlich im digitalen Zeitalter, in der 3-D-Animationen die Regel sind. „Das ist manchmal schaurig, manchmal schrill“, sagt Schmidt. Besonders angetan hat es ihm die Sammlung mit 135 Glasaugen. Mit diesen Exponaten wurde den früheren Medizinstudenten gezeigt, wie eine Augenkrankheit aussieht. „Und die sehen manchmal schon ein bisschen komisch aus.“

Das Gleiche gelte für die lebensnahen Darstellungen der verschiedenen Stadien der Syphilis, einer früher häufigen und gefürchteten Geschlechtskrankheit. Die sieben Wachs-Nachbildungen krankhaft veränderter Körperteile, sogenannte Moulagen, gehören ebenfalls zu den Höhepunkten der Ausstellung. Die Hautklinik besaß einst mehr als 3000 von ihnen, berichtet Kerstin Beckmann, Sprecherin der Uni-Medizin. „Knapp 40 sind erhalten“. Gefertigt wurden sie zwischen 1908 und 1933 nach dem Abbild echter Patienten. Sie empfinden die filigrane Hautstruktur und die authentische Körperbehaarung nach.

Zu den Glanzstücken der Ausstellung zählt auch die einem großen Fass ähnelnde „Moeller-Niere“. Sie wurde 1948 von Curt Moeller entwickelt. 1958 wurde an der Uniklinik die erste Dialyse vorgenommen – eine Premiere für die gesamte DDR, berichtet der Rostocker Nierenspezialist Steffen Mitzner. Das gleiche Verfahren werde noch heute angewandt, allerdings mit Instrumenten in einer Größe von etwa 20 Zentimetern und bei einem Preis von unter zehn Euro.

Die Ausstellung sei auch eine Ansammlung von Skurrilitäten, sagte Klinkmann. Er gelangte mit seinen Arbeiten zu künstlichen Organen, insbesondere der künstlichen Niere, oder zu Problemen des Organersatzes zu internationaler Beachtung. Er brachte zur Eröffnung der Ausstellung ein halbes künstliches Herz mit, das erste, das 1980 in Rostock dem Kalb „Rosi“ implantiert wurde und mehr als zehn Tage schlug. Klinkmann war damals Leiter des internationalen Teams.

Die Ausstellung im Obergeschoss der Societät Rostock ist bereits die zweite zur Historie der Unimedizin. Die vorherige war eine mit Bildern, „eine zum Zeitgeist“, sagt Christian Schmidt. Die neue Ausstellung sei zum Begreifen. „Die Medizin hat in Rostock eine lange Geschichte“, sagt Horst Klinkmann. „Und Skurrilität war schon immer angesagt.“

Joachim Mangler

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