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„Sorge ist natürlich, darf aber nicht hysterisch werden“

„Sorge ist natürlich, darf aber nicht hysterisch werden“

Zukunftsforscher Matthias Horx* rät zu mehr Optimismus

Herr Horx, das Flüchtlingsthema besorgt Menschen sehr; auch wenn Fakten zu anderen Schlüssen verleiten sollten. Woher kommt die Angst vor dem Fremden?

Matthias Horx: Die Angst vor Fremden ist ein evolutionärer Impuls. Hunderttausende von Jahren waren Menschen mit anderen Gesichtern, Körperbau oder Sprache kein gutes Zeichen. Meistens gab es Streit oder Krieg, Mord und Totschlag. Spuren davon sind heute noch in unserem Unterbewusstsein gespeichert, aber eine moderne Wohlstands-Zivilisation kann das eben auch überwinden. Man sollte wissen, dass Kulturen, die Fremde integrieren konnten, immer zu den erfolgreicheren gehören. Fremdenhass führt auf Dauer zum wirtschaftlichen Niedergang, weil dann keine Vielfalts-Impulse mehr entstehen. Die geschlossene Gesellschaft erstarrt und kocht in ihrem eigenen Saft — und geht schließlich unter.

In Deutschland greift die Schwarzmalerei um sich: Trotz Konjunktur und verbesserter Lebensumstände blicken viele Menschen ängstlich in die Zukunft. Woran liegt das?

Horx: Sorge ist ja nun etwas ganz Natürliches. Ein Problem wird es aber, wenn diese Sorge etwas Neurotisches, Pathologisches, Hysterisches bekommt. Und das ist hierzulande bisweilen der Fall.

Es gibt drei Gründe dafür: erstens den Hang vieler Medien zum dunklen Alarmismus, der aus jeder kleinen Meldung einen Untergang macht. Die Art und Weise, wie in den letzten Jahren über Griechenland, Flüchtlinge, Europa, was auch immer berichtet wurde, war ungeheuerlich. Zweitens sind wir heute am Ende einer Epoche stetigen ökonomischen Wachstums angekommen. Das ist ein ganz normaler Zyklus, denn hohes Wachstum kann nicht ewig anhalten. Das heißt aber, dass nicht mehr immer alle Boote gleichförmig steigen, dass es neue Gesellschaftsstrukturen gibt. Und dass die Gesellschaft neue Visionen jenseits des puren Materialismus braucht, in Richtung auf Ökologie zum Beispiel, Lebensqualität, solidarischere Gesellschaft. Drittens haben wir trotz Modernität noch eine Menge Restbestände von dumpfem, autoritärem Denken, das tief bis hinter die Nazi-Zeit reicht. Das kocht jetzt wieder hoch, nachdem es Jahrzehnte tabuisiert und marginalisiert war.

 

Wer ist Realist, der mit dem halbvollen oder der mit dem halbleeren Glas?

Horx: Der Trinker, denn das Glas ist immer zur Hälfte gefüllt. Prost!

  

Rhetorische Frage: War früher wirklich alles besser?

Horx: Viele Menschen werden im Lauf des Lebens grantig und bitter. Sie stecken in ihrem Leben fest, und das laden sie auf anderen ab. Und dann verherrlichen sie nostalgische Erinnerungen. Das ist ein Mangel an Leben und Liebe. Wenn man ein bisschen achtsam in die Welt schaut, dann sieht man auch, wie vieles gelingt, was für großartige Menschen und Entwicklungen es gibt.

Haben Sie Sorge wegen des Klimawandels, einer Euro-Krise oder des Freihandelsabkommens TTIP?  

Horx: Ja, aber auch wegen Fußpilz und des anhaltend kalten Wetters. Und wegen der immer schlimmer werdenden Fußgängerzonen.

Bitte einen Rat: Ihnen nimmt jemand im Café den letzten freien Platz weg. Was tun Sie?

Horx: Heiter auf ihn zugehen und ihn umarmen.

* Matthias Horx (60) gilt als einflussreicher Trend- und Zukunftsforscher. Er war viele Jahre Journalist (Die Zeit, Merian), gründete dann ein „Zukunftsinstitut”. Horx lebt in London, Frankfurt und Wien.

OZ

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