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Tödlicher Irrtum eines DDR-Grenzers

Leipzig Tödlicher Irrtum eines DDR-Grenzers

NVA-Soldat erschießt 1964 an der Berliner Mauer den Unteroffizier Egon Schultz aus Rostock / Autor Michael Baade hält Erinnerung an seinen Freund wach

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Leipzig. Die mondlose Nacht zum 5. Oktober 1964 geht in die Geschichte des Kalten Krieges ein. Bis 23 Uhr bewachen Unteroffizier Egon Schultz (21) und Soldat Volker M. (25) einen Abschnitt der Berliner Mauer im nördlichen Stadtzentrum, dann müssen sie sich nahe der Grenze als Reserve bereithalten. Als dort gegen 0.20 Uhr zwei Stasi-Offiziere auftauchen, werden ihnen Schultz, M. und zwei weitere Grenzer zugeteilt. Eine Viertelstunde später ist Schultz tot.

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NVA-Soldat erschießt 1964 an der Berliner Mauer den Unteroffizier Egon Schultz aus Rostock / Autor Michael Baade hält Erinnerung an seinen Freund wach

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Jetzt, fast 52 Jahre später, spricht der einstige Soldat M. erstmals öffentlich über das Geschehen. Er war es, der in jener Nacht seinen Gruppenführer versehentlich erschoss. M. ist aufgewühlt: „Ich denke manchmal jetzt noch darüber nach, was mit Egon damals passiert ist. Es tut mir furchtbar leid.“ Heute würde er gern die Sekunden, in denen er den Abzug seiner Kalaschnikow durchzog, verdrängen, doch es gelingt ihm nicht.

Auch Schriftsteller Michael Baade (72) lässt die Tragödie keine Ruhe. Er und Schultz, zwei junge Lehrer aus Rostock, waren Freunde. Baade sammelt seit Jahrzehnten Material zu dem Fall. Jüngst ist sein Dokumentations-Band in erweiterter Form erschienen. Die DDR-Führung schob die Schuld dem Westen in die Schuhe. Der spätere Partei- und Staatschef Erich Honecker (1912-1994) hielt am Sarg des Erschossenen die Trauerrede. Den Unteroffizier hätten „Banditen, die aus dem Westen kamen, heimtückisch ermordet“, behauptete er.

1994 stieß die bundesdeutsche Justiz auf die Wahrheit. Der ein paar Jahre später im Stasi-Archiv entdeckte Bericht der DDR-Gerichtsmedizin bestätigte diese Erkenntnisse: Ab April 1964 graben Westberliner Fluchthelfer einen 145 Meter langen Tunnel in den Osten. Er wird am 3. Oktober fertig und endet auf dem Hof der Strelitzer Straße 55. Bis zum Abend des 4. Oktober fliehen auf diesem Weg 57 Menschen, die von Kurieren herangelotst werden. Die Stasi bekommt davon Wind und sucht fieberhaft nach dem Tunnel-Standort. Als Hauptmann Rudolf S. und ein Kollege gegen Mitternacht das Haus in der Strelitzer Straße betreten, werden sie im Flur von den Schleusern Christian Z. und Reinhard F. angesprochen. Geistesgegenwärtig behaupten die Stasi-Männer, sie wären Flüchtlinge und müssten noch mal kurz weg, um einen Gefährten zu holen.

Gegen 0.30 Uhr kehrt Stasi-Offizier S. zurück, im Schlepptau die NVA-Verstärkung. Bei Ankunft der Gruppe glaubt Fluchthelfer F. im dunklen Treppenhaus erneut, es handele sich um Flüchtlinge. Als er die Situation schließlich durchschaut, fordert Stasi-

Hauptmann S. ihn zum Mitkommen auf. Stattdessen weicht der Fluchthelfer in den Hof zurück.

Dort steht bereits sein Mitstreiter Z. – und die Sache läuft aus dem Ruder: Stasi-Mann S. und Egon Schultz betreten den Hof, wo Z. mit einer Pistole plötzlich schießt. Der Offizier der Staatssicherheit zieht sich wieder ins Treppenhaus zurück und befiehlt dort dem Soldaten Volker M., das Feuer zu erwidern. Der Rest ist Sekundensache. Schultz bricht auf dem Hof nach einem – nicht tödlichen – Treffer des Pistolenschützen zusammen und die Schleuser entkommen durch den Tunnel. Volker M. gibt mit seiner Kalaschnikow drei kurze Feuerstöße ab. Alle neun Schüsse treffen jedoch Egon Schultz, einer davon tödlich. Soldat M. gibt zwei Tage später zu Protokoll: „Die Waffe hatte ich im Hüftanschlag und stand beim Schießen hinter dem verriegelten Türflügel.“ Er habe in Richtung des hinteren Hofteils gefeuert, „ohne ein genaues Ziel erkennen zu können“.

Volker M. wurde erst durch die Ermittlungen von 1994 bewusst, dass er den tödlichen Schuss abgab. Juristisch blieb der Fall für M. folgenlos, da er laut Staatsanwaltschaft „in Notwehr und auf Befehl“

gehandelt und seinen Gruppenführer versehentlich getötet hat.

Tafel erinnert in Berlin an Egon Schultz

Egon Schultz (1943-1964) war Lehrer an einer Schule in Rostock. Als Unteroffizier der DDR-Grenztruppen wurde er während eines Schusswechsels mit Fluchthelfern von einem DDR-Grenzer erschossen. Fluchthelfer Z. räumte gegenüber der Westberliner Staatsanwaltschaft ein, als Erster geschossen zu haben. Die dortige Justiz legte den Fall zu den Akten. Z. aber hielt sich für den Todesschützen und litt bis zu seinem Tod unter Schuldgefühlen. Seit 2004 erinnert an der Strelitzer Straße in Berlin eine Tafel an Schultz.

Armin Görtz

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