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MV aktuell Tränenreiches Wiedersehen: Nach 50 Jahren endlich vereint
Nachrichten MV aktuell Tränenreiches Wiedersehen: Nach 50 Jahren endlich vereint
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00:06 27.10.2015
So sah Ralf Deutschmann mit einem Jahr aus. Das Foto hat er von seiner leiblichen Mutter bekommen. Quelle: Fotos: Privat/sat1
Güstrow

Nach 50 Jahren können sie sich endlich wieder in die Arme schließen: Angelika Jörs (70) und ihr Sohn Ralf. Tränen kullern beim Wiedersehen, beide drücken sich, so fest sie können. „Ich hatte jeden Tag Sehnsucht und Schuldgefühle“, sagt Angelika Jörs. Mit einem Gute-Nacht-Kuss hatte sie sich von ihrem Kind verabschiedet — damals im Jahr 1965. Die Ludwigslusterin weiß zu dem Zeitpunkt nicht, dass es das letzte Treffen für eine sehr, sehr lange Zeit werden sollte: „Plötzlich war Ralf einfach weg, er wurde zwangsadoptiert.“

Angelika Jörs wächst im Kinderheim in Güstrow (Landkreis Rostock) auf. Mit 17 wird sie schwanger und bekommt einen Jungen. Weil sie noch minderjährig ist, wird Ralf im benachbarten Säuglingsheim untergebracht. Dort besucht sie ihn jeden Tag. „Ich wollte ihn zu mir holen, sobald ich volljährig war“, erzählt die Mutter. Doch so schnell geht das nicht. Erst muss noch eine Wohnung her — zu DDR-Zeiten keine leichte Angelegenheit. Doch nach der Heirat mit Peter klappt es. Zu Silvester 1966 bekommt das Ehepaar eine Wohnung in Ludwigslust, will Ralf nachholen. Doch der Dreijährige ist verschwunden. Verzweifelt wendet sich Angelika Jörs an ihren Vormund. Der entgegnet nur kalt: „Du wirst schön den Mund halten, oder willst Du, dass noch etwas Schlimmeres passiert?“

Im Nachhinein erfährt Angelika Jörs, dass man sie ausgetrickst hat. Sie soll schriftlich zustimmen, dass Ralf vom Säuglings- ins Kinderheim verlegt wird — doch in Wirklichkeit sind es Adoptionsunterlagen. Die ahnungslose Frau erkennt den Betrug zu spät. Von einem Tag auf den anderen verliert sie ihren Sohn. Für immer? Das kann und will sie nicht glauben. Doch jeder Versuch, etwas bei den Behörden zu erfahren, scheitert. Auch Recherchen im Internet durch ihren jüngsten Sohn Felix (heute 27) verlaufen erfolglos. Der schlägt ihr deshalb vor: Versuch es doch mal bei Julia Leischik!

Die Reporterin sucht für den Fernsehsender Sat. 1 nach vermissten Menschen. Und tatsächlich, Julia Leischik meldet sich und geht auf Spurensuche in Güstrow. Dank ihrer guten Kontakte zu Behördenmitarbeitern erfährt sie, dass Ralf mit Nachnamen Deutschmann heißt. Und in Güstrow gibt es einen Deutschmann. Als sie ihn in der Barlachstadt ausfindig macht, glaubt er die Geschichte von seiner verlorenen Mutter nicht. Er sei nicht adoptiert worden, ist der 53-Jährige überzeugt. Das hätten ihm seine Eltern doch erzählt! Oder nicht? Ralf Deutschmann beginnt zu zweifeln. Seine Eltern kann er nicht mehr fragen, sie sind bereits verstorben. Deshalb gibt er Julia Leischik eine Vollmacht, mit der sie bei den Behörden nachfragen darf. Und die bestätigen die Adoption.

Im August war das Fernsehteam in Güstrow und Ludwigslust unterwegs, am Sonntag wurde die Sendung ausgestrahlt — mit einer Rekordeinschaltquote (4,4 Millionen Zuschauer, 14,5 Prozent Marktanteil).

Angelika und Ralf haben natürlich auch zugeschaut — beide mit Tränen in den Augen. Seit ihrer Wiedervereinigung treffen sie sich regelmäßig. „Meist jedes Wochenende“, erzählt Ralf Deutschmann. Der Single ist glücklich, eine neue Familie gefunden zu haben. Die besteht unter anderem aus fünf Brüdern. „Ich bin der Älteste, alle haben mich herzlich aufgenommen“, freut sich der 53-Jährige. Und mit glänzenden Augen sagt er: „Es ist so schön, meine Mama zu haben.“

Zwangsadoption in der DDR
Experten gehen davon aus, dass es zwischen 1960 und 1989 in der DDR mindestens 10 000 Adoptionen gab, die ohne das Einverständnis der leiblichen Eltern abgewickelt wurden. Die Eltern waren oft politisch Verfolgte, die im Gefängnis wegen Staatshetze oder Republikflucht saßen und deren Kinder man ohne Wissen der Eltern in staatstreue Familien steckte. Nach Angaben des Berliner Vereins „Hilfe für Opfer von DDR-Zwangsadoptionen“ nahmen die Behörden auch fast immer jungen Müttern, die im Heim aufgewachsen sind oder im Jugendwerkhof gesessen haben, die Kinder weg.



Kerstin Schröder

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