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Uralte Schätze aus dem All

Greifswald Uralte Schätze aus dem All

Die Uni Greifswald hat ihre Meteoriten-Sammlung aufgearbeitet / 1000 Exponate wieder für Wissenschaft verfügbar

Greifswald. Eine gewaltige Explosion erschüttert die Ebene: Mörderische Hitze und eine tödliche Druckwelle vernichten innerhalb von Sekunden nahezu alles Leben in einem Umkreis von 100 Kilometern. Gewaltige Wolken aus Staub und verdampftem Gestein steigen in den Himmel. Sie verdunkeln die Sonne, vergiften die Atmosphäre. Wenig später regnet es – schmutziges Wasser, Staub, Steine, Glas. Noch 450 Kilometer entfernt vom Ort des Infernos fallen große, schwarz-grüne Schlackeklumpen zu Boden.

Das ist kein Horrorszenario, ausgedacht von Drehbuch-Autoren aus Hollywood. Sondern ein reales Ereignis. 14,6 Millionen Jahre ist es her, als an der Grenze zwischen dem heutigen Bayern und Baden-Württemberg, im Nördlinger Ries, ein gewaltiger Meteorit auf die Erde stürzte. „Ein riesiger Brocken mit rund 800 Metern Durchmesser, rund 70 000 Kilometer pro Stunde schnell“, erklärt Stefan Meng, Paläontologe und Sammlungsleiter an der Greifswalder Uni. „Druck und Temperatur müssen unvorstellbar hoch gewesen sein.“ Zurück bleibt ein mächtiger Krater mit 20 Kilometern Durchmesser und 500 Metern Tiefe – bis heute einer der am besten erhaltenen Impaktkrater der Erde.

Und: Zurück bleiben Gesteinsreste. Stefan Meng zeigt einen Schlackeklumpen, der damals – weit entfernt vom eigentlichen Aufschlagsort – vom Himmel fiel. Schwarz ist er, tropfenförmig, an einer Bruchstelle rasiermesserscharf. „Verdampftes und dann in der Atmosphäre wieder kondensiertes Gestein“, erklärt Meng.

Der sogenannte Tektit liegt jetzt in der neuen „Schatzkammer“ der Uni. Ganz oben, unter dem Dach des Instituts für Geographie und Geologie. Fein säuberlich beschriftet, verstaut in einem grauen Stahlschrank. Eine dicke Feuerschutztür verschließt den klimatisierten Raum. Hier, in der „Typen- und Originale-Sammlung“, lagert eine wissenschaftshistorisch überaus bedeutsame Kollektion: 400 verschiedene Meteoriten. Hauchdünne Meteoriten-Scheibchen für mikroskopische Untersuchungen, sogenannte Dünnschliffe. Uralte, vergilbte Original-Unterlagen. Tektite. Pseudometeoriten, also wie Meteoriten aussehende Gesteine irdischen Ursprungs. Insgesamt rund 1000 Exponate.

Die viel zu erzählen haben: „In den Meteoriten finden sich Informationen über die Entstehung des Sonnensystems“, erklärt Anna Cerny, angehende Geologin und Meteoriten-Expertin. Die Greifswalder Sammlung sei ein wahrer Schatz. Da Meteoriten oft zerteilt würden, erklärt sie, seien die Exponate „wie Sicherheitskopien“.

Die „alle Wirren, alle Weltkriege gut überstanden haben“, ergänzt Stefan Meng. Denn: Der größte Teil der Sammlung ist schon etwas älter und geht auf Emil Cohen (1842-1905) zurück. Der Greifswalder Professor für Mineralogie und Geologie trug damals Meteoriten aus aller Welt zusammen. Darunter auch Eisen-Nickel-Meteoriten, die, aufgesägt, an der Schnittstelle typische, sogenannte Widmanstätten-Figuren zeigen. Diese können nur entstehen, wenn ein geschmolzener metallischer Körper sehr langsam, über Millionen von Jahren, abkühlt. Das werde „nur im Kern von Himmelskörpern“

erreicht, etwa in Asteroiden, erklärt Mineraloge Georg Grathoff.

Nur selten, weltweit etwa fünfmal pro Jahr, werden Meteoritenfälle beobachtet. Doch schon seit Jahrhunderten werden die seltenen Überreste gesammelt. Bemerkenswert sei, dass die Menschen schon damals Meteoriten als solche erkannt haben, erklärt die Geologin Josefine Lenk. Ganz ohne Mikroskope und Massenspektrometer.

Bereits 1492 wurde der nach dem Funddatum älteste Meteorit der Greifswalder Sammlung entdeckt. Und zwar in Böhmen. Den weitesten Weg nach Greifswald – auf der Erde – hatte ein Meteorit, der in Australien gefunden wurde. Und der einzige aus dem Nordosten: ein 2,4 Gramm leichter Steinmeteorit. „Er wurde 1861 in Menow bei Fürstenberg gefunden. Das war damals Mecklenburg, heute gehört es zu Brandenburg“, sagt Josefine Lenk.

Sie hat die Sammlung in den letzten Monaten aufgearbeitet, systematisiert, katalogisiert. Jetzt könne wieder wissenschaftlich mit den Stücken gearbeitet werden, erklärt Meng. Josefine Lenk würde gern weiter an der Sammlung arbeiten, die Stücke digital erfassen, ins Netz stellen und so der Öffentlichkeit zugänglich machen. Und schließlich lagern in Uni-Kellern und -Archiven „noch kistenweise ungehobene Schätze“.

Thomas Luczak

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