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MV aktuell Treuhand: Im Osten noch immer verhasst
Nachrichten MV aktuell Treuhand: Im Osten noch immer verhasst
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00:00 05.01.2018
Rostock

Fast 30 Jahre nach dem Ende der DDR leiden nicht wenige Ostdeutsche noch an den Folgen der gigantischen Umwälzung. Vor allem der radikale Privatisierungskurs der Treuhandanstalt löste bei vielen, die von einem auf den anderen Tag ihre Arbeit verloren, regelrechte Traumata aus. „Für viele Ostdeutsche ist die Treuhand ein Symbol der Unterwerfung“, sagt der Historiker Marcus Böick (34) von der Ruhr-Universität Bochum, der die Rolle und die heutige Wahrnehmung der heftigst umstrittenen Institution im Auftrag von Iris Gleicke (SPD), Ostbeauftragte der Bundesregierung, ein Jahr lang untersucht hat.

Für seine Studie befragte Böick, der im Osten aufwuchs, 500 Passanten in Eisenach (Thüringen) und im sächsischen Leipzig. Außerdem führte er Interviews mit 30 ehemaligen Treuhand-Managern und -Mitarbeitern aus Ost und West. Sein Befund: In den alten Bundesländern interessiert sich heute kaum noch jemand für die Anstalt, die zwischen 1990 und 1994 insgesamt 8000 DDR-Betriebe in die Marktwirtschaft überführen sollte.

Anders im Osten: Hier ist das Thema noch immer präsent – und zwar bei der Altersgruppe 40 Plus. Die Altersgruppe bewertet die Arbeit der Treuhand im Durchschnitt mit einer schlechten Schulnote von 4,1. „Unter älteren Ostdeutschen gärt es“, sagt Böick. Von Jüngeren kann dagegen nur noch jeder Dritte etwas mit dem Begriff „Treuhand“ anfangen.

Die Anstalt sei zu einer Art „Bad Bank“ („schlechte Bank“) geworden, bei der alles, was bei der Vereinigung schiefgelaufen ist, abgeladen wurde, meint Böick.

Im Nordosten sorgten vor allem gescheiterte Privatisierungen für Aufsehen, etwa der Vulkan-Skandal um die Werften, bei dem dreistellige Millionenbeträge an Ostfördermitteln im Westen versickerten, sowie die Pleite des Faserplattenwerks in Ribnitz-Damgarten.

„Die Angst, den Arbeitsplatz zu verlieren, wirkt sogar noch bei Leuten nach, die selbst gar nicht betroffen waren“, meint Helmut Holter (Linke), der in MV den Untersuchungsausschuss zu den Treuhand-Pleiten leitete. Diese Verlustangst erschütterte in einer ganzen Generation das Vertrauen in Staat und Politik. Und sie sei einer von mehreren Gründen für den Zulauf bei Pegida und AfD.

„Die Abwicklung der Betriebe haben viele als Demütigung erfahren“, sagt Johann-Georg Jaeger, heute Landesvorsitzender der Grünen und früherer DDR-Bürgerrechtler. Obwohl die Treuhand viele Fehler machte, hätte es keine andere Möglichkeit gegeben, die Betriebe „auf Augenhöhe“ mit dem Westen zu bringen. Jaeger: „Die DDR war wirtschaftlich komplett am Ende.“ Das hätten viele zwar nicht hören wollen. Aber in den Betrieben sei jeden Tag zu spüren gewesen, dass das System vor die Wand fährt. Die Wunden, die die Treuhand riss, waren nicht vermeidbar gewesen, meint Jaeger: „Das ist der Preis für die friedliche Revolution.“ Forscher Böick bekam nach Veröffentlichung der Studie bittere Beschwerdebriefe. Ex-Treuhandleute, größtenteils ehemalige Manager aus dem Westen, sahen ihre aufopferungsvolle „Aufbauarbeit“ zu wenig gewürdigt. Ostdeutsche Rentner bemängelten dagegen, Böick habe die Untaten dieser „Verbrecherbande“ nicht genügend bloßgestellt.

Gerald Kleine Wördemann

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