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Unbekannte Schätze werden gesichtet

Schweri Unbekannte Schätze werden gesichtet

Archäologische Funde aus MV nach langen Provisorien erst mal sicher untergebracht

Schweri. n. Schatzkammern reichen nicht aus für Mecklenburg-Vorpommerns archäologische Funde. Ganze Schatzhallen hat das Land angemietet.

 

OZ-Bild

Landesarchäologe Detlef Jantzen im Depot vor historischen Wagenrädern.

Quelle: Jens Büttner; Dpa

Jedes vierte Stück birgt für uns eine echte Überraschung.“ Archäologe

Frank Wietrzichowski

Bis unter die Decken stapeln sich auf Hochregalen beschriftete Pappkartons mit Fundstücken. Keramik- neben Glasscherben, undefinierbare Eisenklumpen neben menschlichen Skelettresten und Tierknochen.

„700 Paletten aus Einzeldepots werden hier gelagert“, sagt Landesarchäologe Detlef Jantzen. Es müssen Millionen Fundstücke sein. Jährlich kommen neue hinzu.

Bis 2015 wurden die Funde an mehreren Orten teils unter völlig unzureichenden Bedingungen aufbewahrt. „Eine Schande“, nannte Kultusminister Mathias Brodkorb (SPD) die Provisorien. Manches ging verloren. Schwerster Verlust: drei 7000 Jahre alte Einbäume, die unsachgemäß gelagert zerfielen. Jetzt ist alles im vorläufigen Depot in Schwerin in Sicherheit.

Im 2. Halbjahr 2017 soll laut Finanzministerium in Schwerin der Bau eines Zentraldepots für Landesarchäologie und Staatliche Museen beginnen. Jantzen hofft, dass es im Neubau vor allem im Werkstattbereich besser wird. Derzeit fehlen Möglichkeiten zum ersten Reinigen der Fundstücke, zum Röntgen und Entsalzen. 

Im Übergangsdepot sind Mitarbeiter dabei, den Bestand erst mal zu erfassen. Heißt: Man weiß nicht, was man hat, man findet nicht alles und kann damit nicht arbeiten. Ein dreiköpfiges Team sichtet die Funde und gibt Daten in Computer ein. „Ausgrabungen im Depot“ nennt Werkstattleiter Lorenz Bartel dies. „Jedes vierte Stück birgt für uns eine echte Überraschung“, sagt Archäologe Frank Wietrzichowski. Gerade hat er das Bruchstück einer arabischen Silbermünze (8./9. Jahrhundert) wiederentdeckt, die einst in Pasewalk gefunden wurde.

In Werkstätten reinigen Frauen unterm Mikroskop unscheinbare Dinge aus Eisen, Holz, Leder, konservieren sie dann. Am liebsten mag Restauratorin Anica Kelp schöne Goldobjekte oder Silberschmuck, wie sie sagt. Doch der Alltag sieht anders aus. Daniela Drechsler klebt Keramikscherben – bei Neubrandenburg gefunden – zur fast vollständigen Urne zusammen.

In Klima-Depots lagern Zehntausende Objekte aus Metall und organischem Material, im Nasslager Tausende Stücke, die aus dem Wasser geborgen wurden, wie Schiffsteile. Perfekt archiviert sind bislang wertvolle Stücke im Metalldepot. Münzen, Perlen, Schmuck aus Gold, Silber, Bronze lagern in Schubladenschränken. Eisenschwerter, Messer oder Beschläge liegen in Regalen. Alle Stücke sind beschriftet, elektronisch erfasst, 25000 Datensätze bisher. Die Objekte sind für Forschung oder Ausstellungen rasch verfügbar.  

„Die archäologischen Funde sind die einzige Quelle für die ersten 11 000 Jahre unserer Geschichte seit der letzten Eiszeit“, erklärt Jantzen. „Aus der Zeit gibt es keine schriftliche Überlieferung.“

Zudem sind mit Hilfe der DNA-Technik genetische Analysen von Knochen möglich, die Auskunft über Krankheiten, Ernährung und Bevölkerungsstruktur vor Tausenden Jahren geben könnten.

Kostbar: doppelköpfiges Slawen-Idol und 3000-jährige Wagenräder

30 Archäologen etwa graben in MV, gut 300 ehrenamtliche Bodendenkmalpfleger sichern Schätze. Öffentlich gezeigt wird von archäologischen Funden kaum etwas. Es fehlt ein Archäologisches Landesmuseum. Gestritten wird darum seit 25 Jahren. Kultusminister Brodkorb will demnächst einen Standort vorschlagen und rechnet für 2016 mit einer Entscheidung des Landes. Zu den kostbarsten Funden im Depot gehören zwei Holzobjekte: das doppelköpfige slawenzeitliche Idol vom Tollensesee bei Neubrandenburg und zwei 3000 Jahre alte Wagenräder, die bei Kühlungsborn aus der Ostsee geborgen wurden und für Norddeutschland eine Rarität sind.

Birgit Sander

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