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Trittin: Die Landesregierung vergisst den einfachen Landwirt

Neustrelitz Trittin: Die Landesregierung vergisst den einfachen Landwirt

Die Förderung von wenigen Großbetrieben führt nach Ansicht des grünen Spitzenkandidaten zur Zerschlagung ländlicher Strukturen.

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Spitzenkandidat der Grünen, Jürgen Trittin.

Quelle: Stefan Sauer

Neustrelitz. Der grüne Spitzenkandidat Jürgen Trittin war auf dem Landesparteitag der Grünen am Sonnabend in Neustrelitz zu Gast. Mit der OZ sprach er über grüne Agrar- und Energiepolitik.

OSTSEE-ZEITUNG: Wie sind Sie nach Neustrelitz gekommen?

Jürgen Trittin: In unserem Wahlmobil „Jürgen on Tour“. Das ist ein Ecomatic-Bus.

OZ: Ein anderer Grüner, der niedersächsische Agrar-Staatssekretär Udo Paschedag, ist gerade über seine Vorliebe zu großen Autos gestolpert...

Trittin: Es war ein Hybrid-Auto, das aber einem Staatssekretär nach den Richtlinien nicht zusteht und der nun entlassen ist.

OZ: Claudia Roth hat Paschedags Audi-A8-Bestellung als eindeutiges Fehlverhalten gebrandmarkt. Ein grüner Staatssekretär nehme sich nicht ein größeres Auto als ihm zustehe, kritisiert Ihre Partei-Kollegin. Wie ist Ihre Einstellung zu dem Fall? Hätte es nicht auch ein Audi A6 getan, wie ihn die Dienstwagenrichtlinie vorschreibt?

Trittin: Herr Paschedag ist nicht wegen des Autos, sondern aufgrund eines gestörten Vertrauensverhältnisses zum Regierungschef in den vorzeitigen Ruhestand gegangen. Ansonsten wiederhole ich gern, dass wir mit einem Öko-Bus unterwegs sind — dessen CO2-Ausstoß komplett kompensiert wird. Übrigens eine sehr interessante Fahrt nach Neustrelitz.

OZ: Warum?

Trittin: Auf dem Weg hierhin sah ich den Wegweiser nach Dummerstorf und musste schmunzeln. Angela Merkel fordert, auch Radfahrer müssten sich an Verkehrsregeln halten — die Kanzlerin attackiert Kampfradler. Ich frage mich, ob sie dabei wohl an Till Backhaus gedacht hat, den Landwirtschaftsminister der SPD. Der soll zu allem Überfluss auch noch den Trecker seiner Ex-Lebensgefährtin im landeseigenen Gut Dummerstorf versteckt haben. Das ist schon kurios...

OZ: Herr Backhaus ist als Minister ein glühender Befürworter der konventionellen Landwirtschaft...

Trittin: Die Landesregierung von Mecklenburg-Vorpommern vertritt seit Jahren ziemlich unverhohlen die Interessen einiger weniger Großproduzenten. Sie vergisst dabei den einfachen Landwirt.

Ackerland gerät mehr und mehr in den Besitz von externen Industriellen. Dadurch werden ländliche Strukturen zerschlagen. Arbeitsplätze gehen verloren. In keinem

anderen Bundesland

sind so wenige

Menschen in

Relation zum

Produzierten

beschäf-

tigt wie im

Nordosten.

OZ: Wer trägt dafür die Verantwortung? Till Backhaus? Die SPD? Die Große Koalition?

Trittin: Wenn man die gesamte Entwicklung im Bund betrachtet, ist die CDU weit schlimmer als die SPD. Die Union ist der parlamentarische Arm der Agrarindustrie. Die dürfen sich zu allem Überfluss auch noch schamlos bei EU-Subventionen bedienen. Wir haben uns immer für eine absolute Deckelung der Förderung ausgesprochen. Und öffentliche Gelder sollen sich künftig auf Leistungen bei Umwelt- und Tierschutz und den Erhalt von Kulturlandschaften konzentrieren und die bäuerliche Landwirtschaft stützen.

OZ: Vergibt die rot-schwarze Landesregierung zurzeit Chancen bei der Energiewende?

Trittin: Sie müsste stärker als bislang die dafür eigentlich zuständige Bundesregierung drängen, den Ausbau von Offshore-Anlagen und das Einspeisen des dadurch erzeugten Stroms voranzutreiben. In diesem Bereich sind schnelle Lösungen wichtig. Die Werften in diesem Land warten händeringend darauf. Sie verdienen ihr Geld mehr und mehr im Offshore-Segment. Und noch eines: Wir werden neben Wasser zunehmend Biogas als Speicher brauchen, wenn der Wind mal nicht weht oder die Sonne nicht scheint. Momentan belohnt die Regierung die Vernichtung von Speicherkapazitäten. Sie vergütet die Verstromung von Biogas, das wenig effiziente Verbrennen auf einzelnen Höfen, nicht jedoch das Einspeisen ins bundesweite Gasnetz. Das muss sich ändern.

OZ: Eine interne Grünen-Umfrage soll ergeben haben, dass sich 15 von 16 Grünen-Fraktionschefs in den Landesparlamenten durchaus Schwarz-Grün nach dem 22. September im Bund vorstellen können. Was sagen Sie dazu?

Trittin: Wie kam es dann dazu, dass es in allen Ländern, in denen zuletzt ein Wechsel unter grüner Beteiligung stattfand, zu Rot-Grün gekommen ist, obwohl auch Schwarz-Grün möglich gewesen wäre? Wohl doch, weil auch in den Ländern Schwarz und Grün nicht zusammenpassen.

OZ: Wie ist Ihre Einstellung dazu?

Trittin: Wir wollen 50 Prozent erneuerbare Energien bis 2020, eine Bürgerversicherung schaffen, das Betreuungsgeld abschaffen, Banken finanziell für ihr Missmanagement in die Verantwortung nehmen, Reiche durch eine Vermögensabgabe am Schuldenabbau beteiligen und einen Mindestlohn einführen. Das alles geht ganz gewiss nicht mit der CDU.

OZ: Also kein schwarz-grünes Experiment?

Trittin: Politisch geht das nicht zusammen.

 

Jörg Köpke

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