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MV aktuell Rostockerin geht zu Fuß durch die Salzwüste
Nachrichten MV aktuell Rostockerin geht zu Fuß durch die Salzwüste
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18:47 14.10.2018
Irene Burow (34), Jörn Theissig (47, Mitte) und Wolfgang Kulow (69) starten eine Abenteuertour durch Bolivien. Quelle: Heike Hiltrop
Rostock/Lübeck

Während im Norden in diesen Tagen noch mal der Hochsommer ausbricht, bereitet sich Irene Burow gedanklich auf eisige Winde und große Höhen vor. Die 34-jährige Rostockerin steht vor dem Abenteuertrip ihres Lebens. Gemeinsam mit den Extremsportlern Wolfgang Kulow (69) aus Schleswig-Holstein und Jörn Theissig (47) aus Wiesbaden will sie innerhalb einer Woche zu Fuß den Salar de Uyuni in Bolivien überqueren, den größten ausgetrockneten Salzsee der Welt – einer lebensfeindlichen Umgebung.

Das alles macht die frühere OZ-Redakteurin, die jetzt in Lübeck lebt, für einen guten Zweck. Das Trio will damit auf ein Tabuthema aufmerksam machen, indem es mit dem Lauf um Spenden für eine Geburtsklinik für genitalverstümmelte Frauen in Äthiopien bittet. Das Krankenhaus wird vom Abenteurer Rüdiger Nehberg und seiner Frau Annette Nehberg-Weber betrieben. Es ist ein Projekt ihrer Menschenrechtsorganisation Target.

Der Wüstenlauf in Bolivien Quelle: Jochen Wenzel

„Das muss man sich mal vorstellen: Gibt es etwas Entwürdigenderes, als die äußeren Geschlechtsteile zu verlieren und zugenäht zu bekommen? Die kleinen Mädchen haben keine Entscheidungsgewalt und werden ein Leben lang daran erinnert. Noch dazu stirbt jedes zweite Baby aufgrund dieser Tradition“, erklärt Irene Burow ihre Beweggründe für das Abenteuer.

Die Reise durch die unwirtliche Mondlandschaft des ausgetrockneten Salzsees bedeutet für die junge Frau selbst in erster Linie Verzicht auf die Annehmlichkeiten des Alltags. Denn ein Spaziergang wird die Tour nicht. Auf dem Gebiet des Salar de Uyuni, dessen Fläche knapp die Hälfte des Landes Mecklenburg-Vorpommern entspricht, existiert kaum Leben. Es gibt kein trinkbares Wasser, keinen Schatten, dafür viel Staub – und das Ganze auf einer Höhe von mehr als 3600 Metern. Die Salzwüste bietet tagsüber Temperaturen von 13 bis 20 Grad und nachts bis minus fünf Grad.

„Die Menschen kommen mit dem Nichts nicht mehr zurecht. Es ist immer etwas da, ein Mensch, Musik, Fernsehen. Aber Nichts? Ich habe auf meinen Reisen auf immer mehr verzichtet. Je weniger Komfort ich habe, desto besser geht es mir“, sagt die Journalistin, die 30 Jahre in Rostock gelebt und auch studiert hat. Was die 170 Kilometer Fußmarsch betrifft, sagt sie: „Man ist der Natur ganz nah – und damit auch sich selbst. Einen Fernseher habe ich schon lange nicht mehr. Die Natur hat die besten Programme.“

Ihre Tourpartner Kulow und Theissig haben mit Extremsport bereits Erfahrung. Wolfgang Kulow organisiert den jährlichen Extremsportwettkampf „Triple Ultra Triathlon“. Er ist in der Lübecker Bucht unter Wasser zehn Kilometer Fahrrad gefahren, durch die Sahara gelaufen und durchs Eismeer geschwommen. Jörn Theissig, Abteilungsleiter beim Bundeskriminalamt, wiederum liebt die Kälte. Dreimal hat er am Wettkampf Yukon Arctic Ultra teilgenommen, einem Extremlauf durch Eis und Schnee, 500 Kilometer bei Temperaturen,die nachts regelmäßig auf 35 Minusgrade fielen.

Auch Irene Burow ist gern rund um den Globus unterwegs. Über 20 Länder von Gambia bis Sri Lanka hat sie bereits erkundet – am liebsten auf eigene Faust. Mit dem Rucksack hat sie unter anderem Kolumbien, Schweden und die USA bereist. Sie liebt das Wandern, Klettern, Radfahren – und das Fotografieren. Dass sie mit den beiden Haudegen mithalten kann, darüber macht sie sich keine Sorgen: „Ich fühl’ mich gut aufgehoben.“

Zum Training hat das Trio zusammen eine Reise nach Lappland unternommen. Zur Ausrüstung gehören ein Fahrrad mit dicken Reifen mit einem Anhänger, in dem das Gepäck transportiert wird – allein 85 Liter Trinkwasser – , ein Satellitentelefon und ein GPS-Tracking-Gerät. Vor knapp zwei Wochen haben sich die Drei in der Schweiz auf 3600 Meter Höhe vorakklimatisiert.

Spenden für genitalverstümmelte Frauen

Der Spendenlauf über den Salar de Uyuni soll Geld für die Geburtshilfeklinik in der Danakil-Wüste in Äthiopien einbringen. Die Klinik ist spezialisiert auf die Entbindung und Behandlung von Frauen, die an den Folgen von Genitalverstümmelung leiden. Für betroffene Frauen und ihre Babys ist die Geburt ein tödliches Risiko. Die Klinik braucht dringend einen Krankenwagen, der etwa 22 700 Euro kostet. Stand bisher: 3887 Euro. Livetrack: unter www.facebook.com/Salztour

Spenden: Überweisung an Target e.V., Stichwort: „Salz“, Sparkasse Holstein, Iban: DE16 2135 2240 0000 0505 00.

Am 20.Oktober starten die Abenteurer den Wüstenmarsch, zu dem es einen Liveblog bei Facebook gibt. Irene Burows Mutter Annette Hemke-Schulz (59) verfolgt von einem kleinen Dorf an der Müritz aus die Reise ihrer Tochter live über einen GPS-Track mit. „Meine Tochter ist ja generell gern abenteuerlich unterwegs. Nach anfänglicher Sorge ist der Eindruck entstanden, dass sie so gut vorbereitet ist, wie noch nie. Weil meine Tochter losgeht, habe ich angefangen mich mit dem sensiblen Thema Genitalverstümmelung auseinanderzusetzen.“ Und sie ergänzt: „Es gilt das Versprechen: Wenn meine Tochter heil zurückkommt, dann kommt meine Spende für das außerordentliche Projekt. Aber daran habe ich keinen Zweifel.“

Virginie Wolfram und Hanno Kabel